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Samstag, 22. September 2018

[Schlagen, streichen, bürsten, werfen...]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Schlagen, streichen, bürsten, werfen...

Mario Bertoncini, der Entdecker des Klavierinnenraums

von Reinhold Friedl, aus: Neue Zeitschrift für Musik 1/00

Seite 2

Henry Cowell hatte bereits im zarten Alter von fünfzehn Jahren ein Klavier öffentlich mit Fausthandschuhen traktiert und als Erster Anfang der zwanziger Jahre den Griff in die Saiten des Flügels gewagt. Mit Fingerkuppe oder -nagel wird quer über die Saiten gestrichen, und durch stummes Halten einiger Tasten mit der zweiten Hand werden ausgewählte Akkorde aus dem glissandierenden Klang "herausgefiltert". Trotz des großen Charmes jener Stücke ist die angewandte Technik wenig wandelbar und damit kaum entwicklungsfähig.

Auf seinen Lehrer Cowell berief sich John Cage, dessen "präpariertes Klavier" - worauf Pierre Boulez 1949 hinwies - "anstelle dessen, was wir reine Töne nennen könnten, Frequenzkomplexe bietet".(3) Das heißt aber nicht nur, dass Geräusch und Klang hier Thema werden, sondern auch, dass "die Problematik darin liegt, daß von vorneherein jedem Klang eine Individualität gegeben wird".(4) Klangliche Variation wird unmöglich, da die Präparation während des Spiels nicht veränderbar ist.

Somit scheint das präparierte Klavier geradezu das Paradebeispiel für die von Adorno ins Spiel gebrachte These zu sein, dass Material und Technik untrennbar mit dem Werk verbunden sind, wenn nicht gar dieses bereits definieren. Werke für präpariertes Klavier konnten sich daher kaum etablieren. Der Abschied von der Ära der bürgerlichen Klangkommode war endgültig besiegelt: Auch hier tat sich keine Perspektive für ein weites, neues Repertoire auf.

Dass das Klavier das Singen dann doch noch lernte, sei's um einen poetischen Abgesang zu zelebrieren, sei's um zu neuen Höhenflügen anzusetzen, blieb bisher seltsam unbemerkt. Kaum zu trennen war diese Entwicklung von der Rückwirkung der elektronischen Musik auf instrumentale Spieltechniken, auf die beispielsweise auch Helmut Lachenmann mit seiner instrumentalen Musique concrète anspielt.

Mario Bertoncini, der von Beginn an zur Gruppe "nuova consonanza", die Anfang der 60er Jahre von Franco Evangelisti gegründet worden war, gehörte und der nicht nur als Pianist unter Dirigenten wie Bruno Maderna oder Ernest Bour konzertiert, sondern auch bei Gottfried Michael König elektronische Musik studiert hatte, war auf die Idee gekommen, anhaltende Klänge im Flügel zu erzeugen. Alle wesentlichen Techniken neuer, variabler Klangerzeugung im Innern der Flügels - wie Streichen der Klaviersaite mit Bogenhaaren, selbstständig ricochierende Gegenstände auf den Saiten, hohe Pfeiftöne durch Reiben der Saite, mittelbares Anregen der Saiten über fest verbundene, gespannte Bogenhaare, Plastikschnüre oder Drähte - hat er im 1964 in der Römischen Nationalgalerie uraufgeführten Werk "Cifre" (1964-67) entwickelt und ausgearbeitet. Durch die enorme Spannung der Klaviersaite ist der gestrichene Ton wesentlich obertonärmer als der eines herkömmlichen Streichinstruments. Dies ermöglicht zum einen eine viel größere Verschmelzung mehrerer, gleichzeitig gestrichener Töne zu einem homogenen Klang, zum anderen können einzelne Obertöne durch die Wahl der Strichstelle sehr sauber herausgespielt werden.

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