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Montag, 26. September 2022

[Diskussion]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Diskussion

Wie entsteht musikalische Bildung?

von Wilfried Gruhn / Lucia Sziborsky, aus: Musik & Ästhetik Oktober 1999

Seite 2

Trotz all dieser Bemühungen um Musik und musikalische Breitenbildung scheint sich dennoch nicht viel geändert zu haben: Immer noch werden öffentlich "gravierende Defizite im Bereich der musikalischen Bildung" beklagt (Leopoldskroner Deklaration 1998), obwohl es doch immer Musikunterricht gab, wir uns an glänzenden Statistiken des Wettbewerbs "Jugend musiziert" berauschen, auf Zuwachsraten im Musikmarkt verweisen und unsere Musiklehrer -- Instrumentallehrer wie Schulmusiklehrer -- an Instituten ausbilden, die zwar ihre Probleme und Schwierigkeiten haben, sich jedoch ihres hohen Rangs und wissenschaftlichen bzw. künstlerischen Niveaus rühmen. Vielleicht tut es in solcher Situation not, den Möglichkeitssinn zu aktivieren und einmal zu fragen, ob alles so sein müsse, wie es ist, oder ob es nicht auch ganz anders sein könne. Als einen ersten Schritt in diese Richtung wollen wir zu klären versuchen, was musikalische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich ist, was von ihr erwartet wird und was sie leisten kann.

Musikalische Bildung -- Auftrag und Erwartung

1. These: Musikalische Bildung zeigt sich in dem Vermögen, Musik musikalisch erfahren, erleben, darstellen und verstehen zu können. Nicht Wissen über Musik, sondern Kompetenz in Musik ist ihr Merkmal -- Kompetenz, die sich in Produktion und Reproduktion, Improvisation und Interpretation, Empathie und kritischer Beobachtung niederschlägt. Musikalische Bildung hat, wer eigene musikalische Gedanken angemessen ausdrücken, fremde darstellen und verstehen, sowie beide beurteilen und ggf. verändern kann. Von der Musikerziehung in allen ihren Sparten erwarten wir die Förderung musikalischer Bildung. Diese erblicken wir meist in der Förderung instrumentaler und vokaler Leistungen, deren Nachweis ein erfolgreiches Abschneiden in Wettbewerben darstellt. Im schulischen Bereich erwarten wir Kenntnisse über musiktheoretische Sachverhalte und Einblicke in geschichtliche Entwicklungen, musikalische Gattungen und Stile. Ein Gebildeter weiß eben, daß man nicht nach jedem Satz einer Sinfonie applaudiert, daß es sich bei einem Solokonzert um eine dreisätzige Form für ein Soloinstrument mit Orchesterbegleitung handelt oder daß ein Klaviertrio nicht für drei Klaviere geschrieben ist, sondern ein Trio mit Klavier (und Violine und Cello) bezeichnet. Man erwartet vom Musikunterricht in der Schule natürlich auch, daß man Tonleitern und die Notenschrift lernt, und kann dafür auch mehr oder weniger einleuchtende Begründungen anführen, die um so mehr überzeugen, je deutlicher man sich die Ausgangsposition dessen zu eigen macht, der argumentiert. Der traditionell an klassischer Musik ausgebildete Musiker wird selbstverständlich anführen, daß die Notenschrift unverzichtbar sei, um die Werke aufzuführen und analytisch zu verstehen. Kein Germanist würde sich ja mit der mündlichen Überlieferung von Hölderlins Gedichten zufriedengeben. Aber aus der Sicht des Schülers einer Rockband hat das gar keinen Sinn; auch ein hochgebildeter Musiker aus Indonesien oder Indien würde eine solche Argumentation nicht verstehen. Muß es also so sein, daß die Schule die Theorie und das Wissen, der Instrumentalunterricht das Können für die Reproduktion von Werken als Hauptinhalte der Musikerziehung ausweisen, und sind wir alle nicht stolz und froh, solange unsere Kinder gut bei "Jugend musiziert" abschneiden und unsere Schulensembles bei Konzerten Lob und Anerkennung erhalten? Ist das schon musikerzieherische Arbeit zur Vermittlung musikalischer Bildung? Demgegenüber wird musikalische Bildung hier als das Vermögen beschrieben, Musik musikalisch erfahren, erleben, darstellen und verstehen zu können. Es geht also um Musik-Kompetenz. Was ist damit gemeint? Sprach-Kompetenz meint die Fähigkeit, Sprache sprechen und verstehen zu können, d. h. in den Strukturen sprachlicher Grammatik eigene Gedanken entwickeln und formulieren zu können. Es geht nicht um die pure Reproduktion vorformulierter Gedanken und Sätze oder Verse. Sprachunterricht ist nicht gleich Literaturunterricht. Einfache Formen wie Abzählverse, Kinderreime u. ä. begleiten und unterstützen den Spracherwerb, aber sie sind nicht das einzige oder vorrangige Mittel dazu, sondern Muster und Anregung zu Wiederholung und Verarbeitung. Daher formuliere ich als

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