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Sonntag, 4. Dezember 2022

[Händel und Scarlatti]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Händel und Scarlatti

Zur Interpretation Murray Peraihas

von Sophie-Mayuko Vetter, aus: Musik & Ästhetik Januar 1999

Seite 3

Ein anonymer Bachliebhaber urteilte eine Generation später über Händelsche Themen: "platt und für unsere Zeit viel zu einfältig". Schaut man sich die Variationen dieser Themen an, so scheinen sie tatsächlich überholt, als stammten sie von den Virginalisten des ihm vorangegangenen Jahrhunderts. Peraiha jedoch überlistet diesen Händelschen Scheinkonservativismus, indem er dessen unersättliche Lust an latenter Polyphonie in den Vordergrund der Gestaltung rückt. Aufgrund seines strukturellen Zugangs, sich mit der Vertikalen im Sinne des chorischen Zusammenklangs und zugleich mit der Horizontalen im Sinne der linearen Stimmführung auseinanderzusetzen, vermag man inmitten latenter Polyphonie einen Choral wahrzunehmen. Und wie sich die latent polyphonen Strukturen chorisch verdichten lassen, können sie in der nächsten Variation als polyphon durchbrochene Koloraturarie verflüssigt werden. Daß Peraiha auf einem modernen Flügel spielt, kommt diesem höchst vernetzten Gewebe von Polyphonie entgegen. Dabei versteht er es, den Resonanzcharakter des Cembalos durch subtile Farbgebungen des Pedales zu imitieren, ohne jemals die Durchsichtigkeit der Struktur zu gefährden. Die Pedalisierungstechnik wird bei Scarlatti übrigens um eine weitere Dimension bereichert: Faszinierend etwa ist der Klang, der beim 'Tutti' der D-Dur-Sonate entsteht. Durch großzügigen Pedaleinsatz ensteht ein Klangschauder, der -- wohlgemerkt: als pedalisiertes Cembalo, imitiert von einem Klavier -- den Eindruck überakustischer Kirchenräume und darin strahlender Prozessionen wachruft. Das Pedal dient dabei immer der Suggestion bestimmter Resonanzcharaktere, niemals pianistischem Parfüm.

Peraiha hat sich für seine CD ein Händel-Programm zusammengestellt, das an drei Stellen in Variations-Zyklen gipfelt. Daß Peraiha diesen Werktypus so sehr liebt, hat am wenigsten mit demonstrativer Virtuosität zu tun. Es ist vielmehr die geistige, die musikalisch-spirituelle Ekstase, in die hinein Peraiha sich wie kein anderer auf dem Wege eines Variationsprozesses zu steigern weiß. Ein Variations-Zyklus gleicht für ihn einer mantrischen Übung: Das Thema wird von Mal zu Mal in neuer Form schöpferischer Leidenschaft getanzt und gesungen, und so sehr die Variationen im Notenbild auch aufgereiht aussehen (und in einer durchschnittlichen Interpretation auch so klingen) mögen, Peraiha bringt es fertig, sie als notwendige Schritte einer großen Entfaltung auseinander hervorgehen zu lassen. -- Wie es kommt, daß die Wirkung seiner Interpretation von Variationszyklen einen derart in Bann zieht, läßt sich versuchsweise analytisch fassen -- anhand der Chaconne in G-Dur. Möglichkeiten hierzu sehe ich in der Untersuchung von Tempo und Dynamik sowie strukturellen Reaktionen innerhalb seiner Form/Zeit-Gestaltung.

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