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Montag, 3. Oktober 2022

[Händel und Scarlatti]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Händel und Scarlatti

Zur Interpretation Murray Peraihas

von Sophie-Mayuko Vetter, aus: Musik & Ästhetik Januar 1999

Seite 2

Ein anderes Problem von Peraihas Barockinterpretation ist die sprachliche Artikulation in langsamen Sätzen wie z. B. der Allemande und der Air der Suite III. In einem Interview äußert er sich zur Interpretation Bachs: "I really don't think you need rhetoric to understand Bach. I think it's virtually all in the voice-leading." Und: "Bach is made up of small phrases, but they shouldn't get the better of the bigger line, and I feel that there is a bigger line in Bach. To see only the small phrases is very destructive." Trotz Peraihas Begabung der gesanglichen Realisierung großer Linien, vermisse ich doch gelegentlich eine engere Beziehung zwischen dem Sprachcharakter des Details und der Gesanglichkeit solcher Linien. Statt eines artikulierten Ineinander der Abstufungen zwischen Legato, Non-Legato und Staccato vermag er aber die klassische Register-Trias von oberem Manual (non-legato/leggiero-Technik), unterem Manual (legato-Technik) und deren Koppelung (Gewicht-Technik) pianistisch so zu imitieren und konsequent durchzuhalten, daß kein Zweifel an der mechanischen Register-Trennung seines Instruments aufkommt. Insbesondere der Klang des oberen Manuals ist in seiner hinreißend gleichmäßigen, an Marimba-Perlenschnüre erinnernden Leichtigkeit von einzigartigem Reiz.

Betrachtet man die Fugen der Klassiker und Romantiker, so wird nur allzuschnell Bach assoziiert, und doch wird man bei näherem Hinsehen nicht umhin können, als Inspirator immer häufiger Händel zu nennen. 1989 wurde ein Mozart-Autograph versteigert mit der Überschrift "fuga ima (= prima)" und der Bemerkung "für Violine übersetzt". Bei dieser Bearbeitung handelt es sich um die Allegro-Fuge aus der von Peraiha eingespielten F-Dur-Suite. Dabei korrigierte Mozart so manche Unklarheiten in der Stimmführung, etwa durch Pausen. Auf vergleichbare Weise geht auch Peraiha mit den Fugen um und zeigt, daß es sehr wohl auch vom Interpreten abhängt, wie stimmig eine Fuge ist bzw. wirkt. Händel sah die Fuge nicht als formale Aufgabe, so souverän er sie auch kompositorisch beherrschte, wie er auch meist nicht dem Ganzen der Suite in der konservativen Form als überlieferter Tanzfolge gehorchen wollte. Die Fuge diente ihm vielmehr als Medium improvisatorischer Phantasie, stets bereit, die Pflicht zur Form zugunsten der Dramaturgie zurückzustellen. Darin sehe ich das Moderne an Händels Konstruktionen, das immer wieder Komponisten faszinierte und anregte.

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