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Dienstag, 25. Juni 2019

[gedehnte augenblicke - verkürzte wege - gehörte bilder]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

gedehnte augenblicke - verkürzte wege - gehörte bilder

zeit und raum im musiktheater

von Jürgen Kanold, aus: Neue Zeitschrift für Musik 5/99

Seite 2

hans zender
Aufschlussreich dabei, dass Zender die Texte und Regieanweisungen Wagners ganz der Partitur, einer "akustischen Aktionsschrift" zur Erzeugung bestimmter zeitlicher Vorgänge, zuordnet. Zender selbst hat, weitergehend, als Komponist seiner 1993 uraufgeführten 31 theatralischen Abenteuer Don Quijote de la Mancha, nicht bloß "Zeitkonstrukteur" sein wollen, sondern er dehnte seine fixierende Arbeit auf die Szene aus. Bei Don Quijote definierte der Komponist nicht nur Klänge und Worte, sondern auch das optische Geschehen ganz explizit. Bei Wagner dagegen haben die Regieanweisungen zwar keinen realistisch-praktischen Charakter, aber die Musik zielt aufs Bild. Raumerfahrung also mit dem Ohr. Eine Binsenweisheit - gleichwohl eine Erfahrung, mit der das Musiktheater bis heute experimentiert. Nüchtern hat Arnold Schönberg den Prozess der sich in der Zeit abspielenden Musik formuliert: Auch der Komponist sehe die Zeit als Raum, aber "beim Niederschreiben wird der Raum in die Zeit umgeklappt. Für den Hörer ist dieser Vorgang umgekehrt: Erst nach dem zeitlichen Ablauf des Werks übersieht er es als Ganzes, seine Idee, seine Form, seinen Inhalt."
Da lässt sich etwas erleben. Die Bewahrung des unmittelbar Vergangenen und die Erwartung des Kommenden - nach Husserls Phänomenologie - hat schon bei Wagner eine Bühnenrealität. Wenn mit dem Verklingen eines Satzes oder Satzteils dem Hörer das Ganze als quasi räumliche Gestalt gegenwärtig bleibt, dann weist das auf eine mögliche spannende Zeit-Raum-Wahrnehmung des Rezipienten hin, die der Komponist gleichwohl zuvor intendiert hat. Und Wagner gelang das mit seiner beredten, bildersatten Musik eines "tönenden Schweigens" allemal.
Ein Regieeinfall Christof Nels bei seiner aktuellen Walküre-Inszenierung für Stuttgarts Staatsoper realisiert im Übrigen solche Erinnerungstheorie: Wotan schaut beim Feuerzauber - das Schicksals-Motiv erklingt - rückblickend ein Video der von ihm verstoßenen Brünnhilde an. Erinnerungshaltung im multimedialen Zeitalter: im virtuellen Raum. Es lohnt hier auch ein Verweis auf die Neurowissenschaften unserer Tage, die der Zeit physikalische Gesetzmäßigkeiten eher absprechen und die These vertreten, dass die Zeit vom Gehirn "gemacht" werde. Mentale Zeit: Eine Ereignisdichte lässt den Eindruck entstehen, die Zeit verginge schnell. So lässt sich auch der Verlauf der mit Leitmotivsubstanz dick gefütterten, tatsächlich raum- und zeitgreifenden Parsifal-Verwandlungsmusik verstehen - wie überhaupt die musikdramaturgische Orchestermusik Wagners. Und umgekehrt dehnt die unendliche Melodie den szenischen Augenblick ganz räumlich.
Wagners italienischer Kollege Giuseppe Verdi hat in den Jahren unmittelbar nach dem Parsifal die Zeitstrukturen traditioneller Oper modifiziert konventionell eingesetzt: die Arie (als von der Handlung gelöste Zeitinsel für Gefühle) und das kontemplative Ensemble. Zwei Formen, bei denen auf der Bühne die Darstellungszeit und die dargestellte Zeit auseinander klaffen.
Jagos Credo im Otello, der innere Monolog des seine Triebhaftigkeit konstituierenden Schurken, verläuft als ausgedehnter Augenblick. Und auch bei der Traumsequenz der von Otello eifersüchtig zu Boden geworfenen Desdemona steht die Handlung still (ein irreales Innehalten), während verschiedene Figuren ihr Erleben sinnieren. Carl Dahlhaus feierte solchen Typus des Opernensembles als höchste musikalisch-dramaturgische Möglichkeit, weil "die Simultaneität von Kontrastierendem [...], die im gesprochenen Drama als Durcheinander-Reden absurd wäre, in der Oper jedoch [...] sinnvoll und expressiv sein kann". Eben weil dort die Musik die Stimmen auseinanderhält und verknüpft.

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