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Dienstag, 27. September 2022

[... und nach dem ‚Heilig' plötzlich keine Stille mehr ...]

Musikzeitschriften im Portrait: Musica sacra

... und nach dem ‚Heilig' plötzlich keine Stille mehr ...

"Zeiten-Wende" Liturgie und Kirchenmusik im 20.Jahrhundert

von Peter Planyavsky, aus: Musica sacra

Seite 2

Als die Liturgiekonstitution verkündet wurde, sollte ich nur mehr kurze Zeit Ministrant sein; zunächst wurden die kleinen Aufgaben als Organist immer zahlreicher, und im letzten Schuljahr trat ich meinen ersten Nebenjob in der Pfarrkirche von Neu-Ottakring an. In dieser Zeit begann sich vor allem die "normale" Gemeindemesse in großen Sprüngen zu verändern; Fürbitten wurden allgemein eingeführt, der Zelebrant begrüßte die Gemeinde zu Beginn, und wenn er sagte "Der Herr sei mit euch!", dann meinte er mit "euch" nicht bloß die beiden Ministranten, sondern alle Kirchenbesucher, und ab sofort antworteten sie auch alle "Und mit deinem Geiste!" Sie antworteten ihm und nicht mehr dem Vorbeter! Wir Jungen waren begeistert und verfolgten gespannt, was sich änderte; man wartete sozusagen schon jede Woche, "was man jetzt schon alles darf"; denn tatsächlich empfanden wir jede Neuerung als etwas, das uns jetzt offiziell erlaubt wurde, nachdem wir es schon lange mit etwas schlechtem Gewissen getan hatten.

Mein größtes Erlebnis war es, als am 1. Fastensonntag 1965 nach dem von allen gesungenen "Heilig" nicht die gewohnte Stille eintrat, sondern der Zelebrant laut und vernehmlich und in deutscher Sprache den Kanon betete. Als ich die Wandlungsworte zum ersten Mal auf diese Weise hörte, begann ich oben an meiner Orgel zu weinen. Es war tatsächlich etwas eingetreten, worauf man - gerade in Österreich mit seiner volksliturgischen Tradition - immer gehofft hatte und an dessen Erfüllung man immer wieder doch nicht recht glauben hatte können. Diese Wende war nicht von Schreibtisch-Liturgikern oder linken Pastoraltheoretikern konstruiert, sondern von vielen glühend ersehnt worden, und sie wurde wie ein lange erwartetes Geschenk freudig begrüßt. Nicht von allen wurde sie begrüßt. Aus Büchern und Aufsätzen lasen viele heraus, daß die konsequente Verwirklichung tätiger Teilnahme das Ende für die herkömmliche Kirchenmusik bedeuten würde. In der Tat gab es bilderstürmerische Zuckungen. Das Nebeneinander etwa von klassischem Ordinarium und Gemeindegesang, das In- und Durcheinander von Deutschem und Lateinischem konnte man sich damals gar nicht vorstellen. (Und heute? Mehr als 30 Jahre später stellt sich mir die Frage, ob es mancherorts ein noch immer nicht Erkennen der Möglichkeiten und der Vielfalt nach dem 2. Vatikanum ist oder ob es sich doch schon um eine Reaktion - in doppelter Bedeutung des Wortes - handelt.)

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