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Mittwoch, 25. Mai 2022

[Das Vibrato im Blockflötenspiel]

Musikzeitschriften im Portrait: Tibia

Das Vibrato im Blockflötenspiel

(Teil 1)

von Daniel Brüggen, aus: Tibia

Seite 2

2. Was ist Vibrato?

'Vibrato' ist ein Schwingen bzw. eine Wellenbewegung im Ton. Wenn wir hier von einem Ton sprechen, meinen wir einen Klang mit einer Tonhöhe, einer zeitlichen Dauer, einer Intensität und einer Klangfarbe. Verändern sich eines oder mehrere dieser Elemente periodisch, so entsteht ein Ton mit Vibrato. Wird ein Ton beispielsweise schnell aufeinanderfolgend abwechselnd lauter und leiser, oder geraten Tonhöhe bzw. Klangfarbe auf gleiche Weise in Schwingungen, erklingt ein Ton mit Vibrato.
Vibrato erweckt einen Ton zum Leben, und zwar in einer Weise, die mit dem Phänomen des Films vergleichbar ist: man sieht ein sich bewegendes Bild. In Wirklichkeit jedoch ist ein Film aus unzähligen einzelnen Bildern zusammengesetzt, die unserem Auge nur deswegen als Bewegungsablauf erscheinen, weil sie ganz schnell hintereinander projiziert werden. Eine Kette bewegungsloser Bilder wird hier zum Leben erweckt. Gleichermaßen verhält es sich auch bei einem Klang, wobei unsere Ohren beim Hören von Klang ähnlich funktionieren wie unsere Augen beim Ansehen eines Films. Spielt man eine Reihe schnell aufeinanderfolgender Töne, die sich nur minimal voneinander unterscheiden, so hört man diese nicht mehr als einzelne, voneinander getrennte Noten, sondern als einen 'zum Leben erweckten' Ton.
Verläuft der Wechsel von Ton zu Ton jedoch ruckartig, kann man dagegen kaum noch von Vibrato sprechen - ebenso wie im Film, wo die Bewegungen sprunghaft werden, wenn zu viele Bilder ausgelassen werden und dadurch die direkt aufeinanderfolgenden zu verschieden sind: das Bild bewegt sich zwar, wird aber nicht als ein zusammengehöriges Ganzes wahrgenommen. Dieses 'Sprunghafte' ist beim Triller zu beobachten, den man als eine Art von Schwingungen mit ruckartigem Verlauf beschreiben könnte, ebenfalls ein sehr ausdrucksstarker Effekt. Hier hört man den Wechsel zweier sich deutlich voneinander abgrenzender Töne: eine Bewegung mit statischem Charakter. Ich möchte mich hier auf das fließende Vibrato beschränken, da es lediglich die Funktion als Verzierung langer Noten hat, die das Vibrato mit dem Triller gemeinsam hat.
Ist Vibrato wirklich eine Verzierung? Als Verzierung kann es insofern gelten, als es vom Spieler willkürlich eingesetzt und weggelassen werden kam. In anderer Hinsicht jedoch nicht, da es auf so vielfältige Weise mit dem Atem - dem Fundament des Spiels - verbunden ist. Ein Atemvibrato beeinflußt den Klang an seiner Basis, wodurch es den Ausdruck in äußerst persönlicher Weise zu beeinflussen vermag. Betrachten wir zunächst die Schwingungen der Tonhöhe: Einen in seiner Höhe schwingenden Ton, der also seine eigentliche Tonhöhe regelmäßig über- und unterschreitet, empfindet man nicht als eine Reihe unsauberer und wenig intonationsreiner Töne. Entscheidend für unser Gehör ist vielmehr der Mittelwert der Schwingungen. Man empfindet ihn als die eigentliche Tonhöhe eines Tons, der zum Leben erweckt ist. Graphisch läßt sich dies folgendermaßen darstellen:

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