> > > > Leseprobe
Montag, 24. Juni 2019

[Mann bleibt Mann?]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Mann bleibt Mann?

Fragen einer lesenden Musikerin zu Brecht, Eisler & Co.

von Nanny Drechsler, aus: Neue Zeitschrift für Musik 6/98

Seite 2

Die Damenopfer des «armen Bertolt Brecht»

Im eingangs aufgeführten Zitat gibt Me-ti, eine der vielen literarischen Masken Brechts, seiner Geliebten Ruth Berlau als Lai-tu den Rat, ihre Leistungen altruistisch, im großen Werk des «Meisters» aufgehend, zu schätzen. Die Metapher des Apfels, der zu seinem Ruhm gegessen wird, zeigt drastisch die Vorgehensweise eines skrupellosen Erotomanen, der Frauen psychisch und intellektuell verzehrte, sie als rabiater Geschäftsmann hochkapitalistisch ausbeutete und ihren literarischen Beitrag zu seinen Werken in einer Art und Weise unterschlug, die deutlich die «organisierte Schizophrenie»2 des proletarisch inszenierten Klassenkämpfers vorführt: Brechtbeziehungen - das hieß für die Frauen in seiner «factory» eine Leidensgeschichte aus Abtreibungen, Fehlgeburten, Depressionen, Selbstmordversuchen und Nervenzusammenbrüchen, aus seelischen Demütigungen, die zu schweren Krankheiten führten, wobei, wie es scheint, die und Ehefrau Helene Weigel einigermaßen glimpflich davonkam. Brechts Frauen - Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Carola Neher (beide in Moskau schrecklich ums Leben gekommen), Ruth Berlau und andere - sind je nach Gelegenheit und künstlerisch-organisatorischer Aufgabe austauschbare Damen in einem kollektiven Schreib- und Arbeitsprozeß, der Liebe, Sex und Produktion für Brecht aufs günstigste verband. «Die Schwesternschaft», wie Helene Weigel einmal boshaft formulierte, funktionierte im Dienst an der gemeinsamen «dritten Sache», dem Sieg des Kommunismus in einer Welt der Gleichheit und des Friedens, doch der Autor der gemeinsam produzierten Werke, der sich in die Geschichte der Literatur einschrieb und dies eifersüchtig und geschickt überwachte, hieß - Brecht. Seine Name wurde für ihn zum gut bezahlten Markenzeichen. Dazu Ruth Berlau, Brechts «Lai-tu»: «Eigentlich verachtete er ja uns Frauen tief, nur über Rosa Luxemburg und über Krupskaja, Lenins Frau, kann man ihm Gutsagen abpressen. Ja, und natürlich über Weigel!!!. Mich hat er immer behandelt wie den letzten Dreck - leider liebe ich ihn.»3 Der Choreograph Johann Kresnik und die Dramaturgin Uschi Otten haben Brecht als «choreographisches Theater» auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters inszeniert. In ihrem Werk kommt die Titelfigur nicht vor, doch um das imaginäre Kraftzentrum des Meisters B. B. agiert ein Frauenensemble, das exzessiv die oft genug auch vor sich selbst verschwiegenen psychischen Deformationsakte aus-agiert im Sinne eines «surreal-makabren Puzzles, in dem jede jede sein kann, auf jeden Fall aber Opfer des Macho-Monsters wie des politischen Terrors».4 Eine fulminante und zugleich überzeugende Arbeit, die zeigt, wie Frauen in Teilszenarien zerlegt werden, um dem Genius dienstbar zu sein. Auch hier wieder die brutalen tödlichen Exzesse, die in der Metapher des Apfels noch so appetitlich versteckt liegen mögen (nach biblischer Lesart lockt bekanntlich Urmutter Eva mit dem Apfel ihren Adam zur Erbsünde, hier nun wird sie gleich stellvertretend verspeist), bei Kresnik jedoch in drastisch geschilderten «Todesarten» (Ingeborg Bachmann), bis zum aufgerissenen Leib einer Schwangeren, in Szene gesetzt werden. Diese Choreographie stellt im Brecht-Jahr 1998 somit am radikalsten die Frage nach der weiblichen Identität - wobei es Brecht gerade darum ging, im Sinne seiner «factory» diese zu funktionalisieren nach einem Muster, das die bürgerlich-männliche Gesellschaft seit langem tabuisiert und lustvoll lebt: die Aufteilung der Frau in eindimensionale Rollenzuschreibungen wie Mutter, Muse, Geliebte, Hure, Schwester, Gefährtin etc: «Brechts Frauengestalten sind Ideenträger, Hoffnungsziele. Sie sind alles. Dirne oder Heilige, Mutter, Kämpferin und Genossin; eines sind sie nicht: Frauen. Es gibt im Brechtschen OEuvre keine Erotik; so Erotik verstanden werden darf als eine Energie auf den anderen zu und nicht eine Energie gegenseitiger Einsamkeit.»5 Der Germanist Carl Pietzcker hat das in seiner eindringlichen Studie «Ich kommandiere mein Herz». Brechts Herzneurose - ein Schlüssel zu seinem Leben und Schreiben auf den Punkt gebracht: «Die Spaltung des Frauenbildes hat als Spaltung eine Verachtung wirklicher Frauen zur Voraussetzung.» 6

[weiter...]
Zurück zum Anfang...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonia IX in C major - Allegro molto - Presto - piu Presto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige