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Freitag, 21. Januar 2022

[Requiem, aber keine Ruhe]

Musikzeitschriften im Portrait: Acta Mozartiana

Requiem, aber keine Ruhe

Mozarts Requiem - Geschichte und Ergänzungsversuche

von Ulrich Konrad, aus: Acta Mozartiana

Seite 8

Die Krankheit zum Tode hat Mozart allem Anschein nach plötzlich befallen. Um den 20. November herum wurde er bettlägrig und der Pflege bedürftig, da größere Wasseransammlungen im Körper seine Bewegungsfähigkeit immer stärker beeinträchtigten. Nach dem Aussehen der Partitur zu schließen hat Mozart zu dieser Zeit keine Note mehr am Requiem geschrieben, weil sein körperlicher Zustand das tatsächlich nicht mehr zuließ. Ob er in diesen Tagen bereits mit dem Tode rechnete oder hoffte, nach der Genesung bald die Komposition fortsetzen zu können, bleibt im dunkeln. Am 5. Dezember 1791 ist Mozart gestorben und wohl am 7. Dezember bei trockenem Winterwetter in einem 'allgemeinen einfachen Grab', d. h. in einem nach zehn Jahren aufzulösenden Einzelgrab, beigesetzt worden.

IV.

Auf seinem Schreibtisch lagen die Entwurfspartituren zu zehn Einzelsätzen der Totenmesse. In der für Mozart üblichen Weise enthielten sie den musikalischen Verlauf der Stücke von Anfang bis Ende (nur das Lacrimosa bricht nach acht Takten ab) entweder in einem Außenstimmensatz - so bei reinen Instrumentalpartien - oder im Chorsatz mit instrumentalem BassoPart. Darüberhinaus ist der Introitus in einem zweiten Arbeitsgang vollständig instrumentiert worden; dieser stellt mit seinen 48 Takten somit den einzigen von Mozart abgeschlossenen Teil der Komposition dar.

Erst seit jüngstem wissen wir, daß dieser Introitus und mit größter Wahrscheinlichkeit auch das folgende Kyrie bereits fünf Tage nach Mozarts Tod, am 10. Dezember 1791, bei den in der Hofpfarrkirche St. Michael für den Verstorbenen gehaltenen Exequien aufgeführt worden sind. Somit dürfte zumindest in Wien spätestens seit diesem Ereignis bekannt gewesen sein, daß Mozart an einem Requiem gearbeitet, es aber nicht vollendet hatte. Dem Grafen Wallsegg jedoch war die Nachricht von der Totenfeier offensichtlich entgangen, nicht aber diejenige vom Hinscheiden des Komponisten. Auch ohne dokumentarischen Beleg darf man annehmen, daß er sich bald nach dem von ihm bestellten und angezahlten Werk erkundigt hat. Wollte Constanze Mozart sich nicht Forderungen nach Rückzahlung des Vorschusses ausgesetzt sehen und außerdem die Möglichkeit verfolgen, an die noch ausstehende Restzahlung zu gelangen, so mußte sie sich um eine Vervollständigung des Requiems kümmern. Am 21. Dezember 1791 vertraute sie diese Aufgabe dem damals sechsundzwanzigjährigen Komponisten Joseph Eybler an; dieser war bis zuletzt mit Mozart befreundet gewesen (für ein immer wieder unterstelltes förmliches SchülerLehrerverhältnis gibt es keinen Anhaltspunkt) und hatte dessen besondere Wertschätzung genossen. Abliefern sollte Eybler die Partitur bis zur zweiten Märzwoche 1792, ein Termin, der die Aufführung zum Jahrgedächtnis der Gräfin Wallsegg von vorneherein ausschloß. Eybler begann mit der Ergänzung des Werks beim Beginn der Sequenz, d.h. beim Dies irae, dem dritten Stück, und führte sie über die Sätze Tuba mirum, Rex tremendae majestatis und Recordare bis zum Confutatis. Dabei schrieb er die fehlenden Instrumentalstimmen direkt in Mozarts Autograph. Hatte es sich bei der Arbeit an den genannten Sätzen im wesentlichen um die klangliche Ausgestaltung des vorgegebenen Verlaufs gehandelt, so wandelte sich die Aufgabe mit dem Lacrimosa: hier galt es Mozarts achttaktigen Keim weiterzuentwickeln, hier mußte im Geiste Mozarts komponiert werden. Diesem Anspruch sah sich Eybler nicht gewachsen. Irgendwann, vielleicht noch im Dezember oder erst im Januar 1792, gab er das ihm überlassene Material an die Witwe Mozarts zurück. Constanze mußte sich erneut um einen Ergänzer bemühen und fand ihn schließlich in Franz Xaver Süßmayr. Süßmayr, damals fünfundzwanzig Jahre alt, war im Juli 1788 nach Wien gekommen und hatte sich seither als Musiklehrer und Aushilfsmusiker an der Hofkapelle seinen Unterhalt verdient. Ausgebildet worden war er im Stift Kremsmünster vom dortigen Regens chori Georg Pasterwitz, der inzwischen selbst nach Wien gezogen war und seinen ehemaligen Schüler zunächst mit Antonio Salieri, dann wohl auch mit Mozart bekannt machte. Der Zeitpunkt dieses Zusammentreffens ist allerdings unbekannt; ein vertrauter Umgang läßt sich vor dem Frühsommer 1791 nicht belegen. Ebenfalls im unklaren bleiben Art und Umfang des Unterrichts, den Süßmayr von Mozart erhalten haben soll. Immerhin war Süßmayr kein Anfänger mehr, hatte er doch schon während seiner Kremsmünster Zeit sechs Theatermusiken und eine Reihe von geistlichen Werken komponiert. Viel lernen konnte Süßmayr allein schon als Werkstattgehilfe, als den ihn Mozart bei der Arbeit am Titus und an der Zauberflöte einsetzte; dazu gleich noch mehr. Seine spätere Karriere als Komponist verlief erfolgreich; besonders einige seiner Opern wurden noch über dreißig Jahre nach seinem frühen Tod 1803 auf deutschen und italienischen Bühnen gegeben.

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