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Mittwoch, 21. November 2018

[Requiem, aber keine Ruhe]

Musikzeitschriften im Portrait: Acta Mozartiana

Requiem, aber keine Ruhe

Mozarts Requiem - Geschichte und Ergänzungsversuche

von Ulrich Konrad, aus: Acta Mozartiana

Seite 7

Nun, erst Anfang Oktober, hätte sich die erste Gelegenheit geboten, die Arbeit am Requiem aufzunehmen. Doch Mozart hatte es damit nicht eilig. Er setzte die Komposition des am 28. September in das eigenhändig geführte Werkverzeichnis eingetragenen Konzertes für seinen Freund, den Klarinettisten Anton Stadler, fort. Am 7. Oktober brach Constanze wieder zur Kur nach Baden auf, und an diesem Tag instrumentierte er das Rondo des Klarinettenkonzerts KV 622. Einen Tag später berichtet er seiner Frau in einem Brief von seinem Wohlbefinden und von intensiver Arbeit. Wenn nicht alles täuscht, hat er an diesem Tag die Arbeit am Requiem begonnen. Daß in jedem Fall nicht schon wesentlich früher an der Partitur geschrieben worden ist, beweist der Papierbefund: Mozart verwendete für die ersten Sätze des Werks eine Papiersorte, die sich ausschließlich in nach der Rückkehr aus Prag entstandenen Kompositionen nachweisen läßt.

In den kommenden Tagen und Wochen war an ein kontinuierliches Vorantreiben der Komposition nicht zu denken. Schon am 13. Oktober reiste Mozart ins nahe Perchtoldsdorf, um seinen Sohn Carl aus einem Erziehungsinstitut zu sich zu nehmen. Davon und von einem geplanten Aufenthalt in Baden am darauffolgenden Wochenende berichtet Mozarts letzter erhaltener Brief, geschrieben am 14. Oktober. Über die Zeit unmittelbar danach schweigen die Quellen. Wohl Ende der ersten Novemberwoche begann Mozart mit der Niederschrift seines letzten vollendeten Werks, der Freimaurerkantate 'Laut verkünde unsre Freude' KV 623, deren Partitur er am 15. November abschloß und deren Uraufführung er selbst am 17. November leitete. Auch hier wird wieder deutlich, daß der Komponist sich nicht davon abhalten ließ, die Arbeit am Requiem zur Erfüllung anderer Verpflichtungen zu unterbrechen. Offensichtlich war er weder von quälenden Todesahnungen erfüllt, die ihn zum verzweifelten Wettlauf mit der Zeit antrieben, noch ließ sein Gesundheitszustand ernsthaft zu wünschen übrig. Gewiß dürfte sich Mozart in Folge der ungeheuren Arbeitsbelastung der vergangenen Monate erschöpft gefühlt haben, doch aus den Briefen bis Mitte Oktober spricht nichts für andauernde Kränklichkeit oder tiefe Depression. Zur Bestätigung seines geistigen und körperlichen Leistungsvermögens können, neben der unvermindert inspirierten Musik, auch Äußerlichkeiten der Partituren dienen. So zeigt das Schriftbild auf den Notenblättern des Requiem keinerlei Beeinträchtigungen wie beispielsweise Zitterspuren, Schriftverzerrungen oder gehäufte Verschreibungen. Die Anlage bleibt ohne Einschränkungen kontrolliert, alle Eintragungen sind zwar wie gewohnt zügig, aber nicht gehetzt vorgenommen worden, wie das sonst bei Arbeit unter starkem Zeitdruck, etwa beim Don Giovanni, zu beobachten ist.

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