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Dienstag, 17. September 2019

[Requiem, aber keine Ruhe]

Musikzeitschriften im Portrait: Acta Mozartiana

Requiem, aber keine Ruhe

Mozarts Requiem - Geschichte und Ergänzungsversuche

von Ulrich Konrad, aus: Acta Mozartiana

Seite 5

Soweit die Erzählung von Rochlitz. Sie geht, wie der Autor versichert, auf die Angaben Constanze Mozarts zurück. Im selben Jahr 1798 veröffentlichte Franz Xaver Niemetschek in seiner MozartBiographie mit dergleichen Beglaubigung die Geschichte vom Requiem ("Der Verfasser erzählt die Begebenheit, wie er sie oftmals aus dem Munde der Wittwe gehört hatte, [...]"). Sie weicht in gravierenden Punkten von derjenigen Rochlitzens ab, ein charakteristischer Umstand, auf den ich nachdrücklich hinweisen, den ich hier aber aus Zeitgründen nicht weiter erhellen möchte. Wichtig ist allein die grundsätzliche Feststellung, daß Constanze Mozart ihren publizistischen Helfern unterschiedliche Informationen gab (die so oder so stimmen mochten oder auch nicht), vor allem aber, daß sie beide und mit ihnen das breite Publikum mit der Lüge bediente, Mozart habe das Requiem noch vollenden können. Die Witwe war offensichtlich nicht an historischer Wahrheit interessiert. Anlaß genug, den Requiem-Geschichten, die sie ihren Zeitgenossen auftischte, mit höchstem Mißtrauen zu begegnen.

III.

Versuchen wir also, die Geschichte soweit irgend möglich ohne Constanzes Mitteilungen noch einmal zu erzählen. Einsetzen müssen wir bei Mozarts Lebenssituation im Juli 1791. Zu dieser Zeit war der Komponist Strohwitwer, da seine hochschwangere Frau in Begleitung von Franz Xaver Süßmayr zur Kur in Baden weilte. Anfang des Monats beschäftigte ihn die Komposition der Zauberflöte, namentlich die Instrumentierung des ersten Aktes. Am 8. Juli erteilten im fernen Prag die böhmischen Stände dem Theaterimpressario Domenico Guardasoni den Auftrag, die Ausrichtung einer Festoper anläßlich der Krönung Kaiser Leopolds II. zu unternehmen. Guardasoni dachte sogleich daran, Mozart als Komponisten für den geplanten TitusStoff zu gewinnen und reiste nach Wien, wo er um den 15. Juli herum mit dem gerade von einem mehrtägigen Aufenthalt bei seiner Frau zurückgekehrten Mozart zusammentraf.

Vermutlich in diesen Tagen - beweisbar ist das nicht - wurde ihm von einem Boten wohl brieflich auch der Kompositionsauftrag zu einem Requiem überbracht. Der Bote hieß Franz Anton Leitgeb; er war als Verwalter der vereinigten Herrschaften Klamm und Schottwien des Herrn Franz Grafen von Wallsegg tätig. Graf Wallsegg residierte im ansehnlichen Schloß Stuppach bei Gloggnitz, besaß jedoch auch eine Stadtresidenz in Wien auf dem Hohen Markt. Die Adresse ist insofern von Bedeutung, als in diesem Haus Mozarts Logenbruder und finanzieller Nothelfer Michael Puchberg wohnte. Man kann angesichts dieser Tatsache vermuten, daß Mozart den Verwalter Leitgeb, der bei seinen regelmäßigen WienAufenthalten auf dem Hohen Markte abstieg, zumindest vom Sehen her kannte; gleiches könnte für den Grafen selbst gelten. Einen schwachen Anhaltspunkt für diese Annahme bietet eine kurze Notiz in Mozarts Brief vom 29. September 1787 an seinen Schwager; sie lautet: "[...] wenn Sie mir den Wechsel übermachen, so bitte ich ihn, an Hr: Michael Puchberg. im gräfl: Walseggischen Hause, auf dem Hohen Markt zu adreßiren, [...]". Weiterhin ist nicht auszuschließen, daß die Vermittlung des lukrativen Kompositionsauftrags über Puchberg gelaufen ist, der selbst daran interessiert sein mußte, daß sein Gläubiger Mozart zu Einnahmen kam.

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