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Mittwoch, 21. November 2018

[Requiem, aber keine Ruhe]

Musikzeitschriften im Portrait: Acta Mozartiana

Requiem, aber keine Ruhe

Mozarts Requiem - Geschichte und Ergänzungsversuche

von Ulrich Konrad, aus: Acta Mozartiana

Seite 4

Versuchen wir, wie bereits angekündigt, uns die Geschichte von Mozarts Requiem in ihrem Hauptstrang und unter Vernachlässigung kleinerer Seitenzweige zu vergegenwärtigen. Gehen wir dabei von der zweifellos Ihnen allen bekannten Version aus, wie sie beispielsweise Friedrich Rochlitz in einer Anekdotenreihe zur Biographie Mozarts ausgebreitet hat (Allgemeine musikalische Zeitung 1 [1798|99], Sp. 147-151, 178). Bei ihm lesen wir: 'Die letzte Zeit seines Lebens, da er schon an einem kränkelnden Körper und besonders an so äußerst leichter Reizbarkeit der Nerven litt, wurde er [...] besonders viel von Todesgedanken beunruhigt. [...] Als er eines Tages auch in solche schwermütige Phantasien versenkt da saß, fuhr ein Wagen vor und ein Fremder ließ sich melden. Er nahm ihn an. Ein etwas bejahrter, ernsthafter, stattlicher Mann, von sehr würdigem Ansehen, den weder er noch seine Gattin kannte - trat herein. Der Mann begann:

'Ich komme als Abgesandter eines sehr angesehenen Mannes zu Ihnen' -
'Von wem kommen Sie?' fragte Mozart.
'Der Mann wünscht nicht gekannt zu sein' -
'Gut - was verlangt er von mir?'
'Es ist ihm eine Person gestorben, die ihm sehr teuer ist und ewig sein wird; er wünscht alljährlich ihren Todestag still aber würdig zu feiern, und bittet Sie ihm dazu das Requiem zu komponieren.'
Mozart war durch diese Rede, durch das Dunkel, welches über die ganze Sache verbreitet war, durch die Feierlichkeit des Tons des Mannes, bei seiner jetzigen Gemütsstimmung, schon innig ergriffen, und versprach das Verlangte zu tun. Der Mann fuhr fort:
'Arbeiten Sie mit allem möglichen Fleiß: Der Mann ist Kenner' -
'Desto besser'
'Sie werden durch keine Zeit beschränkt' -
'Vortrefflich'
'Wie viel Zeit bestimmen Sie sich ohngefähr?' -
Mozart, der Zeit und Geld selten zu überrechnen pflegte, antwortete:
'Etwa vier Wochen'
'Dann komme ich wieder und hole die Partitur. Wie viel verlangen Sie Honorarium?'
Mozart antwortete leicht hin:
'Hundert Dukaten' -
'Hier sind sie' -
sagte der Mann: legte die Rolle auf den Tisch und ging. Mozart versank von neuem in tiefes Nachdenken, hörte auf die Zuredungen seiner Gatin nicht, und forderte endlich nur Feder, Tinte und Papier. Er fing sogleich an, an dem Verlangten zu arbeiten. Mit jedem Takt schien sein Interesse an der Sache zuzunehmen: er schrieb Tag und Nacht. Sein Körper hielt die Anstrengung nicht aus: er sank über dem Arbeiten einigemal in Ohnmacht. Alles Zureden zur Mäßigung in der Arbeit war vergebens. Nach einigen Tagen erst erhielt es seine Frau über ihn, daß er mit ihr in den Prater fuhr. Er saß immer still und in sich gekehrt. Endlich verleugnete er es nicht mehr - er glaube gewiß, er arbeite dies Stück zu seiner eignen Todesfeier. [...]. Indeß nahete sich die Abreise Leopolds nach Prag zur Krönung. [...Mozart] übernahm die Komposition der vorgeschlagenen Oper: Clemenza di Tito, von Metastasio. [...]. Sehr kränklich war er nach Prag gereiset. [... Er kehrte] noch kränker nach Wien zurück, und fiel nun, [...] mit Heißhunger über die Fortsetzung der unterbrochenen Arbeit an seinem Requiem her. Die von ihm selbst bestimmten vier Wochen waren indeß verflossen, und kaum war er zurück, als der fremde Mann wieder erschien. 'Ich habe mein Wort nicht halten können' -
sagte Mozart.
'Ich weiß es' -
war die Antwort;
'Sie haben recht gethan sich nicht zu binden. Wie lang bestimmen Sie nun Ihre Zeit?
'Noch vier Wochen - die Arbeit ist mir selbst immer interessanter geworden; ich führe sie viel weiter aus, als ich erst wollte' -
'Brav - Indeß müssen Sie auch deshalb mehr Bezahlung haben. Hier sind noch hundert Dukaten'
'Mein Herr - wer schickt Sie?'
'Der Mann will unbekannt bleiben'
'Wer sind sie?'
'Das tut noch weniger zur Sache - In vier Wochen bin ich wieder bei Ihnen?' -
Damit ging er. Man ließ Achtung geben, wohin er ginge: aber entweder waren die nachgeschickten Leute zu saumselig, oder sie wurden irre geleitet - kurz, sie erfuhren nichts. Nun war Mozart fest überzeugt [...], der Mann mit dem edlen Ansehen sei ein ganz ungewöhnlicher Mensch, der mit jener Welt in näherer Verbindung stehe, oder wohl gar ihm zugesandt sei, ihm sein Ende anzumelden. [...] Mit diesen Ideen arbeitete er weiter, und da ist es ja wohl kein Wunder, daß so ein vollendetes Werk zu Stande kam. [...] Noch vor dem Ende der vier Wochen war er fertig, aber auch - entschlummert".

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