> > > > Leseprobe
Sonntag, 22. September 2019

[Requiem, aber keine Ruhe]

Musikzeitschriften im Portrait: Acta Mozartiana

Requiem, aber keine Ruhe

Mozarts Requiem - Geschichte und Ergänzungsversuche

von Ulrich Konrad, aus: Acta Mozartiana

Seite 2

"Die 'Echtheitsfrage' ist unter allen erdenklichen Gesichtspunkten, aus den Erinnerungen der Beteiligten, aus Briefen und Berichten der Zeitgenossen, aus Untersuchungen der Quellen, aus stilkritischen und ästhetischen Argumenten unzählige Male erörtert worden, und die Helden des Kampfes haben alle erdenklichen Register gezogen, von akademischer Noblesse bis zu homerischer Beschimpfung. Volle Einigkeit besteht nur über eine einzige Erkenntnis [...]: 'daß es nie möglich sein werde, alle mit dem Requiem zusammenhängenden Zweifelsfragen zu restloser Klärung zu bringen. Wahrscheinlich ist gerade diese Erkenntnis die Ursache, weshalb der Streit bis in die jüngste Zeit immer von neuem aufgeflammt ist: man versucht, den Quellen neue Aspekte abzugewinnen und die hie und da, spärlich genug, auftauchenden neuen mit den alten Kenntnissen zu vereinigen. Das Ergebnis aber ist, daß das Gesamtbild des Problems heute verworrener erscheint als je."

'Das Gesamtbild des Problems' - worum genau geht es denn überhaupt bei diesem Requiem, das keinen Frieden findet und keine Ruhe läßt? Im Kern um alle die Fragen, die aus zwei unmittelbar zusammenhängenden, aber in einer einzigartigen Spannung zueinander stehenden Fakten erwachsen, nämlich: erstens, Mozart hat das Werk unvollendet hinterlassen, zweitens, ein anderer, Franz Xaver Süßmayr, hat es zuende komponiert.

Was ich umstandslos als Fakten bezeichnet habe, sind unbestreitbare Fakten, doch sie sagen nicht viel. Wir wollen doch wissen, in welchem Maße das Requiem unvollendet war und in welcher Eigenständigkeit Süßmayr an der Partitur gearbeitet hat. Ist es eigentlich, als Werk, Mozarts Requiem, Süßmayrs Requiem oder beider Requiem? Genau diese dunklen Punkte aber, und da stimme ich mit Blume überein, werden sich nie aufhellen lassen, und somit werden Sie am Ende meiner Ausführungen in dieser Hinsicht genauso schlau sein wie zuvor. Doch deswegen brauchen Sie und ich noch nicht zu resignieren, denn in einer solchen Situation bedeutet schon die Vergegenwärtigung der Geschichte einen Wert, freilich nur dann, wenn man sich größtmöglicher Nüchternheit befleißigt. Sie allerdings gehört zu den absolut seltenen Tugenden beim Umgang mit diesem Requiem, so als habe Ehrfurcht vor dem Genie und seiner letzten Schöpfung sowie Respekt, wenn nicht Furcht vor einem Sakrileg gerade bei einer Totenmesse die Nüchternheit geradezu in eine Untugend verwandelt - was ich für einen absurden Gedanken halte, denn nicht bewußtloses Anbeten, sondern waches Betrachten ziemt großer Kunst.

[weiter...]
Zurück zum Anfang...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Le Royaume de Neptune - L'Orage

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...