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Mittwoch, 21. November 2018

[Requiem, aber keine Ruhe]

Musikzeitschriften im Portrait: Acta Mozartiana

Requiem, aber keine Ruhe

Mozarts Requiem - Geschichte und Ergänzungsversuche

von Ulrich Konrad, aus: Acta Mozartiana

Seite 15

Wir hatten eben im Zusammenhang mit dem Requiem-Streit von ominösen 'Zettelchen' gehört, die Süßmayr von Constanze ausgehändigt bekommen haben soll. Was an dieser Geschichte wahr ist, muß im dunkeln bleiben (warum eigentlich war Eybler nicht mit solchem Material versorgt worden?). Seit 1962 haben wir jedoch Kenntnis von einem Skizzenblatt Mozarts, auf dem ein Versuch zum Rex tremendae und die erste Durchführung einer Amen-Fuge notiert ist (Wolfgang Plath, Kongreßbericht Kassel 1962, Kassel 1963, S. 184-187). Dieses Skizzenblatt erregt in zweierlei Hinsicht seit nunmehr über dreißig Jahren die Phantasie vieler Betrachter. Erstens reizt der Fugen-Entwurf, den man mit gutem Recht dem Requiem zurechnen darf, zu einer Ausarbeitung - was Süßmayr, sollte er das Blatt überhaupt in Händen gehalten haben, bekanntlich unterlassen hat. Zweitens schließt die Existenz dieses einen Blattes fortan die grundsätzliche Leugnung von einstmals vorhandenem Werkstattmaterial zum Requiem grundsätzlich aus.

Zu beiden Punkten gäbe es sehr viel zu sagen, auch inhaltlich im Blick auf Eigenarten der Skizzen zu erklären - vielleicht bietet sich dafür ein andermal die Gelegenheit. So bleiben nur Fragen und Bedenken. Die Komposition einer Fuge auf der Grundlage eines von Mozart stammenden Entwurfs ist unbestreitbar möglich und kann zu überraschenden Ergebnissen führen - mit einer Werkintention Mozarts hat das aber nichts zu tun (deswegen fallen, nebenbei bemerkt, die von Druce, Levin und Maunder komponierten Amen-Fugen auch so verschieden aus). Süßmayr mag in Erinnerung an Mozartsche Melodiewendungen, wie im Benedictus, oder in Erkenntnis gewisser struktureller Formeln wie des RequiemThemenkopfes die Komposition von Sanctus und Agnus Dei aufgenommen haben - reicht das aber aus, um hier gegen alle Evidenz unserer Kenntnis der historischen Umstände, der Quellenüberlieferung und nicht zuletzt der Schaffensweise Mozarts einen faktischen, mehr noch, einen substantiell entscheidenden Werkanteil des Komponisten annehmen zu dürfen? Man mag ihn beschwören wollen - häufig hört man: 'da müssen einfach noch mehr Materialien als die bekannten dagewesen sein' oder 'der Beginn des Agnus Dei geht einem so unter die Haut, der kann nur von Mozart selbst sein' -, aber solche Aussagen gehören in den legitimen Bereich des subjektiven Kunst-Bekenntnisses, nicht in den ebenso legitimen Bereich der auf rationale Erkenntnis ausgerichteten und verpflichteten Wissenschaft.

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