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Freitag, 21. Januar 2022

[Mythos Callas]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Mythos Callas

von Mauro Guindani, aus: Musik & Ästhetik Juli 1998

Seite 2

Die Ausbildung des Sängers ist in jedem Land der Welt eine Ausbildung zum Musiker. Ein Musiker denkt in erster Linie in Noten: Die Prozedur des Erlernens einer Opernpartie für die Bühne fängt auch für den Sänger mit dem Auswendiglernen einer Melodie an. Damit wird aber ein Denkprozeß in Gang gesetzt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, ein Prozeß der Trennung: Die Einheit Wort-Musik wird gebrochen. Der Beweis, daß es immer so abläuft, ist sehr einfach. Man braucht nur den Sänger aufzufordern, die Melodie ohne Text zu singen: Er wird es sofort und mühelos tun können. Wenn man ihn aber bittet, den Text ohne Melodie auswendig zu sagen, stockt er schon nach den ersten paar Worten. Die einzige Möglichkeit, diese Trennung im Kopf des Sängers zu überwinden, ist die Umkehrung des Prozesses: Erst der Text, dann die Melodie. Damit will ich nicht sagen, daß der Text wichtiger als die Musik sei. Im Gegenteil, auch und gerade als Regisseur denke ich, daß der musikalische Ausdruck in der Oper (und eigentlich auch im Schauspiel) absolut primär ist. So wie der Komponist, der mit einer Textvorlage gearbeitet hat, um daraus Musik zu machen, so sollte auch der Sänger arbeiten. Das ist in der heutigen Praxis nie der Fall, weder im Studium, noch im Beruf. Auf das Erstere kommt es aber an: Wenn der junge Sänger sich schon in der Ausbildung dieses einfache, logische Prozedere angewöhnen würde, wäre er später nicht mehr in Gefahr, nur klanglich schöne Töne ohne Inhalt zu produzieren.

Man vergißt heute allzuoft, daß die Oper aus dem gesprochenen Wort entstanden ist, als Verlängerung, Verfeinerung, Vergrößerung eines poetischen Textes für die Bühne. Man vergißt, daß die Entstehung der Oper zu Recht als ein Kapitel der italienischen Literaturgeschichte in den Schulbüchern steht und daß Monteverdi in einem Atemzug mit Dante, Petrarca, Tasso zu nennen ist - als Schöpfer einer neuen Sprache. Die Musik kam da zum Wort als logischer nächster Schritt in der Suche nach neuen dramatischen Ausdrucksmitteln für die Dichtkunst, und zwar nicht als Verzierung, sondern als Verdichtung, als Versinnlichung des Wortes.

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