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Samstag, 21. September 2019

[Brücken von Schütz in unsere Zeit]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Brücken von Schütz in unsere Zeit

Geistliche Musik bei den Kasseler Musiktagen

von Johannes Mundry, aus: Musik & Kirche 1/2011

Seite 2

Linien von der alten Musik zur Musik der Gegenwart zu schlagen, gehört zu den Spezialitäten Rexroths. So auch diesmal. Höhepunkt dieses programmatischen Strangs war zweifellos die Auftragskomposition Prosopopeia der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti. Sie geht in ihrem einstündigen Werk, das vom Vocalensemble Kassel und dem Kammerensemble Neue Musik Berlin unter Leitung von Eckhard Manz bravourös aufgeführt wurde, von Schützens Musikalischen Exequien aus, deren Vokalsatz weitgehend unangetastet bleibt, aber von verfremdender Instrumentalbegleitung grundiert wird. Diese wiederum bietet die Vorbereitung für ?moderne? Einschübe: Gedichte von Schütz-Zeitgenossen (Donne, Crashaw, Quevedo, Marvell, Tasso), die um Tod und Liebe kreisen, werden gesungen, gewispert, geschrien. Offensichtlich hatte sich die Abwehrhaltung mancher gegenüber diesem kreativen Umgang mit ?heiliger? alter Musik nach wenigen Minuten aufgelöst, denn der Schlussapplaus steigerte sich zu einem Triumph.

Eine weitere abendfüllende Uraufführung gab es in der Christuskirche. In seiner Auftragskomposition ?Dekalog? widmet sich der Frankfurter Komponist Gerhard Müller-Hornbach den Zehn Geboten, vermeidet jedoch zugunsten eines oft meditativen inneren Monologs, den nacheinander zehn Instrumente mit einer ?Continuogruppe? aus Kontrabass und Schlagzeug führen, ein konkretes Eingehen auf jedes der Gebote und auch auf das Kunstwerk ?Dekalog und Kreuz? von Dagmar Weissingen in der Kirche im Stadtteil Wilhelmshöhe. Auf diese Weise bleibt die Sache individuell, Allgemeingültigkeit ist offenbar nicht vorgesehen, und der abschließende ?Epilogo utopico? mit allen zwölf Instrumenten gibt ebenfalls keinen Fingerzeig auf die Zukunft des Menschengeschlechts.

Weit mehr als nur höflichen Beifall für die deutsche Erstaufführung von Thomas Daniel Schlees Kirchenoper Hiob gab es wenige Tage später in der Alten Brüderkirche. Er galt natürlich zuerst dem Tenor Markus Schäfer, der die Titelrolle in dem 70-minütigen Stück des österreichischen Komponisten schlicht phänomenal darbot. Ihm zur Seite stand mit Traudl Schmaderer ein ebenfalls vorzüglich singender Engel. Doch auch die Komposition außerhalb jedes aktuellen Genre- und Avantgardezusammenhangs fand beigeisterte Zustimmung. Meist in leisen Tönen, mal grundiert, mal kommentiert von einem kleinen Ensemble aus vier Flöten, Trompete, Cello und Geige (Leitung: Daniel Geiss), entwickelt sich die Hiob-Gestalt, die ja wie kaum eine andere biblische für das Dilemma des Menschen in der Welt steht. Zweifel, Hader, Wut, aber auch Hoffnung setzen das Psychogramm Hiobs zusammen, das in der kongenialen Musik Schlees eine hohe Plastizität erhält.

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