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Sonntag, 23. April 2017

[Brücken von Schütz in unsere Zeit]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Brücken von Schütz in unsere Zeit

Geistliche Musik bei den Kasseler Musiktagen

von Johannes Mundry, aus: Musik & Kirche 1/2011
Die traditionsreichen Kasseler Musiktage haben in den vergangenen Jahren wieder deutlich an Profil gewonnen, seit Dieter Rexroth ihr Künstlerischer Leiter wurde. Aus Anlass des 425. Geburtstages von Heinrich Schütz, der vom hessischen Landgrafen Moritz entdeckt wurde und die Jahre seiner musikalischen Ausbildung in Kassel und von hieraus in Venedig verbrachte, ehe er nach Dresden abwanderte, wurden die Musiktage im Oktober und November 2010 zusammen mit dem Internationalen Heinrich-Schütz-Fest in der Stadt an der Fulda begangen. Dies erwies sich als eine ideale Kooperation am geeigneten Ort. Naturgemäß stand geistliche Musik im Vordergrund der zweieinhalb Wochen. Mit der Verpflichtung von Spitzenensembles wurde nicht gespart, und gut aufeinander abgestimmte Programme hoben sich wohltuend von den Beliebigkeiten manch anderer Festivals ab.

Auch der alte Landgraf kam zu Wort bzw. zu Ton. Das Ensemble „Weser-Renaissance“ unter der Leitung von Manfred Cordes füllte ein ganzes Konzert mit Werken des kunstsinnigen Mannes, die in ihrer Qualität, besonders was die Wort-Ton-Beziehung angeht, natürlich eine Liga hinter denen seines Schütz-lings rangiert. Dennoch: Einige der geistlichen Werke haben einen schönen Duktus, der in der Darbietung der Musiker nicht hätte besser herausgearbeitet werden können.

Auch die anderen Konzerte mit alter Vokalmusik boten feinste Kost, die sich in der Gesamtschau zu einem exquisiten Menü rundete. Die Capella Sagittariana und das Ensemble „amarcord“ stellten Schütz in den Kontext der italienischen Musik seiner Zeit. Der fünfköpfige, himmlisch singende „Cantus Cölln“ wiederum kontrastierte Sätze aus Schützens „Primo libro di madrigali“, die ein Füllhorn an musikalischer Finesse bieten, mit Teilen aus Johann Hermann Scheins Fontana d’Israel. Auch der fast gleichalte Schein verdient wieder mehr Aufmerksamkeit, besonders, wenn er so perfekt gesungen wird wie von diesem lautenbegleiteten (Konrad Junghänel) Vokalquintett.

Einige Tage später gab es eine weitere Sternstunde. Frieder Bernius leitete den Estnischen Philharmonischen Kammerchor in einem Programm mit Schütz- und Bach-Motetten sowie Werken von Arvo Pärt – nur eine Stunde Chorgesang, aber von unglaublicher Leichtigkeit des Gesangs, weit jenseits der Dogmen von „historischer“ Aufführungspraxis und doch passend, angemessen bis (fast) in die letzte Note. Die 25 Sängerinnen und Sängern aus dem sangesfreudigen baltischen Land schienen nicht zu atmen, schienen nur den Mund öffnen zu müssen, damit reinste Musik ausströmen konnte. Für viele war dies der Höhepunkt der Musiktage, und selten ist es zu erleben, wie ein Chor, der nach dem Ende schon verschwunden ist, wieder herbeigeklatscht wird. Zwei wiederholte Stücke des Esten Pärt waren der Lohn dafür.

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