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Mittwoch, 22. Januar 2020

[Musik und Jugendstil]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Musik und Jugendstil

Versuch einer Annäherung an die Liedkompositionen Hugo Wolfs

von Elmar Budde, aus: Österreichische Musikzeitschrift 1/2010

Seite 2

An der Schwelle der Moderne

Das Leben Hugo Wolfs (1860?1903) fällt also in eine Zeit, in der die Auseinandersetzung zwischen den Künsten zum ästhetischen Alltag gehörte und sich zur Jahrhundertwende hin schier unaufhaltsam steigerte. Diese Auseinandersetzung war von jener Utopie getragen, von der bereits die Romantiker, insbesondere Novalis, träumten, dass nämlich die Gesamtheit der Künste (also auch Literatur, Architektur, Gestaltung. Kunstgewerbe etc.) dazu bestimmt sei, das Leben gestaltend zu durchdringen, um es im ästhetischen Sinne lebenswert zu machen. Wir sprechen heute von Jugendstil, ?l?art nouveau? und Sezession, wenn wir die wichtigsten Tendenzen dieser Utopie, die in der Tat paneuropäischen Charakter hatte, zu bezeichnen versuchen. Sezession meint Wien, meint die Bündelung jener aufstrebenden Wiener Moderne im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, die schließlich im Jahr 1897 zur Gründung einer Künstlergruppe führte, in der Maler, Bildhauer, Architekten und Musiker sich programmatisch zusammentaten. 1897 wird Hugo Wolf in die Privat-Irrenanstalt Dr. Svetlin wegen Wahnvorstellungen gebracht: ein Jahr später ? nach kurzer Entlassung ? erfolgt seine endgültige Einlieferung in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt Wien. Die offizielle Etablierung der sezessionistischen Wiener Moderne findet also zeitgleich mit dem Rückzug Wolfs aus dieser Welt statt. Diese Duplizität der Ereignisse ist sicherlich ein Zufall, und Zufälle sollte man nicht ungebührlich mit Bedeutung ausstaffieren. Gleichwohl hat dieser Zufall durchaus zeichenhaften Charakter. Die künstlerischen Ideen und Tendenzen, die in Reaktion und Abwehr gegenüber den tradierten gesellschaftlichen Normen zur Gründung der Sezession führten, initiierten damit zugleich den Beginn der Wiener Moderne. Auch Wolf hat von Anfang an als Komponist und Kritiker gegen die gesellschaftlichen Normen, genauer gesagt, gegen akademischen Traditionalismus und pseudo-ästhetischen Schlendrian opponiert. Beginnend mit den Mörike-Liedern im Jahre 1888 und schließlich endend mit den Michelangelo-Gesängen im Jahre 1897 hat Wolf in knapp zehn Jahren einen kompositorischen Weg zurückgelegt, der ihn bis an die Schwelle der Moderne führte. Doch dieser Schritt, den die Wiener Sezessionisten programmatisch durchführten, war ihm nicht mehr vergönnt; wir können nur spekulieren, ob er ihn getan hätte. In den frühen Liedern von Anton Webern und Alban Berg, vor allem aber in den Liedern op. 3 und op. 4 von Webern aus den Jahren 1908/09 können wir zumindest ahnen, wie ein solcher Schritt vielleicht ausgesehen hätte.

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