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Dienstag, 23. Juli 2019

[Neues zu Mendelssohn (III)]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Neues zu Mendelssohn (III)

Zum lesen, spielen, hören

von Peter Cossé, aus: Österreichische Musikzeitschrift 07/2009

Seite 2

Mit den drei bekannten Klavierkonzerten ist der hohe Wert dieser Edition aber keineswegs erschöpft. In ?Welt-Ersteinspielung? wird ein e-Moll-Klavierkonzert geboten, dessen Fertigstellung der Komponist zugunsten des Violinkonzerts (op. 64) aufgegeben hatte. Die beiden ersten Sätze sind mit skizziertem Orchesterpart und der brillanten Klavierstimme, sowie mit einer kurzen Überleitung zum Finale überliefert. Der Mendelssohn-Forscher Larry Todd rekonstruierte die beiden Sätze, sorgte ergänzend für die Aufführbarkeit und wagte es, für den dritten Satz das Finale des erwähnten Violinkonzerts sozusagen zu entwenden. Als ich dies dem Begleitheft entnahm, musste ich unwillkürlich an den russischen Trompeter Sergei Nakarjakow denken, den ich vor ein paar Jahren beim Lockenhauser Kammermusikfest mit eben diesem Lieblingsstück der Geiger ?fremd blasen? hörte. Todd hat für den Pianisten beste Arbeit geleistet! Dieser spritzige, springlebendige Satz funktioniert auch auf dem Klavier. Oft sind ja vergessene, beiseite gelegte Stücke namhafter Komponisten aus der Versenkung geholt oder auch ergänzt worden (Mahler, Schubert, Tschaikowsky!) ? meist mit begrenztem Erfolg. Dieses dritte (bzw. vierte) Klavierkonzert jedoch könnte ein Repertoire-Stück werden!

Die zweite höchst rühmenswerte Edition bezieht sich auf Eigenbearbeitungen des Komponisten. Ähnlich wie seine Kollegen Liszt oder Brahms war Mendelssohn bemüht, seine symphonischen, aber auch kammermusikalischen Werke wie das Oktett op. 20 für intimere Besetzungen, also der engagierten Hausmusik zugänglich zu machen. Und dies nicht nur als gleichsam akustische Hilfestellung, als Sparprogramm für individuelle Liebhaberschaft, sondern ? das zeigt eine Sony-CD mit dem Klavierduo Tal / Groethuysen und befreundeten Streichern ? im Sinne vollgültiger musikalischer Klang- und Bewegungsalternative. Das Oktett in der Fassung für Klavier zu vier Händen wird gelegentlich von aufmerksamen, unangepasst programmierenden Duos beachtet (etwa Uriarte-Mrongovius / Arts 47622-2), aber eine echte Überraschung bietet die Aufführung der Symphonie Nr. 1 (op. 11) im Arrangement für Klavier zu vier Händen, Violine und Violoncello. Es handelt sich in Wahrheit um ein Klaviertrio mit verdoppelter Tastenaktivität ? und unter den Händen von Yaara Tal und Andreas Groethuysen, umtönt von den Streichern Oliver Wille und Mikayel Hakhanazaryan, erlebt man diese schöne, unschuldig geniale Symphonie wie eine kunstvoll zurück geschnittene Bonsai-Pflanze ? duftend, klar konturiert wie eine ins Klangliche verzauberte Silberstiftzeichnung.

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