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Montag, 16. Juli 2018

[Neues zu Mendelssohn (III)]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Neues zu Mendelssohn (III)

Zum lesen, spielen, hören

von Peter Cossé, aus: Österreichische Musikzeitschrift 07/2009
Nach den verschiedensten Haydn-Erörterungen ist es an der Zeit, auch auf den Jahresregenten Felix Mendelssohn Bartholdy – zumindest in Stichpunkten – einzugehen. Von allen mir erreichbaren Einspielungen sind zwei Projekte besonders hervorzuheben – in gestalterischer Hinsicht, aber auch im Hinblick auf die Erweiterung des Mendelssohn-Repertoires. Man sollte ja wissen – und das gilt für die jüngeren Musikliebhaber –, dass die Werke Mendelssohns in den ersten Nachkriegsjahrzehnten (gar nicht zu reden von den 30er-Jahren!) aus dem Konzertleben, aus den ästhetischen Diskussionen geradezu ausgeblendet waren. Musikalischer Rassismus in gröbsten, aber auch verfeinerten Techniken – und immer wieder hörte man damals, dass etwa die Lieder ohne Worte für Klavier einer sentimentalen, vor allem nicht der Höchstkunst genehmen Gattung angehörten (in Nachbarschaft zu dummen, deutsch-intellektuellen Abwehrhaltungen, denen auch Griegs Lyrische Stücke für lange Zeit unter konzertante Quarantäne gerieten).

Meine Favorit-Aufnahme zum Mendelssohn-Jahr ist jene, die der Pianist Matthias Kirschnereit zur Diskussion gestellt hat. Der Beginn des g-Moll-Klavierkonzerts, also der Einstieg in die konzertante Welt Mendelssohns ist dazu angetan, dem Hörer im besten Sinne den Atem zu nehmen. Keine der zahlreichen Aufnahmen dieses zwischen Forschheit, mobiler Eleganz und zärtlicher Lyrik vermittelnden Werkes ist mir bekannt, die sich so energisch fordernd, so entschieden steigernd und prunkvoll schwellend bemerkbar macht wie diese hier mit der offenkundig nicht nur gründlichst vorbereiteten Chemnitzer Robert Schumann-Philharmonie. Vielmehr: das Orchester wirkt inspiriert, freudig beteiligt an allen sportlichen Aktionen des Solisten. Daher wird man folgern können, dass der Dirigent Frank Beermann wertvolle Arbeit und in einem Programmpunkt auch Pionierarbeit geleistet hat. Kirschnereit – Preisträger u.a. des Zürcher Géza Anda-Wettbewerbs – wirft sich mit starkem Ton in die aufgeregte Orchesterbrandung, zeigt unmissverständlich, wie entschieden es bei Mendelssohn um flimmerndes Brio geht, um geistvolles Auf- und Ab auf den Tasten. Seine überzeugende Gesamtdarstellung der Mozart-Klavierkonzerte in Erinnerung (Arte Nova), mochte ich noch etwas zweifeln, wie sich dieser ernsthafte Musiker mit den windigen, gleichsam finger-flitzigen Ecksätzen der drei vertrauten Mendelssohn-Konzerte zu erkennen geben würde. Aber Kirschnereit fegt mit höchsten „Tourenzahlen“ durch das lebensfrohe Terrain, vergisst dabei keinesfalls, die Ruhepunkte vorzubereiten, um sich dann im Folgenden mit schönem, plastisch-leisem, keinesfalls nur säuselndem Klavierton ein wenig Rast zu gönnen. Die raschen und im Ernstfall kühn forcierten Passagen sind in dieser Einspielung mit einem Elan, mit einer Kraft (und Präzision!) inszeniert, die nicht nur keinen Vergleich zu scheuen braucht, sondern ein gutes Stück über Einspielungen etwa mit András Schiff, Cyprien Katsaris oder Elisabeth Leonskaja hinausgeht. Rudolf Serkins Version ähnelt in dieser Hinsicht verwegener „Kirschnereiterei“ noch am ehesten, aber der deutsche Kollege leistet die feinmechanisch ausgefeilteren Dienste an den beiden Partituren Op. 25 und Op. 40.

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