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Donnerstag, 19. April 2018

[Neues zu Mendelssohn (II)]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Neues zu Mendelssohn (II)

Zum lesen, spielen, hören

von Annegret Huber, aus: Österreichische Musikzeitschrift 07/2009
Den 200. Geburtstag Felix Mendelssohn Bartholdys vor Augen ist die Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy bei Breitkopf & Härtel ihrem Ziel, „sämtliche erreichbaren Kompositionen, Briefe und Schriften sowie alle anderen Dokumente seines künstlerischen Schaffens in wissenschaftlich angemessener Form der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, wieder einige Schritte näher gekommen. Bereits 2006 brachte der Verlag Thomas Schmidt-Bestes Neuausgabe von Mendelssohns 3. Symphonie op. 56 heraus, deren Beiname „Schottische“ zum Zeitpunkt ihrer Uraufführung nicht einmal mehr ihrem Komponisten erwähnenswert schien. Als solche wird sie jedoch – mit Klammern und Anführungszeichen versehen – als Konzession an das rezeptionsgeschichtlich geprägte Publikum ausgewiesen. Bemerkenswert an dieser Ausgabe ist, dass für sie erstmals eine (nicht-autographe) Partiturabschrift der Londoner Erstaufführung aus 1842 herangezogen werden konnte. Diese unterscheidet sich von der Haupt- und Leitquelle des Erstdrucks (1843) so sehr, dass abweichende Abschnitte nicht ins Lesartenverzeichnis der kritischen Ausgabe Eingang finden konnten, sondern in Band 1/5 der Gesamtausgabe abgedruckt wurden. Dass Studienpartituren wie die hier zu rezensierende keinen kritischen Bericht beinhalten, ist nicht ungewöhnlich; dass aber das Lesartenverzeichnis über die Homepage des Verlags komplett einzusehen ist, könnte ein beispielgebender Kompromiss sein, durch den die nicht unproblematische Kluft zwischen „praktischen“ und wissenschaftlichen Ausgaben in sinnvoller Weise überbrückt werden könnte. Und vor diesem Hintergrund ist es fast ein wenig bedauerlich, dass man den Unterschied zwischen der Londoner und der Fassung letzter Hand des Erstdrucks nicht ebenso griffbereit vorfindet wie das Lesartenverzeichnis – zumal es sich um nur 73 Takte handelt, die 111 ersetzen.

Gar eine ganze „Geschichte“ könnte der kritische Bericht des im vergangenen Jahr erschienenen Klavierauszugs zum Elias erzählen: Dieser wurde vom Komponisten zur selben Zeit angefertigt, als er das Oratorium nach der Uraufführung 1846 in Birmingham noch einmal für die Drucklegung einer grundlegenden Revision unterzog. Die Chronologie des Überarbeitungsprozesses zeichnet sich dabei weniger in den unentflechtbaren Korrekturschichten des Partiturautographs ab als in seinem Ineinandergreifen mit dem des Klavierauszugs, dessen Entstehung von einer elaborierten Korrespondenz des Komponisten mit englischen Mitstreitern begleitet wird. Mendelssohns Klavierauszug war daher auch die einzige Quelle, der die autorisierte englische Textierung korrekt zu entnehmen ist. Besonders verdienstvoll ist vor diesem Hintergrund das Vorwort des Herausgebers Christian Martin Schmidt, der die „Gattung“ Klavierauszug mit einer ästhetischen Kategorie eigenen Rechts ausstattet: Gestützt auf Selbstzeugnisse Mendelssohns erklärt er, warum dieser Klavierauszug weder als „Reduktion“ des Orchesterganzen noch als reine „Krücke“ für den Probengebrauch gesehen werden darf. Er sieht vielmehr im Substanzwechsel vom Orchester- zum Klavierklang ein Übersetzungsphänomen (im Sinne Umberto Ecos), bei dem dasselbe vielleicht mit ähnlichen Tönen, nicht aber mit denselben Klängen vermittelt werden muss. Die Klangästhetik des Pianisten Mendelssohn darf also beim Gebrauch dieses Klavierauszugs nicht übersehen werden.

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