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Dienstag, 23. Januar 2018

[Neues zu Mendelssohn (I)]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Neues zu Mendelssohn (I)

Zum lesen, spielen, hören

von Ralf Wehner, aus: Österreichische Musikzeitschrift 07/2009

(ungefähr 5 Seiten)

Die Musikwelt begeht in dem an Jubiläen so reichen Jahr 2009 den 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy würdig und in eindrucksvoller Vielfalt. Ungezählt sind die Konzerte, unübersehbar die Zahl an Rundfunksendungen und Zeitungsartikeln. Dazu kommen Ausstellungen, Editionen, Fernseh- und Filmproduktionen, und Ende August 2009 findet in Leipzig ein Internationaler Mendelssohn-Kongress statt. Außergewöhnlich umfangreich stellen sich schon jetzt auch die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt dar. Sechs Publikationen mit über 2300 Seiten liegen auf dem Schreibtisch des Rezensenten und sie bilden nur einen Ausschnitt dessen, was demjenigen angeboten wird, der sich im Jubiläumsjahr ein Bild von Felix Mendelssohn Bartholdy machen möchte. Außer den hier näher besprochenen Büchern sind der Vollständigkeit halber die knappe Mendelssohn-Biographie von Martin Geck (Reinbek: Rowohlt), der Band 16 (2009) der Mendelssohn-Studien sowie ein vortrefflicher Begleitband für die Mendelssohn-Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin vom 30.1. bis 14.3.09 von Roland Dieter Schmidt-Hensel und Christine Baur (Stuttgart / Berlin 2009) zu nennen. Unmittelbar vor dem Erscheinen steht zudem das Thematisch-systematische Verzeichnis der musikalischen Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy (MWV), das im Rahmen der Leipziger Mendelssohn-Gesamtausgabe an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften publiziert wird und erstmals so umfassend wie möglich über das komplette gedruckte und ungedruckte Schaffen des Komponisten Auskunft gibt. Das Mendelssohn-Jahr 2009 – so scheint es – vermag damit in nie gesehenem Ausmaße Akzente zu setzen. Diese Impulse aufzunehmen und in eine differenzierte und nachhaltige Neubewertung umzusetzen sollte Ansporn, Verpflichtung und Freude gleichermaßen darstellen.

Als in vielerlei Hinsicht gewichtigster Beitrag zur Mendelssohn-Biographik darf das monumentale Opus Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben. Seine Musik von R. Larry Todd gewertet werden, das nun – nach der Erstveröffentlichung in den USA 2003 – seine deutsche Fassung erlebt. Todd, einer der profiliertesten Mendelssohn-Kenner der Gegenwart, der seit über dreißig Jahren mit einer Fülle von Editionen und analytisch wie quellenphilologisch zentrierten Aufsätzen an die Öffentlichkeit getreten ist, hat mit beeindruckender Akribie die weit zerstreuten, teils veröffentlichten, teils unveröffentlichten Puzzlesteine zu einem lebendigen und differenzierten Bild jener vielseitigen Künstlerpersönlichkeit zusammengetragen. Wie in jeder Publikation des amerikanischen Wissenschaftlers sind auch hier neue und bislang unbekannte Dokumente erstmals nachlesbar. Übersetzt wurde das voluminöse, fast 800 Seiten starke und mit annähernd 2500 Fußnoten ausgestattete Buch von Helga Beste unter Mitarbeit des Mendelssohnforschers Thomas Schmidt-Beste. Durch diese Konstellation eines in besonderer Weise in die Materie eingearbeiteten Übersetzerteams und die Einbeziehung neuester Forschungserkenntnisse wird diese Ausgabe – zumindest für den deutschsprachigen Raum – zu einem Referenzwerk erster Güte. Kaum ist eine wichtige Begebenheit im Leben ausgelassen, selten ein Werk, das nicht in irgendeiner Weise Erwähnung findet und wohl kaum wird eine Person nachweisbar sein, die für Mendelssohns Biographie wesentlich wäre und nicht einbezogen wurde. Die ursprünglich ins Englische übersetzten Briefzitate werden sämtliche nach den deutschen Originaltexten der Quellen wiedergegeben. Gegenüber der amerikanischen Originalfassung ist das Buch um etliche Abbildungen sowie ein listenartiges Werkverzeichnis erweitert. Erschlossen wird das Ganze durch ein ebenso durchdachtes wie weitverzweigtes Registersystem, das dazu führt, dass Todds Buch als einzigartiges Mendelssohn-Kompendium an Daten und Fakten genutzt werden kann und vermutlich in der näheren Zukunft als erste Anlaufstelle für Fragen biographischer Natur dienen dürfte. In der Gegenwart, in der das so komplexe Nachwirken Felix Mendelssohn Bartholdys bisweilen über sein eigentliches Wirken zu Lebzeiten gestellt wird, erweist es sich als wohltuend, dass Todd sich primär auf die Biographie und das Schaffen beschränkt und das Buch mit dem Begräbnis Mendelssohns am 6.11.1847 schließen lässt. In den Vorbemerkungen skizziert der Autor die Möglichkeiten, darüber hinausgehend die weitere Entwicklung der Interpretation und Missinterpretation des Mendelssohn’schen Schaffens zu verfolgen, doch hätte eine solche Studie – vor allem in den Proportionen des Buches – die Dimensionen desselben bei weitem gesprengt. Der Leser muss vor allem Zeit und die Bereitschaft mitbringen, sich mit den verschlungenen Lebenswegen sowie den unzähligen Personen und Werken auseinanderzusetzen, doch ist dank einer geglückten Gliederung und dank des erwähnten Registers die Möglichkeit gegeben, sich auch nur mit einzelnen Bereichen zu beschäftigen.

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