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Samstag, 16. Oktober 2021

[Händels Belshazzar]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Händels Belshazzar

Musikalische Form und geschichtliche Hintergründe

von Jan Assmann, aus: Musik & Ästhetik

Seite 2

Händel hat im Jahre 1738 eine Wende vom Opern- zum Oratorienkomponisten vollzogen. Auch zum Verständnis von Belshazzar ist es wichtig, sich die wohlbekannten und oft behandelten Gründe dieser Entscheidung noch einmal zu vergegenwärtigen. Zunächst bieten sich biographische Gründe an. Händels Wandlung vom Opern- zum Oratorienkomponisten war ein schwerer gesundheitlicher Zusammenbruch vorhergegangen. Zeitgenössische Quellen schreiben von Schlaganfall, einhergehend mit Depression, Apathie und mentalen Störungen. Händel konnte aber wie durch ein Wunder bei einem Kuraufenthalt in Aachen seine Gesundheit wieder vollkommen herstellen. Ins Leben und nach London kehrte er als Oratorienkomponist zurück. Nichts schien der älteren Händelforschung näher zu liegen als die Annahme, daß diese Lebenskrise bei ihm eine Art Konversion auslöste, so als sei Händel nun, knapp dem Tode entronnen, fromm geworden und habe sich, ähnlich wie man das bei Heinrich Schütz annahm, von der weltlichen Oper abgewandt und geistlichen Stoffen verschrieben. In den Quellen deutet jedoch nichts auf Derartiges bei Händel hin. Die schwere Krise führte bei ihm, wie so oft, zu einem Kreativitätsschub, aber wohl nicht zu einer religiösen Umorientierung. Sicher wird ihn die an ein Wunder grenzende Genesung mit tiefer Dankbarkeit erfüllt haben und sicher drückt sich diese neugewonnene Lebenskraft und Lebensfreude auch in den Jubelchören seiner Oratorien aus, die in einer Oper keinen Platz hätten finden können. Die eigentlichen Gründe für seine Wende wird man jedoch woanders suchen müssen.

Unter den wichtigsten musikalischen Gattungen der damaligen Zeit, Oper, Kirchenmusik und Kammermusik, nahm die Oper den ersten Rang ein, und Händel gehörte zu den führenden Vertretern dieser Gattung. Abgesehen von Frankreich, das in dieser Hinsicht seinen eigenen Weg ging, bedeutete Oper im damaligen Europa aber italienische Oper, und das heißt: Kastraten in führenden Rollen, entlegene Stoffe aus der Mythologie und Geschichte, eine den meisten unverständliche Sprache, also eine Kunstform, die von den Sorgen, Gedanken und Lebensumständen eines bürgerlichen Publikums denkbar weit abgehoben ist und ihre Künstlichkeit stark zur Schau stellt. Die italienische Oper ist eine vornehmlich höfische (und katholische) Gattung; Händels Londoner Publikum aber war ein weitgehend bürgerliches (und protestantisches) Publikum. Die italienische Oper schien sich in London überlebt zu haben (auch wenn sie dort durch Komponisten wie Baldassare Galuppi und Johann Christian Bach noch bis in die 70er Jahre hinein lebendig blieb); wonach dieses Publikum verlangte, waren eine englische Oper und Stoffe, in denen sich die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Belangen wiedererkennen konnte, also: englische Sprache, englische Musik und englische Themen. In dieser Lage erfindet Händel eine neue Gattung, das englische Oratorium, das soviel ist wie eine in konzertanter Aufführung verkappte geistliche Oper. Wichtig ist also zunächst einmal, sich klarzumachen, daß Händel mit dieser neuen Form nicht etwa von der Oper zur Kirchenmusik wechselt, sondern auch mit seinen Oratorien Musikdramatiker und Opernkomponist bleibt, auch wenn seine neuen Opern sich aus äußeren Umständen in konzertanter Form verkleiden oder tarnen mußten.4 Dabei war auch der Begriff »Oratorio« für diese konzertante Form in England unbekannt, so daß Händel für die öffentliche Aufführung von Esther 1732 explizit klarstellen mußte: »there will be no Action on the Stage, but the House will be fitted up in a decent Manner, for the Audience«.5Was Händel bei seiner neuen Schöpfung, dem dramatischen Oratorium bzw. der geistlichen Chor-Oper, offenbar vorschwebte, war eine gesteigerte, großartigere und wirkungsvollere Form von Musiktheater und nicht etwa die Abkehr von der Oper. Hinter der Erfindung der neuen Kunstform, des englischen Oratoriums, standen also in erster Linie sicher ästhetische und geschäftliche Erwägungen. Beide lassen sich nicht trennen: sie vereinigen sich in der Kategorie der »Wirkung«, bei Händel wie bei Mozart und Verdi. Der dramatische Komponist strebt maximale szenische Wirkung an, und diese Wirkung war im Rahmen der italienischen opera seria für Händel in London nicht mehr zu erzielen.

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