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Dienstag, 18. September 2018

[Händels Belshazzar]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Händels Belshazzar

Musikalische Form und geschichtliche Hintergründe

von Jan Assmann, aus: Musik & Ästhetik

(ungefähr 16 Seiten)

Für den Altorientalisten und Religionsgeschichtler ist von allen Opern und Oratorien Händels Belshazzar dasjenige Werk, das den packendsten Stoff behandelt.1 Geht es doch hier um den einen Moment der alten Geschichte, in dem Heilsgeschichte und Weltgeschichte konvergieren. Über die Gestalt des Perserkönigs Kyros, der Babylon, die mächtigste Stadt der damaligen Welt, durch eine Kriegslist einnahm, dem babylonischen Reich damit ein Ende setzte und ein neues Weltreich errichtete, berichten biblische, griechische, babylonische und persische Quellen. Galt Kyros den Griechen und Persern als der geniale Eroberer und ideale Herrscher, so galt er den Juden gar als der »Gesalbte des Herrn«, der gottgesandte Messias. Charles Jennens, der Textdichter, hat alle diese Quellen (mit Ausnahme natürlich der ihm noch unbekannten keilschriftlichen) für sein Textbuch herangezogen und das Ereignis unter Verzicht auf jegliche opernhafte Ausschmückung, etwa durch eine hinzu erfundene Liebesgeschichte, in seiner ganzen welt- und heilsgeschichtlichen Bedeutung erfaßt.

Händels Belshazzar ist bekanntlich keine Oper, sondern ein Oratorium. In Wirklichkeit aber, d. h. in der stringenten Dramatik seines Aufbaus und seiner inneren Form, ist es doch eine Oper und in oratorienhaft-konzertanter Aufführung, ohne Bühnenbilder und Inszenierung, gar nicht verständlich, so daß das Textbuch lange Bühnenanweisungen enthält, damit das Publikum sich die Handlung zumindest vorstellen kann. Wie ist das zu erklären? Ein Oratorium, das als solches gar nicht funktioniert und als Oper aufgeführt werden will? Eine Oper, die sich Oratorium nennt und für eine konzertante Aufführung geschrieben ist? An diesem Widersinn sind äußere Umstände schuld. Der Blasphemy Act von 1605 verbot die szenische Aufführung biblischer Stoffe und ließ in Kirchen keine weltliche Musik zu.2 So ergab sich das dramatische Oratorium als Kompromiß, das zwar im Theater (und nicht in der Kirche), aber nur konzertant (und nicht szenisch) aufgeführt wurde.3 Heute sind diese äußeren Umstände weggefallen, und nichts hindert mehr daran, Belshazzar in der Weise aufzuführen, die seiner inneren Form entspricht. Belshazzar ist eine Oper, genauso gut wie Nabucco.

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