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Samstag, 21. Juli 2018

[Menschenkenntnis und

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Menschenkenntnis und "natürliche Autorität"

Daniel Ender im Gespräch mit Manfred Honeck

von Daniel Ender, aus: Österreichische Musikzeitschrift 01/2009

Herr Honeck, vor Ihrer Karriere als Dirigent waren Sie Bratschist. Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihren eigenen Instrumentalunterricht?

Zunächst muss ich festhalten, dass ich an der damaligen Wiener Musikakademie Violine studiert habe – zur Bratsche wechselte ich erst, als ich im Orchester der Wiener Staatsoper und bei den Wiener Philharmonikern spielte. Für mich und meinen Bruder Rainer, der jetzt einer der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker ist, waren dieser Unterricht und die Weitergabe der philharmonischen Tradition prägend. Ich kann sagen, dass ich ohne diese Schule nicht jenes Verständnis für all die Musik bekommen hätte, die in Wien und ganz allgemein im altösterreichischen Kulturraum entstanden ist – ob das nun die Komponisten der Wiener Klassik und Schubert sind oder Brahms, Bruckner und besonders Mahler, aber auch die folgenden Komponisten der Zweiten Wiener Schule. Ich hatte mehrere, sehr unterschiedliche Lehrer: Professor Drevo war ein eher cholerischer Mensch, der mich auch zu Tränen brachte, während Frau Professor Bertschinger, eine Flesch-Schülerin, einfühlsamer unterrichtete. Später studierte ich bei Alfred Staar und Rainer Küchl, die mir die philharmonische Tradition aus erster Hand vermittelten.

Gibt es Dinge, die Sie im Rückblick selbst als Lehrer anders gemacht hätten?

Die vielen technischen Übungen waren mir damals eher lästig, die Violinschule von Otakar Sˇevcˇik kam mir altmodisch vor, aber aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass sie gut und richtig war. Und das Fordernde meiner Lehrer sehe ich heute auch positiv – eigentlich würde ich kaum etwas anders machen.

Wie sehen Sie beim Beruf des Dirigenten die Parallelen zur Pädagogik?

Die Parallelen sehe ich vor allem darin, eine größere Anzahl von Menschen – bei einem Orchester bis zu 120 – dazu zu bringen, gemeinsam ein Ziel anzustreben. Mich fasziniert das massenpsychologische Phänomen: Wie kann es gelingen, eine solche Anzahl von Individuen zu einem gemeinsamen Empfinden der Musik zu bringen? Wie kann ich das Vorhandene bündeln, noch verbessern und formen? Wie kann ich diese Individuen motivieren? Es hat dies durchaus mit Führungstechnik zu tun, etwas, das auch im Managementbereich wichtig ist. Dabei hat sich die Arbeitsweise der Dirigenten gegenüber den Zeiten Toscaninis oder Mahlers stark gewandelt. Früher waren die Musiker wohl auch autoritätshöriger – seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts muss ein Dirigent neben der musikalischen Kompetenz eine gehörige Portion an Menschenkenntnis und psychologischem Feingefühl mitbringen (da war Karajan ein Pionier). Nicht aufgesetzte oder angemaßte, sondern natürliche Autorität sollte der Dirigent haben. Musik entsteht im Augenblick, sie bleibt nicht im Raum stehen wie ein Werk der bildenden Kunst, und deshalb muss der Dirigent es erreichen, durch Fantasie, auch das, was zwischen den Taktstrichen steht, den Musikern so zu vermitteln, dass sie imstande sind, die Noten mit ähnlichen Empfindungen zum Erklingen zu bringen.

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