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Dienstag, 16. Oktober 2018

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Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

"Zum Singen bringen"

Ein Projekt der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

von Siegfried Bauer, Ingo Bredenbach, Bernhard Leub, aus: Musik & Kirche 1/2009
?Der Worte sind genug gewechselt ??: Die Evangelische Landeskirche Württemberg hat gegen das vielfach festgestellte Defizit in der Singpraxis in allen Teilen der Gesellschaft ein Programm entwickelt, das dem allzu offensichtlichen Missstand entgegenwirken soll. Die Initiatoren stellen es vor.

Notstand Singen

Alle wissen es und reden seit Jahren darüber: Es wird immer schwieriger, in der Kirche miteinander zu singen, mit den Kindern im Kindergottesdienst, mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden, mit den Schulklassen im Religionsunterricht. In vielen Kirchengemeinden stagniert der Gemeindegesang. Dass es mit dem Singen in unserer ganzen Gesellschaft nicht zum Besten bestellt ist, das ist heute bedauerlicherweise die Realität.

In skandinavischen Ländern steht schon in der Vorschulerziehung das gemeinsame Singen und Musizieren im Mittelpunkt. Kinder hören einander zu und entdecken dabei das Spielen verschiedener Instrumente. In dieser Hinsicht ist Deutschland inzwischen ein Entwicklungsland. Auch die Gründe sind bekannt: Bundesweit fällt an Gymnasien 36% des Musikunterrichts aus, an den Haupt- und Realschulen sogar 60%. Weniger als 20% der Lehrerinnen und Lehrer in den Grundschulen haben eine musikalische Ausbildung. Auch in Kindergärten und Familien wird dem Singen zu wenig Beachtung geschenkt. Auf der anderen Seite gibt es wie noch nie zuvor eine technische Allgegenwart von Musik, sie ist zeit- und ortsunabhängig immer vorhanden. Diese Omnipräsenz der Musik zieht allerdings eine nachhaltige Entmündigung nach sich: Man singt nicht selbst, man lässt singen. Das heißt, das Singen und die aktive Begegnung mit Musik finden bei uns in den frühen Lebensjahren, in denen die Kinder die Sprache der Musik am leichtesten lernen, unzureichend oder überhaupt nicht statt. Zoltán Kodály forderte bereits1951 in einer Rede bei der UNESCO: ?Die musikalische Erziehung eines Kindes sollte schon neun Monate vor der Geburt der Mutter beginnen.? Nach dem PISA-Schock muss man zuspitzen: ?Deutschland scheint nicht nur zu verdummen, sondern auch zu verstummen, zumindest was das Singen betrifft.? (Stefan Klöckner) Diese Entwicklung trifft die evangelische Kirche im Kern: Singen in Familie, Schule und Kirche ist eine elementare Äußerung des individuellen und des gemeinsamen Glaubens. Beim Singen zeigen sich im Lauf einer langen Entwicklung viele verschiedene Formen und Funktionen von der gemeinschaftlichen Verkündigung des Wortes Gottes im reformatorischen Lied bis zum individuellen Ausdruck des Glaubens im zeitgenössischen Anbetungslied. Die Jugendkulturen haben dazu beigetragen, dass Musik zu einer Art Identitätsausweis wurde, zu einem Medium der Selbstdarstellung und damit auch der Abgrenzung gegenüber anderen. Singen vornehmlich als Ausdruck des Glaubens, als Ausdruck einer Befindlichkeit zu verstehen und zu praktizieren, kann direkt an diese Entwicklung anschließen. Demgegenüber ist in den Hintergrund getreten, dass Singen nicht nur Ausdruck des Glaubens, sondern auch ein Weg dorthin ist. Im Singen wird der Glaube eben auch gelernt und geübt. Zum Singen kommen heißt auch, zum Glauben kommen.

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