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Mittwoch, 23. September 2020

[Als Pionier allein mit Bach]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Als Pionier allein mit Bach

Vor hundert Jahren erschien die deutsche Fassung von Albert Schweitzers Bach-Buch

von Ludwig Audersch, aus: Musik & Kirche 5/2008

Seite 2

Schweitzers Handwerkszeug war fast die gesamte zu dieser Zeit zugängliche Bach-Literatur, eine erstaunlich große Zahl historischer Quellentexte, die komplette alte Bachausgabe und natürlich seine praktische Erfahrung als Organist und Berater von Choraufführungen. Seine Messlatte war natürlich das große Bach-Buch Philipp Spittas. Aber anders als Spitta wollte Schweitzer vor allem „als Musiker zu Musikern über Bach reden“. Insofern ist sein Bach keine Biographie, sondern wirklich ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Und es gereicht Schweitzer zur Ehre, dass er es deshalb stets für jeweils neue eigene und fremde Erkenntnisse und Erfahrungen offenhalten wollte. Die alte Bachausgabe nahm er 1913 mit nach Lambarene und machte sich dort sogleich an eine Revision seines Bach-Buches. So gut es ging, versuchte er auch später immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, was die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Bach betraf. „Sobald der Krieg herum ist, muss ich an die Arbeit der neuen Auflage meines Bach gehen“ schrieb er im September 1918. Dass es dazu nie kam, ist seinen extremen Arbeits- und Lebensumständen geschuldet. Zu Beginn der 50er-Jahre begann sich Schweitzer allerdings noch einmal mit der Frage der bachschen Verzierungen zu beschäftigen. Sie quälte ihn regelrecht und wurde wieder aktuell, als er die einst mit Widor begonnene Orgelausgabe fertigstellte, worin noch die Bände mit den Choralbearbeitungen fehlten. Fast fünfhundert Manuskriptseiten zu diesem Thema fanden sich in seinem Lambarener Nachlass. Auf die Nutznießer seines Bach und der Orgelausgabe gemünzt hatte er 1953 geschrieben: „Ich schämte mich ihnen Steine statt Brot zu geben. Da habe ich mich noch einmal in die Sache versenkt und da weiter gebohrt, wo ich schon in meinem Buch über Bach zu bohren angefangen hatte.“

Schweitzers deutscher Bach erschien vor nunmehr einhundert Jahren und vieles von dem dort gebotenen Brot ist nach wie vor gesund und nahrhaft. Eines seiner Hauptanliegen, die Formulierung eines „Wörterbuches der Bachschen Tonsprache“ wird man heute vielleicht belächeln. Aber besonders hier fällt einem der Karl-May-Vergleich wieder ein und es ist faszinierend, wie Schweitzer seiner Motiv-These bis ins Kleinste nachgeht und sie in sich schlüssig abzurunden versteht.

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