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Mittwoch, 24. Januar 2018

[Als Pionier allein mit Bach]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Als Pionier allein mit Bach

Vor hundert Jahren erschien die deutsche Fassung von Albert Schweitzers Bach-Buch

von Ludwig Audersch, aus: Musik & Kirche 5/2008
Vor hundert Jahren, drei Jahre nach einer ersten Fassung in französischer Sprache, erschien Albert Schweitzers Buch „Johann Sebastian Bach“. Gänzlich ohne Vorbild schuf der Theologe, Philosoph, Organist, Musikwissenschaftler und Arzt hier eine Hinführung zu Bach, die lange über ihr Erscheinungsdatum hinaus wirkte. Eine Erinnerung an eine einzigartige Publikation.

Einer der legendären Pioniere der Alten Musik vertiefte sich vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal in das Bach-Buch Albert Schweitzers. Und auf die Frage, wie er gerade dieses Werk lese, antwortete er: „Wie einen Roman von Karl May!“

Steht zwischen Bach und dem Interpreten heute oft eine dicke Mauer aus Büchern oder CD-Paketen, war Schweitzer als Pionier in der freien Wildbahn mit Bach allein. Seine Musik war neu und frisch, die Sicht auf sein Werk fast unverstellt und man konnte ihn nur kennenlernen, wenn man die Noten aufschlug und selber las. Das Erlebnis dieses Aufbruchs in unbekanntes Gebiet ist an vielen Stellen von Schweitzers „Bach“ unmittelbar nachvollziehbar, und deshalb liegt der Vergleich mit Karl May durchaus nahe.

1899 gestand Charles Marie Widor seinem Orgelschüler Albert Schweitzer, dass ihm angesichts der Klarheit der Präludien und Fugen Bachs dessen Choralbearbeitungen ein Rätsel seien. Da machte der Schüler den Meister auf den Zusammenhang zwischen Choraltext und musikalischer Auslegung durch Bach aufmerksam und der faszinierte Widor, dem Schweitzer auf diese Art sämtliche Choralbearbeitungen zu erklären versuchte, erbat eine kleine Studie zu diesem Thema für die französischen Organisten. Schweitzer wollte die Herbstferien 1902 für diese Arbeit nutzen, aber da sich in seiner Person Theologe, praktischer Musiker, Hobby-Musikologe und verantwortungsvoller Autor an den Schreibtisch setzte, erschien die von Widor bestellte „kleine“ Arbeit erst im Sommer 1905: als 455 Seiten starkes Buch unter dem Titel J. S. Bach, le musicien-poéte.

Das Echo in der Fachwelt war groß und der Autor selbst mittlerweile eine Kapazität auf vielen Gebieten: Doktor der Philosophie und Theologie, Prediger an St. Nicolai und Studiendirektor des Thomasstiftes in Straßburg, Dozent an der Theologischen Fakultät der dortigen Universität, Autor wichtiger theologischer und philosophischer Bücher, Orgelvirtuose, Mitbegründer der Pariser Bachgesellschaft und maßgeblich beteiligt an der systematischen Aufführung der Kantaten und Oratorien, Orgelexperte und – nachdem er sich entschlossen hatte, als Arzt nach Afrika zu gehen – seit 1905 Student der Medizin. Als sich Schweitzer im Sommer 1906 an die deutsche Fassung seines französischen „Bach“ machen wollte, stellte er fest, dass er sich nicht einfach selbst übersetzen könne, sondern sich erneut mit dem Stoff auseinandersetzen müsse. „So klappte ich den französischen Bach zu und entschloss mich, den deutschen neu und besser zu schaffen. Aus dem Buche von 455 Seiten wurde zum Jammer des überraschten Verlegers eines von 844.“ Diese deutsche Fassung erschien 1908.

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