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Samstag, 25. Mai 2019

[Die Oper ?Talestri, regina delle amazzoni?]

Musikzeitschriften im Portrait: Vivavoce

Die Oper ?Talestri, regina delle amazzoni?

Eine Kurprinzessin als Amazonenkönigin

von Rebekka Bindewald, aus: VivaVoce Nr. 80

Seite 3

Talestri entscheidet sich letztlich weder gegen die Liebe und für die Pflicht noch gibt sie mit ihrer Entscheidung zur Liebe ihre Macht als Herrscherin auf: Die Amazone bekennt sich zu ihrer Liebe, heiratet Oronte und bleibt trotzdem Königin. Durch die z.B. von Oronte verkörperten Werte wie Glaube, Liebe und Verzeihen verlieren die Skythen ihren Ruf des bedrohlichen Volkes, mit der Folge, dass der daraus resultierende Männerhass seine Berechtigung verliert. Talestri nimmt insofern eine Leitfunktion ein, als sie die erste Amazone ihres Reiches ist, die sich ihrer Liebe nicht verschließt. Ihrem Vorbild folgen zunächst ihre Schwester Antiope und letztlich sogar Tomiri, die Priesterin und ursprüngliche Wächterin der Moral. Insgesamt ist gar kein Verzicht notwendig, um Talestri zur Heldin werden zu lassen, sind es doch gerade ihre Liebesgefühle, die sie die wahren Werte erkennen sowie die ursprünglichen Amazonentugenden verwerfen lassen und sie zu einer auf das Wohl ihres Volkes achtenden Herrscherin machen. Eben weil sie für ihre Liebe einsteht, bereitet sie dem inneren Konflikt der Amazonen, die zwar Liebe verspüren können, aber diese zu unterdrücken verdammt sind, ein Ende. Talestris Handlungsweise bringt nicht nur ihrem Volk, sondern auch dem der Skythen den Frieden.

Dass in Barockopern häufig ein Bezug zwischen einem antiken Vorbild bzw. Helden und dem jeweiligen Herrscher mit dem Ziel seiner Verherrlichung hergestellt werden sollte, wurde bereits erwähnt. Im Hinblick auf diese Oper scheint eine ganz besondere Sachlage vorzuliegen, ? lässt doch die Tatsache, dass Maria Antonia nicht nur das Libretto verfasste und die Musik komponierte, sondern sogar in der Uraufführung die Hauptrolle sang, eine enge Verbindung zwischen Talestri und ihrer eigenen Person vermuten. Ist Talestri möglicherweise als Selbststilisierung Maria Antonias auf der Opernbühne aufzufassen und sind die Eigenschaften der Amazonenkönigin auf sie selbst zu übertragen? Christine Fischer geht soweit, die Oper als ?Teil und Gipfelpunkt eines breit angelegten Konzepts zur Selbststilisierung der Kurprinzessin? zu bezeichnen. Und in der Tat, die ehrgeizige, vielseitig begabte Maria Antonia hat grundsätzlich großen Wert auf die Präsentation ihrer Talente gelegt. Allein die Tatsache, dass ihre beiden Opern bei Breitkopf in Leipzig gedruckt wurden, belegt ihren großen Ehrgeiz bei der Verbreitung ihrer Werke, zumal Partiturdruck Mitte des 18. Jahrhunderts ? insbesondere für eine Frau ? etwas äußerst seltenes war. Im Kontext möglicher Selbststilisierung sind zudem Maria Antonias Verbindungen zu dem im Frankreich des 17. Jahrhunderts ausgehenden Ideal der ?femme forte? zu erwähnen: Befürworter der Regierungsfähigkeit der Frau stellten während der ?Querelle des femmes? Frauen in Literatur und Malerei als Amazonen und Kriegsgöttinnen dar, wodurch sich eine gezielte Stilisierung zur starken, herrschenden Frau ergab. Maria Antonia verband mit dieser Entwicklung nicht nur die Tatsache, dass sie sich bei ihrer Oper ?Talestri? auf den in dieser Zeit konzipierten französischen Roman ?Cassandre? von Gautier de Coste de La Calprenède stützte, sondern auch, dass sie selber aufgrund ihrer Gelehrsamkeit und ihrer vielseitigen künstlerischen Begabungen mehrfach als Minerva bezeichnet wurde, die als Schutzgöttin der Künste galt und meist ähnlich einer Amazone mit Helm und Speer dargestellt wurde. In der Figur einer Minerva scheint Maria Antonias künstlerisches und politisches Engagement vereint. Welcherart waren nun ihre politischen Ambitionen und wie könnten sie sich konkret in ihrer Oper niedergeschlagen haben? Das Kurprinzenpaar betrachtete die Politik Friedrich Augusts II. und seines Ministerpräsidenten Brühls, die zu verheerenden Missständen im sächsischen Staatswesen geführt hatte, äußerst kritisch und arbeitete an einem im Sinne der Aufklärung gestalteten Reformprogramm, das es in späterer Regentschaft durchzusetzen gedachte. Das von Kurprinz Friedrich Christian 1751 bis 1756 geführte geheime Tagebuch, auf das Maria Antonia bedeutenden Einfluss gehabt haben soll, belegt diese Wende von der spätfeudalen Monarchie zum deutlich aufgeklärten Absolutismus und beinhaltet wesentliche Grundgedanken der kursächsischen Staatsreform von 1762/1763. Das öffentliche Wohl sollte im Mittelpunkt der Politik stehen, damit etwa Zustände der Korruption endlich der Vergangenheit angehören könnten.

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