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Sonntag, 18. August 2019

[Die Oper ?Talestri, regina delle amazzoni?]

Musikzeitschriften im Portrait: Vivavoce

Die Oper ?Talestri, regina delle amazzoni?

Eine Kurprinzessin als Amazonenkönigin

von Rebekka Bindewald, aus: VivaVoce Nr. 80

Seite 2

Um die Besonderheit des von Maria Antonia konzipierten Opernlibrettos verdeutlichen zu können, sei zunächst auf die für die damalige Zeit typischen Stoffgrundlagen hingewiesen. Seit dem 17. Jahrhundert stützten sich die Librettisten hauptsächlich auf die antike Mythologie. Beliebt waren griechische und römische Stoffe mit heroischem oder tragischem Charakter: Im Mittelpunkt der Handlung befindet sich meist eine sozial hoch stehende Person (Kaiser, König, Prinzessin u.a.), der in hierarchischer Folge sozial niedriger gestellte Figuren folgen. Die Hauptfigur gerät häufig in einem Konflikt zwischen Pflicht und Neigung bzw. zwischen Vernunft und Begehren und wird insofern zu einem Helden, als sie sich durch einen Triebverzicht auszeichnet, indem es ihr etwa gelingt, intensive Leidenschaften wie Liebe oder Rache durch Großmut zu besiegen bzw. durch die Fähigkeit, entsagen oder verzeihen zu können. Beliebte Verkörperung eines solchen Helden ist eine in einem Konflikt zwischen Liebe und Pflicht stehende Amazone, die sich meist auf ihre Pflicht berufend gegen die Liebe entscheidet, eine Entscheidung für die Liebe hätte ihren Machtverlust zur Folge.

Im Allgemeinen sollte sich ein Bezug zwischen dem in der Oper dargestellten antiken Helden und dem gegenwärtigen Fürsten herstellen lassen, wodurch sich mitunter eine ästhetische Vermittlung absolutistischer Ideologien ermöglichte. Der Opernheld verkörperte etwa Herrschertugenden, die seit der griechischen und römischen Antike ihre Gültigkeit hatten, wie z.B. Großmut. Solche Tugenden passten insofern in den höfischen Kontext, als Triebverzicht und Affektbeherrschung als höfische Ideale galten. Dabei wurde das antike Vorbild nicht als unerreichbar, sondern im Gegenteil der Fürst als dessen Vollendung betrachtet.

Maria Antonia stützte sich bei ihrer Oper ?Talestri, regina delle amazzoni? traditionsgemäß auf ein heroisches Sujet aus der antiken Mythologie, den Thalestris-Mythos oder vielmehr auf Bearbeitungen desselben. Durch die Umformung verschiedenster Vorlagen jedoch kreierte sie einen neuen, für ihre Zeit äußerst ungewöhnlichen, von Sensibilität, Liebe und Milde gekennzeichneten Heldentypus. Im Mittelpunkt ihres Librettos steht die Amazonenkönigin Talestri, die sich in einem Konflikt zwischen Pflicht und Gefühl befindet: Zum einen empfindet sie Liebe zu Oronte, zum anderen ist sie sich ihrer Pflicht, die ursprünglichen Amazonentugenden Krieg, Stolz, Rache, Grausamkeit, Härte und den damit verbundenen Männerhass bewahren zu müssen, bewusst und weiß, dass sie Oronte entsagen muss. Verschärft wird dieser Konflikt durch die Tatsache, dass Oronte ein Skythe und somit nicht nur ein Mann, sondern ein besonderer Feind der Amazonen ist: Zwischen dem Amazonenreich und dem benachbarten Reich der Skythen herrscht Kriegszustand, seitdem der Skythenkönig eine Amazone entführt, mit ihr den Sohn Oronte gezeugt und sie anschließend fortgejagt hat. Zu dem für viele Barockopern typischen Triebverzicht kommt es in dieser Oper aber keineswegs. Schon im ersten Akt, etwa in Talestris erster Arie ?Vado, ma il core oh Dio!?, zeigt sich ihre gefühlsbetonte Seite und somit ein deutlicher Widerspruch zu den ursprünglichen Amazonentugenden. Zunehmend kehrt sich dieser sensible Charakter nach außen, und es wird offensichtlich, dass sich die Amazonenkönigin nicht von Oronte lösen wird: Sie möchte ihn vor dem Tod bewahren, plant seine Flucht und ist nach Erhalt der Nachricht über seinen vermeintlichen Tod von Schmerz übermannt ? eine Trauer, der Maria Antonia in der Arie ?Pallid? ombra? (3. Akt/5. Szene) auf vortreffliche Weise Ausdruck verleiht.

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