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Sonntag, 7. März 2021

[„Lost Childhood“]

Musikzeitschriften im Portrait: Vivavoce

„Lost Childhood“

Oper als Post-Shoah Kommunikation zwischen Deutschen und Juden

von Dr. Gottfried Wagner, aus: VivaVoce Nr. 78

Seite 2

Das war der Beginn eines unkonventionellen Gedankenaustausches und eines gemeinsamen steinigen Weges. Faszinierend war für uns die Möglichkeit, fern von den oft diskriminierenden Zuordnungen wie „Nachkommen von NS-Tätern und NS-Opfern“ mit Juden und Deutschen nach 1945 über die Auswirkungen der Shoah auf unsere Identitäten von allen nur denkbaren Perspektiven aus zu kommunizieren. Unter unseren vielen Themen spielten Wagner, Weill und Schönberg ebenso eine Rolle wie zu erkennen, dass die Shoah für uns der gemeinsame Ausgangspunkt wurde, uns über Welt- und Familiengeschichte auszutauschen, aber dabei nicht andere Völkermorde im 20. Jahrhundert in unseren Gesprächen über eine globale Ethik zu vernachlässigen.

Bei der internationalen Konferenz „ Der Holocaust – Fortschritt und Prognose“ im März 1994 an der Rider Universität in New Jersey traf ich Janice zum ersten Mal persönlich. Mit dem Thema „Von Monologen zu Dialogen“ und der Entwicklung von Kommunikationsmöglichkeiten von Juden und Deutschen, die nach 1945 geboren wurden, wurde Janice mit meinen humanitären Positionen konfrontiert, die ich mit Abraham Peck in der Post-Holocaust Dialog-Gruppe seit 1991 begann öffentlich auszudiskutieren. Dabei sprach ich u.a. über die Verstrickungen der Familie Wagner mit Hitler. Zur Veranstaltung kam auch der in New York lebende Psychiater Yehuda Nir, den Janice und ich nicht kannten. Er schenkte uns seine Autobiographie „The Lost Childhood“. In seinen Erinnerungen beschreibt er die sechs Jahre seines Überlebens als ein polnischer jüdischer Junge mit seiner Mutter und seiner Schwester im Zweiten Weltkrieg und der Shoah sowie das Trauma der Ermordung seines Vaters und Freundes Ludwig. Besonders schmerzte mich der Satz: „Wir lebten in Zeiten, in denen man dankbar sein mußte, wenn ein anderer Mensch von seiner freien Wahl zu morden, nicht Gebrauch machte.“

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, dachte ich immer wieder über das Motto der Memoiren nach. Es stammt aus Samuel Becketts Stück „Malone stirbt”:

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