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Sonntag, 26. Mai 2019

[Herzriss - zweifach nachgefragt -]

Musikzeitschriften im Portrait: Vivavoce

Herzriss - zweifach nachgefragt -

Eine imaginäre Reise in eine Welt, die ich noch nicht kenne

von Rebecca Berg, aus: VivaVoce Nr. 80

Seite 3

Sie versuchen also, dies auch explizit mit Ihren Werken herauszufordern?!

Ich glaube schon. Sobald ich mich mit etwas beschäftige, das mich tatsächlich authentisch beschäftigt, brauche ich mich überhaupt nicht darum zu kümmern, ob da etwas transportiert wird, weil dies mit Sicherheit geschieht. Ich schicke also eine Botschaft und es wird aber anders wahrgenommen. Trotzdem muss ich loslassen, darf nie mit zusammengebissenen Zähnen wünschen, dass das, was ich schicke, auch empfangen wird. Manchmal kann ich auch phantastische Überraschungen erleben und was wir empfangen wird viel interessanter, als das, was ich geschickt habe.

Gab es schon einmal so eine Situation, in der Sie bemerkten, dass etwas vollkommen anders empfangen wurde, als Sie es sich vorher ausgemalt haben?

Sehr oft. Und seitdem ich das bemerkt habe, bin ich auch viel toleranter geworden als ich von mir gedacht hätte. Ich habe bemerkt, dass Menschen, die überhaupt keine musikalische Ausbildung haben oder auch wenig musikalische Informationen, oft empfindlicher sind, vieles interessanter finden und manchmal ganz unglaublich echtere Verbindungen entwickeln als diejenigen, die schon vorbelastet sind. Nehmen wir Gepäckstücke, die man in sich trägt. Wenn man sehr viel Gepäckstücke hat, sieht man das neue Gepäckstück überhaupt nicht. Doch wenn man frei ist und freie Hände hat, dann krallt man sich mit der ganzen Intensität an dieses Gepäckstück, das man jetzt frisch in die Hand bekommt. Da hat man auch die Möglichkeit, es frisch zu betrachten.

Heute Abend hören wir Ihr Werk ?Herzriss?, interpretiert von Christina Ascher, mit der Sie schon seit mehreren Jahren musikalisch arbeiten. Wie gestaltete sich speziell für dieses Stück Ihre Zusammenarbeit? Handelte es sich um eines Auftragskomposition, die Sie Frau Ascher sozusagen auf den Leib schrieben oder haben Sie es eher gemeinsam entwickelt?

Das ist eine sehr schöne Frage. Sie beinhaltet schon vieles, was da eigentlich passiert ist. Vor vielen Jahren wurde ich gebeten, ein Werk zu komponieren und eine Sängerin vorzuschlagen, mit der ich es mir vorstellen könnte. Da habe ich sofort an Christina Ascher gedacht, weil sie nicht nur eine sehr gute Freundin ist, sondern weil ich seit über 20 Jahren für sie schreibe. Dann haben wir uns getroffen, um nichts anderes zu tun, als Fragmente zusammenzubringen und schließlich haben wir an eine bestimmte Dramaturgie gedacht, wie alles aussehen soll. Und plötzlich fiel mir ein, dass ich eigentlich das, was wir schon mal hatten ? jetzt natürlich neu verarbeitet ? neu bringen könnten. Die Hauptidee ist folgende: Es gibt die ?Circe?, das ist die berühmte Figur der Odyssee. Diese Circe befindet sich auf der Insel, wo sie Männer in Schweine verwandelt. Als Ulysses vorbei kommt, schafft sie es nicht, ihn zu verwandeln. Nun es geht um diese Circe, die eigentlich ständig Fragen stellt. Die Fragen, die sie an Männer stellt, welche sie anschließend in Schweine verwandelt, sind immer die Grundfragen der Philosophie und sehr existenzielle Fragen. ?Wer bist Du? Woher kommst Du? Und wohin führt dein Weg?? Ich hatte die Idee, diese Circe zu bringen, die keinen Männern begegnet, die sie verwandeln will, sondern unterschiedlichen Frauenfiguren. Das heißt, eigentlich begegnet sich Circe die ganze Zeit selbst. Und mit diesen Begegnungen ? 5 Stationen, 5 Treffmomente ? versuchen wir, die Psyche der Frau an ein Licht zu bringen. So wie ein imaginärer Kristall, den man betrachtet von unterschiedlichen Lichtrichtungen. Auf diese Weise begegnen wir einer herrschsüchtigen, einer machtvollen, einer Ur-Ur-Ur-Mutter mit natürlichen Kräften, die Naturphänomen-Mutter, die die Abuela ist, eine Figur, die wir in der Historie der ?Eréndira? von Gabriel Garcia Marquez gefunden haben. Circe trifft auf die junge Eréndira, die noch nicht so richtig ihre eigene psychische Kontur gefunden hat, die sich im Schatten einer grausigen ?Abuela? befindet, die noch nicht weiß, aber wissen wird, was sie will. Dann begegnen wir aber auch der verrückten Tante ?Adelaide?, die schon längst gestorben ist ? eine ganz schräge Figur, die auch in uns allen existiert und nicht zuletzt eine ewig liebende ?Maria?, die ewig auf den geliebten Mann wartet. Also, die ganze Zeit haben wir zu tun mit der Seele einer Frau. Und in uns allen gibt es diese Frauen ? sowohl die ?Circe? als auch alle diese unterschiedlichen Figuren, der sie begegnet.

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