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Mittwoch, 20. Februar 2019

[Herzriss - zweifach nachgefragt -]

Musikzeitschriften im Portrait: Vivavoce

Herzriss - zweifach nachgefragt -

Eine imaginäre Reise in eine Welt, die ich noch nicht kenne

von Rebecca Berg, aus: VivaVoce Nr. 80

Seite 2

Wenn man entziffern möchte, wie Werke gemacht werden, ist es auch interessant, diese Kulissen-Aspekte zu sehen. Entweder eine Analyse zu machen oder Geschichten um Entstehungsprozesse zu erfahren ? das ist alles interessant. Genau genommen aber ist es überhaupt nicht nötig. In Sachen Musik oder überhaupt in einem Kunstwerk hat die Wahrnehmung wenig oder soll wenig mit solchen analytischen Aspekten zu tun haben. Wie oft habe ich Menschen gehört, die mir gesagt haben: ?Ach, ich habe überhaupt keine Ahnung. Ich verstehe gar nichts.? Und ich sage immer: ?Sie brauchen nichts zu verstehen?. Die seelische Reaktion, das ist das Wichtigste. Ein Werk muss authentisch sein. Nicht umsonst gibt es diese Entstehungslegende, diese Metapher des Blutes: Es muss Blut vergossen werden, sodass eine Geburt entstehen kann ? dieser Opfer-Aspekt, diese totale Verbrennungsnotwendigkeit, damit überhaupt etwas entstehen kann. Und diejenigen, die so einen Prozess beobachten, registrieren die Authentizität. Ich bin mir sicher, wenn man die Art, wie etwas entstanden ist, mit der Art, wie es wahrgenommen wird, 1:1 vergleichen möchte, hat es überhaupt nichts damit zu tun. Aber ich als Beobachter kann sehr stark reagieren und in mir kann ein Vulkan entstehen. Das hat wahrscheinlich nichts zu tun mit dem Entstehungsprozess. Aber die Authentizität, die Vibration, ist so stark, dass es sogar als eine Art Heilungsprozess funktionieren könnte. Also, das heißt auf der Suche nach etwas, was ich sonst nicht finden könnte.

Ist Musik demnach auch wichtig für die Persönlichkeits- oder gar Gesellschaftsentwicklung?

Ja..., das heißt ich spreche jetzt aus der Sicht des Beobachters: Wenn ich etwas wahrnehme, sei es ein Werk, das man in einem Opernhaus präsentiert oder etwas, das man auf der Straße hört oder in einem total anderen Raum. Wenn ich damit konfrontiert werde, könnte die erste Reaktion, sobald ich nicht das höre, was ich ja schon kenne, natürlich eine Schreckreaktion sein. Doch wenn ich dabei bleibe und es entziffern will ? ich muss das nicht unbedingt mögen ?, ist es wie eine imaginäre Reise in eine Welt, die ich noch nicht kenne. Wir wissen alle, wenn wir mal weg von Zuhause sind und auf eine weite Reise gehen, da können wir auch viel Schlimmes erleben. Dann sind wir überglücklich, wieder nach Hause zu kommen. Aber was wir erlebt haben, wollen wir auch nicht missen. Wir haben etwas in uns entdeckt, das wir nie entdeckt hätten, wenn wir zuhause geblieben wären. So ist das auch mit Werken, mit denen wir konfrontiert werden und die in uns provozieren. Das sind Phänomene, die dazu führen, dass wir uns selbst besser verstehen, eine Art Selbsterkenntnisprozess.

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