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Donnerstag, 21. Februar 2019

[In Memoriam Fanny Hensel (1805-1847)]

Musikzeitschriften im Portrait: Vivavoce

In Memoriam Fanny Hensel (1805-1847)

von Prof. Dr. Peter Schleuning, aus: VivaVoce Nr. 79 - Jubilarinnen

Seite 3

Wie auch ihre Einschränkungen zu bedauern sind, so ist es umso mehr Fanny Hensels unvermuteter Tod 1847. Nicht allein der frühe Zeitpunkt kann Anlass hierfür sein, sondern auch, dass sie dadurch aus den Anfängen professioneller Tätigkeit herausgerissen wurde. Seit einem Jahr nämlich hatte sie begonnen, ihre Werke herauszugeben ? gegen den Willen ihres Bruders und schließlich mit dessen widerwilliger Zustimmung. Es war ein Schritt in die Emanzipation, eine gegenüber dem Bruder, und zugleich ein Schritt in die musikalische Berufstätigkeit.

Wäre Fanny Hensel 80 Jahre alt geworden, also erst 1885 gestorben, welchen Gattungen größerer Art hätte sie sich noch nähern können, vielleicht unterstützt von Clara Schumann, mit der sie kurzfristig befreundet war, oder auch von Johannes Brahms, den sie zweifellos kennen gelernt hätte? Ganz zu schweigen davon, wie diese Bekanntschaften ihre Haltung zum Streit zwischen Traditionalisten und ?Neudeutschen? bestärkt hätten. Von ?Berlioz seinem Unsinn? hatte sie sich schon früher distanziert. Und bei ihrer Liebe zur älteren Oper ? Cherubinis ?Lodoiska? schätzte sie besonders ? hätte sie Wagners Bühnendramen verabscheut.

Das zweite, das wahre musikalische Leben Fanny Hensels hatte gerade erst begonnen. Die Nachrufe sprechen nicht davon. Sie preisen neben der hohen Begabung ? kein Wunder bei dem Bruder! ? ihre ?weibliche? Zurückhaltung und Bescheidenheit, ihre Konzentration auf ihre ?wahre? Bestimmung als Frau, die sie davor bewahrt hätten, sich in die große Welt der Auftritte, der Bühnenkonkurrenz und der Verlagsgeschäfte zu drängen.

Hätte Fanny Hensel schon früher beginnen können, sich von ihren Fesseln zu befreien, zumindest sie zu lockern, entweder indem sie ausbrach oder indem sie, von einer günstigen Umgebung gefördert, ins Berufsleben hinausging wie andere komponierende und auftretende Pianistinnen der Zeit, etwa Leopoldine Blahetka oder Louise Farrenc? (Clara Schumann hierbei zu nennen, fällt etwas schwer.) Dies erscheint angesichts der straffen, durchaus zeitüblichen Familienbande kaum denkbar. Ihre intensive und zeitweilig bis zur Unterwürfigkeit reichende Abhängigkeit von ihrem Bruder taten ein Übriges, all dies bei ihrer bemerkenswerten Entschiedenheit und ihrem mutigen, zupackenden Verhalten in anderen Lebensbereichen. Eine psychologische Analyse der schmerzlichen Zerrissenheit Fanny Hensels zwischen diesen beiden Polen ihres Daseins, dem gelebten und dem ersehnten, wäre eine Anstrengung wert, auch als Beispiel, Mahnung und Antrieb für heute Lebende ? nicht nur für Frauen.

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