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Donnerstag, 13. Dezember 2018

[Herbert von Karajan]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Herbert von Karajan

Symposion, Salzburg

von Lars E. Laubhold, aus: Österreichische Musikzeitpecial 05/2008
In Salzburg fand ein von der Paris-Lodron-Universität gemeinsam mit den Salzburger Festspielen und den Osterfestspielen veranstaltetes internationales Symposion zum Wirken Herbert von Karajans statt. Der Gastgeber Jürg Stenzl, der in einem ausführlichen Eröffnungsreferat den Dirigenten zwischen den interpretationshistorischen Koordinaten von ?espressivo, neusachlicher und historischer Interpretation? einzuordnen suchte, hatte mit dem Untertitel der Veranstaltung, Der Dirigent im Lichte einer Geschichte der musikalischen Interpretation, eine Fragestellung vorgegeben, die nicht den Medienstar Herbert von Karajan, nicht den Piloten und Porschefahrer in den Mittelpunkt rückte, sondern den Interpreten und dessen Musizieren. Gleichwohl geriet Karajan der ?Universalspezialist? (Hans-Klaus Jungheinrich) ins Blickfeld, der über eigentlich musikalische Fragen hinaus auf Nachbardisziplinen wie Inszenierung, Ausstattung, Beleuchtung etc. wirkte und seine ästhetischen Prinzipien auf visuelle Medien zu übertragen bestrebt war. Dieser Zugriff aufs künstlerische Ganze, gepaart mit dem ihm eigenen Perfektionismus ? Martin Elste etwa verwies auf 80 Chorproben für die Matthäuspassion beim Wiener Bachfest 1950 ? mag das Bild Karajans als Autokrat und ?Diktator? geprägt haben, ein Bild, das für die eigentlich musikalische Arbeit unzutreffend sei, wie mehrere Referenten einwandten. Vielmehr habe ihm seine virtuose Dirigiertechnik, seine unübertroffene Fähigkeit zu ?vorsorgender Flexibilität? (Peter Gülke) jenen Freiraum verschafft, um Spontaneitäten seiner Musiker zu integrieren, ohne die von keinem Dirigenten vor ihm so kompromisslos kultivierte Akkuratesse im Zusammenspiel zu gefährden. Mit der allseits konzedierten ?Schönheit? und technischen Perfektion der musikalischen Ausführung kamen zugleich auch die wesentlichen Kritikpunkte zur Sprache ? dort nämlich, wo sich purer Schönklang als dem musikalischen Ausdruck, den Intentionen der Komponisten entgegenstehend nachweisen lässt. So wurde vielfach Karajans Fähigkeit zum Glätten und Schlichten als Strategie im Umgang mit musikalischen Schroffheiten hervorgehoben. Ob durch Verzicht auf die Klangambosse zur Milderung der ?IG-Metall-Musik? (Jens Malte Fischer) in Wagners Ring, ob durch klangliche Besänftigung dissonanter Stimmen, wie Barbara Zuber anhand des Rosenkavaliers demonstrierte, oder durch Einebnung rhythmischer Kontraste und Temporelationen, wie von Volker Scherliess am Sacre du printemps gezeigt ? Karajans Virtuosität stand häufig und in mitunter eklatanter Missachtung von Aufführungsanweisungen im Dienste glättender Intervention. Sein Umgang mit der Musik der Wiener Schule offenbarte die Grenzen des Verfahrens und machte eine weitere von Reinhard Kapp analytisch herausgearbeitete Strategie erkennbar: Werke, die sich einem Schönklangideal sperren, wurden von Karajan nicht dirigiert. ?Was ich morgens bei Webern probe, spüre ich abends in der Brahmsaufführung.? soll er einst seine Programmpolitik rechtfertigend geäußert haben. So sind gerade die Lücken in Karajans Discographie besonders aufschlussreich. Neben Zeitgenössischem fehlen z.B. Werke wie Feuervogel oder Petruschka und von Janácˇek spielte er keine einzige Note ein. Bei der Oper beschränkte er sich fast ausschließlich auf deutsches und italienisches Repertoire und auch im symphonischen und konzertanten Bereich traf er stets eine ? wenngleich exzellente ? Auswahl. Was er an Barock-Musik machte ? man denke an Die vier Jahreszeiten mit Anne-Sophie Mutter ? holte er aus der Nische der Alten Musik und inkorporierte es einem konsumistisch orientierten Best-of-Klassik, dessen Markttauglichkeit ihn ?amerikanischer als Bernstein? (Hans-Klaus Jungheinrich) erscheinen ließ. Über Karajans Beziehung zur Musikindustrie erfuhr man aus erster Hand vom Schallplattenproduzenten Hans Hirsch, der bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft für die Betreuung u. a. Karajans zuständig war.

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