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Sonntag, 15. September 2019

[Woran Mozart wirklich starb]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Woran Mozart wirklich starb

Neue Spekulationen zu einem alten Thema

von Frieder Reininghaus, aus: Österreichische Musikzeitpecial 12/2005

Seite 3

Im Vorfeld des 250. Geburtstags ? und dies mag als ironische Volte der Rezeptionsgeschichte genommen werden ? rührt sich noch einmal besonderes Interesse für die scena ultima im relativ kurzen Leben Mozarts und für das, was da Anfang Dezember 1791 in der Rauhensteingasse No. 970 vorgefallen (oder unterblieben) ist. Ein in Köln lebender Mathematiker unterzog sich der Mühe, hierzu möglichst alle zugänglichen Quellen, Fakten, Widersprüche und deren (wechselhafte) Darstellungen durch die in zwei Jahrhunderten gewaltig angeschwollene Mozart-Literatur zu sammeln, zu sichten und zu würdigen. Ludwig Köppens 2004 im Eigenverlag herausgegebene Abhandlung Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst folgt dabei einer Hypothese, von der wohl bereits Ärzte wie Rudolf Virchow und Ferdinand Sauerbruch ausgingen und die Wolfgang Hildesheimers richtungsweisende Biographie 1977 nachdrücklich in Erinnerung rief: Dass Mozarts Tod den Folgen einer Überdosis von quecksilberhaltigen Präparaten geschuldet sein könnte ? und dass die Verabfolgung von Quecksilber keineswegs aus mörderischer Absicht erfolgte, ?sondern der Behandlung einer Lues gegolten hätte?.

Köppen weist schlüssig nach, dass sich Mozarts Ende nicht so zugetragen haben kann, wie dies von der Witwe und den ersten Biographen behauptet wurde (nicht einmal die Angaben über das Wetter in jenen Tagen treffen zu). Er diskutiert wieder die von Anfang an und fortdauernd bestehende ?Uneinigkeit der Ärzte? hinsichtlich der Diagnosen, die Verweigerung der Sterbesakramente durch die zuständigen Geistlichen, das mehr als merkwürdige Eingreifen Gottfried van Swietens (und dessen Amtsenthebung als Präses der Studien-Hofkommission am Mittag nach Mozarts Tod durch den Kaiser), die Regularien der staatlichen Begräbnisordnung im Jahr 1791, das aus heutiger Sicht mehr als befremdliche Verhalten der Angehörigen und Freunde (einschließlich dessen der Logenbrüder): Die Enttäuschung über das Verglühen des Kometen muss sehr groß gewesen sein ? und für die offensichtliche Verschleierung der Krankheitssymptome und der Todesumstände erscheint die Syphilis mitsamt ihrer damaligen gesellschaftlichen Konnotation die plausibelste Erklärung. Auch Helmut Denk, einer der renommiertesten Pathologen in Österreich, bezeichnet die von Köppen ?angeführten Indizien (und nur um solche handelt es sich) für die Grundkrankheit (Lues) und die Therapiefolgen als Todesursachen? als ?nachvollziehbar?; doch ?Beweis fehlen und werden auch nie zu erbringen sein?. Es spricht vieles dafür, dass sich Mozart vor seiner letzten Reise nach Prag (auf der er sich nach Bekunden von Bekannten fortgesetzt selbst ?medizinierte?) mit der Geschlechtskrankheit infiziert hatte; dass er sich von van Swieten (der selbst kein Arzt war, jedoch als Sohn des höchst angesehenen Mediziners Ger(h)ard van Swieten ? Leibarzt Maria Theresias ? auf dessen Bestände Zugriff hatte) ?unter der Hand? quecksilberhaltiges ?Liquor Swietenii? besorgte. Die Anwendung dieses von Gerard van Swieten entwickelten Sublimats war mit hohem Risiko verbunden: wirksame und tödliche Dosis lagen eng beieinander. Der Komponist wagte ?eine hoch gefährliche Eigentherapie? ? und vergiftete sich. Unter dieser Prämisse hätte dann sogar Mozarts Ausspruch ?Gewiß, man hat mir Gift gegeben!? seine Richtigkeit ? nur wurde er eben dann von den Hinterbliebenen (vorsätzlich) falsch adressiert. Möglicherweise gab es ein Interesse bis hinauf in die ?höchsten Kreise?, die ?skandalösen? Umstände von Mozarts Ableben und die Verwicklung eines der ranghöchsten Beamten in sie zu verschleiern. So würde fast alles so ungereimt Erscheinende im Zusammenhang mit Mozarts Tod am Ende durchweg schlüssig erklärt. Köppen vermittelt plausibel, dass die Vertuschung der Krankheit und ihrer Behandlung höchste Priorität hatte: für van Swieten, dessen Ruf durch die unbefugte Weitergabe der Quecksilbersubstanz ruiniert wäre, und gleichermaßen für Constanze, die als Witwe eines berühmten Komponisten kompromittiert wäre, sollten die Ursachen der Todeskrankheit herauskommen. Dazu fügen sich vor allem folgende Maßnahmen: gegen eine (die Krankheit zwangsläufig decouvrierende) Einweisung ins Krankenhaus ? obwohl Mozarts Arzt Franz Thomas Closset dort leitend tätig ist ? (?Die beiden erfahrenen Ärzte lassen den Moribunden in Ruhe zu Hause sterben, was den Vorteil einer Ehrenrettung für sich hat?) und für ein Begräbnis 3. Klasse ? und nicht etwa ein gänzlich kostenfreies Armenbegräbnis. Dieses Procedere garantierte am besten Anonymität und dadurch war auch ?eine Exhumierung zunächst erschwert, später unmöglich?. Die ?Liquor Swietenii?-These widerspricht nun dem ?Aqua tofana?-Fund nicht ? im Gegenteil: Zieht man beides in Betracht, ergäbe sich nachvollziehbar, dass Mozart im Zuge seines ?unaufhörlichen Medizinierens? angesichts seiner verzweifelten Situation zu verschiedenen gefährlichen Mitteln Zuflucht nahm.

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