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Montag, 4. Juli 2022

Kurt Witterstätter

Gedenksendungen bringen den Menschen Herbert von Karajan näher

Karajamania aus allen Rohren

Kurt Witterstätter am 09.04.2008 um 18:12 Uhr


Karajamania aus allen Rohren
 
Gedenksendungen bringen den Menschen Herbert von Karajan näher
 
Von Kurt Witterstätter
 
Mag sein, dass der 150. Geburtstag Herbert von Karajans im Jahre 2058 nicht mehr das Echo von Würdigungen und Erinnerungen an den großen Dirigenten in Artikeln und Sendungen zeitigt, wie jetzt sein 100. Geburtstag am 5. April 2008. Das war Karajamania aus allen Rohren. Andererseits: Andere inzwischen ebenfalls verstorbene große Orchesterleiter wie Solti, Kubelik, Celibidache, Szell, Kempe, Keilberth, Klemperer oder wer immer erfahren oder erfuhren zu ihrem Hundertsten bei weitem nicht ein solches Echo wie jetzt Karajan. Aber auch Karajans klang-üppige, romantisch-füllige Interpretationen voller differenzierten Raffinements weichen bereits jetzt anderen Hörvorstellungen und werden dann für den Zeitgeschmack des späteren 20. Jahrhunderts stehen.  
 
Brachten die vielen Würdigungen jenseits der Feststellung, dass Karajan der Medienprimus unter den großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts war, Neues? Viel nicht, denn seine Karriere zog bereits zu seinen Lebzeiten höchste Aufmerksamkeit auf sich. Der Werdegang von Salzburg über Ulm und Aachen nach Berlin und in die ganze Welt, die drei Ehen, Karajans Vorlieben für (schnellen) Sport und Technik, das alles war bekannt.
 
Jetzt, fast 20 Jahre nach seinem Tod, schälten sich einige Eigenschaften noch etwas schärfer als früher heraus: Seine ungeheuere Selbstdisziplin, die Helmut Schmidt schon als „grausam“ bezeichnete. Der frühmorgendliche Aufsteher liebte einsame Natur-Wanderungen. Und von seinem Chauffeur erfuhren wir, dass Karajan keine fünf Minuten auf seine Frau wartete, sondern sich ohne sie abfahren ließ und ihr ein anderes Fahrzeug zuwies. Dafür soll Karajan in anderer Hinsicht bescheiden gewesen sein: Liebte Hausmannskost, machte sich aus raffinierten Weinen weniger als aus einem guten Landwein und zog ernste Diskussionen im kleinen Kreis hohlem Partygeschwätz vor.
 
Seine Disziplin gestattete Karajan nicht nur im Partiturgedächtnis eine unfehlbare Perfektion, an der er Genugtuung fand. Ob Steuerung schneller Autos, der Segeljacht im Gewitter in der Bucht vor Saint-Tropez oder seiner Turbo-Strahlflugzeuge, er hatte offenbar eine immense Freude an perfekten technischen Abläufen. Das ermöglichte es Karajan, immer als erster vorn zu sein. Für die Fernseh-Musikaufnahmen eignete er sich derartige Fertigkeiten in der audio-visuellen Reproduktionstechnik an, dass er nach Musikvideo-Produktionen mit Partnern (Unitel, Cosmotel) von 1982 an in seiner „Telemondial“ sein eigener und alleiniger Herr war.
 
Diese Unabhängigkeit von anderen erlaubte Karajan auch seine Eigenwilligkeiten. Mit Regisseuren für seine Opernaufführungen geriet er in Meinungsverschiedenheiten. Er könne nicht dirigieren, so war er zu hören, wenn er mit dem, was sich auf der Bühne abspielt, nicht einverstanden ist. Karajan wollte auch auf der Bühne, wie später bei der Kameraführung, Herr im Hause sein. Also führte er Regie. Bezeichnenderweise wurde aus Anlass seines 100. Geburtstags jetzt jener zweite Salzburger „Rosenkavalier“ von 1984 gesendet, den Karajan szenisch nach jener legendären Produktion nachinszenierte, mit der er in Regie Rudolf Hartmanns 1960 das Große Festpielhaus eingeweiht hatte (mit Elisabeth Schwarzkopf, Sena Jurinac, Anneliese Rothenberger und Otto Edelmann). Die jetzt gesendete spätere Aufnahme mit der sinnlicheren Anna Tomowa-Sintow gegenüber der abgeklärteren, majestätischeren Elisabeth Schwarzkopf als Marschallin zeigte auch Wandlungen bei Karajan selbst an: Agierte er 1960 mit feurigen Tempi impulsiv, überzeugte sein Dirigat von 1984 (mit außerdem noch Agnes Baltsa, Janet Perry und Kurt Moll) durch reiche, prachtvolle und in der Ruhe füllige Klanglichkeit.    
 
Duldete Karajan andere große Maestri? Den gesendeten Interviews zufolge schätzte er gegenüber vielen anders lautenden Behauptungen Furtwängler, aber auch Toscanini, de Sabata und Mitropoulos. Seji Ozawa, der zur Zeit eines der gesendeten Interviews noch als unbekannter Assistent bei ihm arbeitete, prophezeite er eine große Zukunft. Wie er es als Dank für sein Musikerglück bezeichnete, dass er sich intensiv um den Nachwuchs kümmerte. Er wolle den jungen Dirigenten manche Zeit zum Sammeln von Erfahrungen ersparen, teilte er mit, die er in seinen sieben Ulmer Jahren selbst hatte aufwenden müssen.
 
Und bei der Nachwuchsfindung kam auch eine recht anrührende Stelle in die Gedenksendungen: Als Tochter Arabel von Karajan berichtete, sie habe ihren Vater nur einmal weinend gesehen - vor Rührung, als ihm der junge Jewgenij Kissin vorspielte. Man darf spekulieren: Projektion eines erträumten Sohnes? Jedenfalls berichtete Butler Francesco davon, dass Karajan wohl gerne einen Sohn gehabt hätte.
 
Der andere unerfüllte Wunsch des in seinen späten Jahren von Bandscheibenschäden geplagten Karajan war die beschwerdefreie Gesundheit. Christa Ludwig berichtete uns, wie ihr Karajan gesagt habe, wenn er gestorben sei, könne man sagen: Er starb nach langem Leiden. Mehrfach war seine Anspielung an Goethe zu hören, dass ihn die Natur bei seiner Ideenfülle mit einem zweiten Körper auszustatten habe. Er ahnte offenbar sein Ende, wie seine langjährige Sekretärin Lore Salzburger vom frühen Anruf an jenem 16. Juli 1989, Karajans Todestag, erzählte, an dem Sony-Präsident Norio Ohga sein letzter Gesprächspartner war. Die Medienunternehmer verhelfen Herbert von Karajan einstweilen zum „ständigen Wiederkommen“, wie er es uns prophezeite. Wie lange das sein wird, weiß weder er, noch wissen wir es.         

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