> > > Blog
Montag, 4. Juli 2022

Kurt Witterstätter

Das Baden-Badener Festspielhaus besteht zehn Jahre

Nach Auftakt-Schmiss glanzvoll erstrahlt

Kurt Witterstätter am 20.03.2008 um 12:05 Uhr


Die Landkarte ist voller geworden: An Musentempeln, die die Großen der E-Musikszene ankehren, ist zum Gasteig München, zur Stuttgarter Liederhalle, zur Alten Oper Frankfurt, zu den Philharmonien von Köln und Berlin und zur Hamburger Laeiszhalle im April 1998 das Festspielhaus Baden-Baden gekommen. Vor zehn Jahren stand es noch auf der Kippe, ob das so werden würde. Nicht, weil am 18. April 1998 der kurz zuvor verstorbene Sir Georg Solti nicht den Auftakt in dem für 120 Millionen Mark hinter Baden-Badens historisierendem Altem Bahnhof in den Michaelsberg gebauten 2.500-Zuschauer-Haus schlagen konnte. Mit Valerij Gergiew war ja einer der späteren Retter zur Stelle.
 
Vielmehr war das Finanzierungskonzept für das von Wolfgang Gönnenwein als Dependance seiner Ludwigsburger Festspiele geführten badische Haus verfehlt. Auf Gastspiele der Londoner Covent Garden Opera zu 600 Mark je Platz war das mittelbadische Publikum nicht vorbereitet. „Stell’ Dir vor, es singt Weltklasse, und keiner geht hin!“, witzelte ein Musikkritiker.
 
Überschuldeter Luxustempel
 
Der damals 46jährige Andreas Mölich-Zebhauser übernahm während des ersten Gasstspiels von John Neumeiers Hamburger Ballett (dem noch neun weitere mit den Uraufführungen von „Tod in Venedig“ und „Parzival“ folgen sollten) das Risiko, die praktisch an die Wand gefahrene Luxuskarosse aus dem Dreck zu ziehen. Valerij Gergiew lud die Badener bei seinem ersten Mariinsky-Gastspiel im Sommer 1998 bzu kostenlosen Opernbesuchen ein. Erste Sponsoren traten auf den Plan. Der ruhig-hoffnungsfrohe Mölich-Zebhauser umwarb sie wie das zögerlich anfahrende Publikum mit sanfter, aber beharrlicher Geduld. 12 Millionen Mark Schulden waren aufgelaufen.Künstler-Ikonen wie die von Anfang an unverzagt präsente Anne Sophie Mutter, wie Edita Gruberowa und Cecilia Bartoli gastierten unverdrossen. Die Berliner und die Wiener Philharmoniker spielten. Die Orchesterelite der alten und der neuen Welt kehrte über Baden Airport an. Baden-Baden „strahlte wie Salzburg und Luzern“: So, wie es Mölich-Zebhauser bei einem Interview mit uns im Dezember 1998 vorschwebte.
 
Stiftung, Freundeskreis und Kuratorium
 
Der agile Intendant stabilisierte das mit der Zeit ohne öffentliche Mittel für das Programm auskommende Haus (das die Kurstadt und das Land Baden-Württemberg bereit stellen) mit einer Stiftung, die inzwischen gegen zwanzig Millionen Euro eingeworben hat, mit Sponsoring, einem Freundeskreis mit 1.300 Mitgliedern (dem Lothar Späth und Wolfgang Schäuble vorstanden und vorstehen) und mit einem Kuratorium mit Persönlichkeiten wie Pierre Boulez, Placido Domingo und Wolfgang Rihm. Gezielt wurden auch die interessierten Anrainer im Elsass und der Schweiz einbezogen, damit Spitzenpreise von doch wieder 230 Euro je Platz (die bei internationalen Festivals so unüblich auch wieder nicht sind) gezahlt wurden. Bald war der Auftakt-Schmiss zur Episode geworden.
 
Glamouröse Programme
 
Sicher geht ein Großteil des glamourös-luxuriösen Programms, das Mölich-Zebhauser 2005 vom Jahres- auf einen Theatersaison-Kalender mit vier Festspielzeiten (Herbst, Winter, Pfingsten, Sommer) umgestellt hat, auf einen eher changierenden Publikumsgeschmack ein. Dennoch gelang es, mit den Nikolaus-Lehnhoff-Wagner-Inszenierungen, mit der vor allem von Michael Gielen, Kent Nagano und Christian Thielemann betreuten Groß-Sinfonik von Bruckner und Mahler und mit mehrtägigen, neoklassischen Ballettgastspielen dramaturgische Akzente zu setzen, die das große bauliche Format des Hauses ausspielen. Auch der nach Herbert von Karajan, dem Namenspatron der Pfingstfestspiele, benannte Musikpreis ließ aufhorchen. Wurden Karajan-Preisträger doch Anne Sophie Mutter, Valerij Gergiew, Rattle und die Berliner Philharmoniker, Jewgenij Kissin und John Neumeier. Ob die Konzentration auf große Namen und auf die mitteleuropäische Hochromantik (die Mozart-Koproduktionen mit Aix-en-Provence sind einstweilen versandet, dafür soll es 2011 bis 2013 einen weiteren „Ring“ geben) auf Dauer trägt, müssen die nächsten zehn Baden-Badener Festspielhausjahre zeigen. 

Klassik-News | 0 Kommentare | Trackbacks | Permalink



Kommentar zu diesem Beitrag schreiben:

Sie müssen sich einloggen, bevor Sie einen Kommentar schreiben können.

E-Mail:
Kennwort:

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links