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Sonntag, 25. September 2022

Aron Sayed

Zweiter Teil des Dialogs für Pianist und Manager

KV 482

Aron Sayed am 28.08.2007 um 10:52 Uhr


                                                 KV 482 

Zweiter Teil: In der Pause

 

Seidenbach kommt verschwitzt aus der Tür zum Konzertsaal, glücklich lächelnd. Goldmaul erhebt sich von seinem Stuhl.

 

Goldmaul: Das scheint ja gut gelaufen zu sein, bei dem Applaus.

 

Seidenbach: Auf die Zugabe können sie trotzdem lange warten! Nachdem im zweiten Satz die Blase sich auf das ganze Publikum ausgeweitet hatte, war die Sache im Kasten.

 

Goldmaul: (sich keine Lässt Verwunderung anmerken) Von dieser Blase hast du mir gelegentlich erzählt, und zwar immer dann, wenn du in besonders tiefen Arbeitsphasen gesteckt hast.

 

Seidenbach: (von sich selbst ergriffen) Sie ist nichts greifbares, sie ist eine Allegorie hinter der Allegorie, falls du weißt, was ich meine. Es ist mir irgendwann vor meiner Konzertprüfung mitten in der Nacht eingefallen, und als ich vorhin gemerkt habe, dass ich und das Publikum diesem Mozart zuhörten und nicht, wie ich befürchtet hatte, mir, da fiel mir dieses seltsame, aber erweiternde Blasenerlebnis wieder ein.

 

Goldmaul: Das verstehe ich nicht (korrigiert sich), ich meine, das ganze Drumherum schon, Konzertprüfung und dir zuhören, aber mit der „Allegorie hinter der Allegorie“ habe ich Probleme. Warum sprichst du nicht vor den Reportern oder der Öffentlichkeit so gebildet?

 

Seidenbach: Mal ganz abgesehen davon, dass Reporter und Öffentlichkeit dasselbe sind, mein Lieber, ist die Blase eine Allegorie auf meine mentale Verbindung mit dem Publikum. Jedes mal wenn jemand zuhört, transportiere ich mich in die Zuhörer hinein, durch die Musik. Ich spiele mich und sie, dafür kommen sie zu mir. Und da ich mir gerne Namen für diese öfter vorkommenden „sensuellen“ Ereignisse und aus diesen wiederum resultierenden psychischen Erlebnissen gebe, habe ich in der besagten Nacht vor der besagten Konzertprüfung beschlossen, dieses sich bei jedem Konzert wiederholende Erlebnis einfach „die Blase“ zu nennen. Ich finde das ist eine gute Bezeichnung.

 

Goldmaul: Mag sein, irgendwie befindet man sich während des Musikhörens in so einer Art Blase, ein schönes Bild…aber warum eine Allegorie hinter der Allegorie?

 

Seidenbach: Die zweite Allegorie kommt jetzt. Wenn du immer weiter fragst, immer tiefer bohrst, glaubst, Schicht für Schicht abzutragen, erkennst du, dass der Begriff „mentale Verbindung“ auch nur eine Erfindung von mir ist, nur klingt sie vernünftiger, allgemein durch Wissenschaftlichkeit erfassbar. Man kann sich zum Beispiel hinstellen und sagen: Dieser Pianist da erlebt grade ein „soziokulturelles temporärakustisches Kontinuum und übt gleichzeitig eine Funktion in einem bestimmten System des globalen Spätkapitalismus aus“. (Goldmann staunend ein „hört, hört“ einwerfend) Mit so einem Begriff wie „Blase“ erfasse ich die Wirklichkeit allerdings genauso gut. Etwas sagt mir jedoch in letzter Zeit öfters, ich solle die Blase loslassen…

 

Goldmaul: Vielleicht wär das tatsächlich besser. Waldorfmusiklehrer sprechen zwar ähnlich, aber die nehmen nicht so viele Drogen wie du, und sind auch nicht so berühmt, die dürfen so reden. Bei dir wird das vielleicht schwieriger…

 

Seidenbach: Das hat nichts mit Drogen zu tun. Diese Vorstellung habe ich lange vor dem Koksen aufgenommen.

 

Goldmaul: Ach so. (überlegt) Du solltest überlegen, ob du nicht gleich, kurz bevor du wieder zu spielen anfängst, dem Dirigenten ein Zeichen gibst und von deinem Stress mit KV 482 erzählst, von deiner Angst vor Mozart. Alleine das wäre bereits ein ergreifendes Erlebnis. Und dann, nach einer winzigen Pause, in der alle erkennen, was sie da jetzt erleben, nämlich ein Geständnis, erzählst du von der freundlichen Blase, und wie sie dich stets mit dem Publikum verbunden hat. Ich glaube, wenn du das tätest, wäre die Papparazie-Nummer im Vergleich dazu nichts besonderes.

 

Seidenbach: Ich weiß nicht, ob ich das fertig bringe. Das wäre eine ziemliche Offenbarung…

 

Goldmaul: Denk nach! Jetzt, wo sie anfällig draußen stehen und gierig nach dem Ende der Pause lechzen. Sie haben Mozart gehört, nicht dich!, aber nur du kannst ihnen Mozart zeigen, Mozart ist der berühmte Pianist Seidenfeld und Seidenfeld ist Mozart! Du schenkst ihnen vorübergehend den Zutritt zu einem wunderschönen Platz, obwohl es ansonsten überall in der Welt nur peinlich ist, von Schönheit zu sprechen. Und in dieser Misere gibst du ihnen unvermutet einen Begriff von Schönheit wieder, die „Blase“. Was glaubst du, wie die Reaktionen ausfallen werden? „Seidenfeld berichtet, wenn er Mozart gibt, von Blasen. Haben Sie schon einmal Blasen erlebt, bei Mozart? Hören sie Seidenfelds letzte Einspielung, eine Referenzaufnahme.“

 

Seidenbach: Weißt du, manchmal bereue ich es, dir von solchen Dingen zu erzählen. Das einzige, was dich daran interessiert, ist die Möglichkeit es zu Geld zu machen…nebenbei verkennst du das Allegorische meiner Aussage, du hast etwas zu Sichtbares daraus gemacht.

 

Goldmaul: (Kratzt sich am Kopf) Aber aus diesem einzigen Grund hast du mich eingestellt, um Geld zu machen! Zu nichts anderem! Natürlich bin ich daneben gerne dein Freund…

 

Seidenbach:  (ironisch) Wie beruhigend…

 

Goldmaul: …und vertreibe, wenn es so uns mit uns weitergeht, auch gerne irgendwann mal deine Biographie…

 

Seidenbach: Womit wir nicht mehr lange warten sollten!

 

Goldmaul: Ist notiert. Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass ich Alles an dir zu Geld machen werde, grade wenn es persönlich wird, denn dann ist es am wertvollsten, das hat mir mein Marketing-„Professor“ immer gesagt.

 

Seidenbach: Wahrscheinlich hast du Recht. Wahrscheinlich erlebe ich wegen der Drogen und dem Erfolgsgefühl grade einen plötzlichen sentimentalen Einbruch. Das geht vorbei. Bitte sage mir noch mal, was ich als nächstes spielen werde.

    

Goldmaul: Prokofiev, drittes.

 

Seidenbach: G-Dur, ein gutes Zeichen.

 

Goldmaul: Du solltest auf Tournee gehen, nur mit G-Dur Konzerten, käme sicher sehr gut an.

 

Seidenbach: Wahrscheinlich.

 

(Servicekraft betritt den Raum) Noch zwei Minuten, der Herr.

 

 

 

Vorhang
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