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Sonntag, 25. September 2022

Aron Sayed

Ein ganz persönlicher Hörneindruck

Meeresstille und glückliche Fahrt op.112

Aron Sayed am 16.05.2007 um 11:38 Uhr


Persönlicher Höreindruck: „Meeresstille und glückliche Fahrt“ Op. 112, von Beethoven.

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Beethoven und Goethe. Goethe und Beethoven. Also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, sehr schön! Ach, sieh mal an, Op.112, eins nach der oft zitierten, bedeutungsvollen, letzten Klaviersonate, Op. 111, in c-moll. Na, wenn das nichts ist!

Bedeutungsvoll fängt es dann auch gleich an: Ganz leise schwebt; ein nahezu statischer Streicherklang heran. Und es scheint so, als wolle der nach einigen Takten vorsichtig hinzutretende Chor, die „im Wasser“ herrschende „tiefe Stille“ unangetastet lassen, bloß als vorsichtiger Gesang ängstlicher Geisterzeugen eine ozeanische Ausnahmesituation schildern. Streicherschicht auf Streicherschicht beschwören jene lastenden Massen unendlichen Meeres in der „ungeheuren Weite“: die G- Saiten der Violinen noch dem Auge sichtbare „glatte Fläche ringsumher“, Bratschen und Celli verborgene, fluide Sphären darunter, die Kontrabässe schließlich; „Todesstille fürchterlich“ in nie geschauten kilometertiefen Abgründen. Höchstens Tiefseebeben verursachen so weit unten noch Geräusche, aber nicht hier, nicht jetzt.

Zaghaft kündigt sich menschliche Präsenz mittels tropfender Pizzicati an. Der leere Raum erhält plötzlich subjektive Färbung. Da ist ja noch jemand anderes, ein Beobachter aus Fleisch und Blut! „Und bekümmert“ ist er auch noch, der „Schiffer“! Haben wir es hier etwa mit einem Gedankenbericht zu tun? Vermischt das lyrische Ich, falls es eines gibt, etwa seine Eindrücke mit denen des Fischers? Möglich, möglich, das soll uns aber jetzt nicht kümmern, denn da kommt der gewaltige Aufschrei „[fff]WEEIIIITEEEE[fff]“ im Chor- und Orchestertutti. Bei „ungeheuren“ sammelten ja die Stimmen ihre Kraft, tief Luft holend, um den Klang einmal um die ganze Welt herum zu schicken. Was für ein Aufschrei!! Wahnsinn, zumal bislang alles so verhalten war, mindestens pp.. (Leider sind meine Boxen zu alt, um den Innenhof plus WG mit dieser effektvollen Überraschung zu beschallen, schade.) Da reißt es jeden eingeschlummerten Opa im Konzertsaal von den Sitzen.

Immerhin lässt Beethoven anschließend genügend Takte verstreichen, damit man sich auf die Wiederholung dieser, alle Weltmeere umschlingenden, musikalischen Geste vorbereiten kann. Im Schlusschor der neunten Sinfonie wird er diese Geste wiederholen, „seid umschlungen, Millionen…diesen Kuss der ganzen Welt“. Dann wird nach dem Naturraum Meer, auch der Zivilisationsraum Menschheit durch; Musik erschlossen werden. Aber bis dahin vergehen noch einmal ungefähr neun Jahre, nämlich die von 1815 bis 1824.

Boshafte Stimmen könnten dem Genie und Begründer autonomer Individualästhetik in der Musik nun einen Hang zur Umschlingung unumschlingbarer Größen unterstellen, als Folge eines mit zunehmendem Alter fortschreitenden Größenwahns! Die sieben Weltmeere haben diesem pantheistisch veranlagten Schwerenöter wohl nicht gereicht, die ganze Menschheit musste er auch noch mit dazu haben!! Jedoch, man kann dies ohne weiteres tolerieren, einsehen, genießen. Es ist ja verständlich, dass ein Mann, der mit eigenen Augen miterlebt, wie die ersehnte Revolution den Bach runter geht, ja sich sogar in ihr tyrannisches, kaiserliches Gegenteil verkehrt, seine heilige Flucht in der Kunst, in der Musik sucht und findet.

Haben wir also ein wenig Mitleid mit dem armen Beethoven. Immerhin, hätte er op.112 nie komponiert, so wäre mir die Themenauswahl für diesen Artikel erheblich schwerer gefallen.

Zurück zum Thema. Zwischen „Meeresstille“ und „glückliche Fahrt“ ist ein kleiner Übergang eingeschoben, sowohl zu „Meeres Stille“ als auch „Glückliche Fahrt“ gehörend.

Ganz ähnlich wie „Wanderers Nachtlied“ und „Ein Gleiches“, bilden „Meeres Stille“ und „Glückliche Fahrt“ ein Paar, weil sie jeweils die Extreme eines Situationsthemas; schildern, dort ist es das Wandern bei Nacht, da das Schifferdasein auf; See. Meiner Meinung nach stehen „Wanderers Nachtlied“ und „Ein Gleiches“ zu „Meeres Stille“ und „Glückliche Fahrt“ in einer chiastischen Äquivalenzrelation zueinander, haha!

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, richtig! Der kleine Übergang. Rafinierterweise, und; um einem weiteren Werk im Vorhinein den Stempel „per apera ad astra“ aufzudrücken, hat Beethoven ein; plastisch komponiertes Scharnier zwischen beide Teile eingefügt, sozusagen das „und“ in „Meeresstille und Glückliche Fahrt“: Zuerst Achtel, dann Sechzehntel, eifrig auf und absteigende Skalen wuseln frisch drauf los, den unvermeidlichen Durchbruch ankündigend, Wind fährt in die Segel, reger und reger kräuseln sich die Wellen auf der vormals glatten Fläche, alles schreit: Übergang! Achtung Übergang! Platz da, hier kommt der Durchbruch!!

Was dann allerdings durchbricht, hält kaum ein, was sowohl im ersten Teil implizit als auch im Übergang so explizit angekündigt wurde. Es ist, als verspräche ein(e) überaus fähige( r) Lockrufer(in), je nach Geschlecht des Leser der Leserin, nie gehörte Sensationen, finale Ekstasen, entrückte Triumphe in einer antiken Halle, zu der man auf einem wohlgestalteten und fein gewundenen, blumenumsäumten Pfad gelangt ist. Neugierig lauscht man diesen Verheißungen, möchte voller Vorfreude langsam hinein schreiten, das wunderbare Innere der Halle betreten, die Vorhänge ziehen sich zurück,… und was man hoffend erblickt, ist ein von fettigem Glanz erstrahlendes Schmierentheater, das dem Zuhörer vulgäre Darbietungen entgegenschmeißt, die man enttäuscht entgegennimmt, nur um sie baldigst wieder zu vergessen!!

Natürlich ist so ein Vergleich übertrieben, natürlich sind das meine ganz subjektiven Eindrücke, natürlich ist es ungerecht, Beethoven, und nicht Goethe wohlgemerkt, platte Euphorie und eine gegenüber der „Meeres Stille“ zu beliebig triumphal daherkommende Vertonung des Goethetextes vorzuwerfen, natürlich. Ich meine auch zu glauben, dass der Begriff des Kitsches damals noch nicht erfunden war, es wäre demnach anachronistisch, „Glückliche Fahrt“, op.112, als eine kitschige, kurze Feierorgie zu betiteln, ich tue es trotzdem, drauf geschpfiffen!! Vielleicht hat der Chor der Konzertvereinigung Wiener Staatsoper, gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern unter Claudio Abbado auch bloß einen schlechten Tag gehabt, vielleicht liegt es daran? Doch halt, dann wäre „Meeresstille“ nicht so gut gewesen, daran kann es also nicht liegen.

Wahrscheinlich empfinde ich persönlich Beethovens Vertonung von Goethes Gedicht, „Glückliche Fahrt“, einfach als unzeitgemäß im negativen Sinne. Es misslingt mir auch nach dem dritten Mal Hintereinanderhören ein Gefühl geglückter Hineinversetzung in jenes Erzeugnis „schöner Kunst“ zu empfinden. Das einzige was ich bemerke, sind vage Assoziationen an verregnete Stena-Line Fahrten von Frederikshavn nach Göteborg, keine gute Ausgangsbasis für eine literarisch- musikalische Horizontverschmelzung. Egal. Woher sollte Beethoven auch wissen, dass sich 192 Jahre später irgendjemand über den zweiten Teil seines Op. 112 aufregt, weil besagter Jemand nicht mit Segelschifffahrt sondern überdimensionalen, stählernen Dampfern aufgewachsen ist, die es nicht mehr im Geringsten zu kümmern braucht, ob „die Winde“ „säuseln“? Übrigens wird in solcherlei Gründen eine Antwort auf die lästige Frage zu finden sein, warum der Jugend (und vielen Erwachsenen, die es; nicht zugeben wollen) seit einigen Jahrzehnten die großen Klassiker der deutschen Literatur abgehen. Wen ziehen, plump gefragt, erbauliche Osterspaziergänge (Faust I), Pferdebetrügereien (Michael Kohlhaas) und schlecht funktionierende Ehen mit teilweise tödlichem Ausgang (Effi Briest) an, wenn special effects beladene, audiovisuelle Schlachten im Multiplex des globalen Spätkapitalismus angeboten werden (Starship Troopers, Herr der Ringe I-III, Braveheart, Königreich der Himmel, Star Wars I-VI, Gladiator, der Patriot, Black hawk down, King Arthur, etc, da sind wirklich einige nette Schlachten anzutreffen…)?

;Darüber hinaus bin ich mit einer angeborenen, seltenen Allergie gegen quasi frei schwebende Jubelchöre gesegnet, weshalb mir „Glückliche Fahrt“, op.112, ebenso wenig gefällt, wie das „Triumphlied“ von Brahms, sowie weite Teile des Finales aus Mahlers Erster und Mendelssohns Zweiter, sowie Schumann Vierter und Sibelius Zweiter, und wenn ich schon dabei bin, auch das „Halleluja“ aus dem „Messias“ und eine beliebige Auswahl Haydn Sinfonien, „Les Preludes“ von Liszt, könnten von mir aus, aus dem ewigen Vorrat verbannt werden!! So, Schluss mit den Majestätsbeleidigungen!;;;;;

Abschließend sei zusammengefasst: „Meeresstille“, op.112, Daumen weit hoch, „Glückliche Fahrt“, op.112, so erhebend und spannend wie eine Stadtbesichtigung Hannovers oder alle siebenhundert Staffeln von „Reich und Schön“ auf einmal. Das sind hinkende Vergleiche, wem sie nicht gefallen, der kann sie entweder im Klo runterspülen oder in den nächsten Fluss werfen, womit wir wieder beim Thema „Wasser“ angelangt sind, gut ne?
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