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Montag, 4. Juli 2022

Kurt Witterstätter

Wie man sich Große Oper vor 150 Jahren ins Zimmer holte

Abstimmung mit Finger und Kehle

Kurt Witterstätter am 25.05.2020 um 13:33 Uhr


Abstimmung mit Finger und Kehle

 

Große Oper vor 150 Jahren fürs Wohnzimmer gesetzt – Wie man sich üppige Klänge nachhause holte

 

Von Kurt Witterstätter

 

Mainz. Opernhäuser und Konzertsäle bleiben der Corona-Pandemie wegen still und stumm. Musikliebhaber müssen für Ariengesang und Orchestersound zu elektronischen Tonkonserven greifen. Oder sich mit Transkriptionen für Soloinstrumente und Einzelstimmen behelfen. Das war vor der Zeit von Funk, Schallplatte, CD und DVD vor über hundert Jahren ohnehin die einzige Möglichkeit, Opern- und Konzertmusik außerhalb von Live-Aufführungen kennenzulernen und zu erleben. Unser derzeit einsatzloser Konzert-Beobachter Kurt Witterstätter hat alte Musikalien aus Familie und Klavierunterricht zutage gefördert und dabei manches Interessante entdeckt.

 

Findige Arrangeure griffen in der ausgehenden Romantik beliebte Einzelstücke aus Oper und Konzert heraus oder fertigten längere Passagen daraus als Potpourris für den Hausgebrauch. Wer weiß, falls die Schliessung der Musentempel noch länger währt, wählen Musikbegeisterte vielleicht solche Ersatz-Fassungen, um sich ohne größere Besetzungen das Erlebnis der unmittebaren, intimen Wiedergabe zu verschaffen.

 

Zugleich geben die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großer Zahl erschienenen Auszugs-, Potpourri- und Stücke-Noten für Klavier (zwei- oder vierhändig), für Geige und Klavier bzw. Singstimme und Klavier zugleich einen Hinweis darauf, was in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg an klassischer Musik besonders beliebt war. Der damalige musikalische Zeitgeschmack kommt in diesen meist in schnörkeligem Jugendstil verzierten Notenblättern wie eine Abstimmung mit den Musikanten-Händen und -Kehlen zum Ausdruck.

 

Kein Brahms im Salon

 

Natürlich findet sich in diesen Stücken für den Musiksalon oder das Wohnzimmer um das Jahr 1900 Musik von Mozart, Beethoven, Weber, Schubert, Schumann, Chopin, Liszt, Verdi, Wagner und Johann Strauß. Auch die unverwüstliche „Carmen“ fehlt kaum einmal. Bach und Händel sind weniger vertreten. Brahms schien noch nicht zu existieren. Auch Berlioz blieb links liegen. Dafür wurden seinerzeit aber Auszüge aus heute weniger aufgeführten Opern von Gluck, Lortzing, Flotow, Marschner, Meyerbeer, Méhul, Kreutzer, Halévy und Adam stark berücksichtigt. Die von einem Henri Cramer bei Schott „in Mayence, Londres et Bruxelles“ erschienenen „Potpourris sur des motifs d'Opéras favoris pour le piano“ („Potpourris über Motive aus beliebten Opern für Klavier“) nennen sogar den 1791 aus Koblenz gebürtigen späteren Stuttgarter Hofkapellmeister Peter Joseph von Lindpaintner, der laut Riemanns Musiklexikon als Komponist „mehr fruchtbar als originell“ war, sowie den begüterten Belgier Armand Marie Ghislain Limnander de Nieuwenhove, dessen Komische Oper „Les Monténégrins“ („Die Montenegriner“) 1849 in Paris heraus kam.

 

So ist heute aus der Mode gekommene Musik vor gut hundert Jahren noch beachtet worden. Den Pilger-Chor aus Wagners „Tannhäuser“ arrangierte ein Eugen Thomas (ebenfalls bei Schott) für Violine ud Klavier. „Dolcissimo-armonsioso“ hat die Geige die Verse zu intonieren „Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen und grüßen froh deine lieblichen Auen; nun laß ich ruhn den Wanderstab, weil Gott getreu ich gepilgert hab“. Der schon ewähnte Henri Cramer stellte bei seinen „Opéras de poche“ aus Wagners „Walküre“ ein Potpourri zusammen, das von Sieglindes Schwert-Hinweis „Was glänzt dort hell im Glimmerschein“ über ihre Erzählung „Ein Greis im grauen Gewand“, Siegmunds Liebeslied „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ und den Walkürenritt im Schnelldurchlauf zu Wotans Feuerzauber „Wer meines Speeres Spitze fürchtet“ führt.

„Fledermaus“ im Taschenformat

 

Im „Fledermaus“-Potpourri im klavieristischen Taschenformat finden sich im Raffer Alfreds „Glücklich ist, wer vergißt“, Eisensteins „Doch meine Frau, die darfs nicht wissen“, das „schöne große Vogelhaus“ von Gefängnisdirektor Frank, Rosalindes „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht“, Adeles „Mein Herr Marquis“ und Orlofskys „S'ist 'mal bei mir so Sitte“.


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