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Montag, 4. Juli 2022

Kurt Witterstätter

Neumeiers Tanzgastspiel in Baden-Baden

Zeitmaschine souverän bewegt

Kurt Witterstätter am 15.10.2010 um 07:50 Uhr


Zeitmaschine souverän bewegt

 
Neumeiers Ballett mit „Endstation Sehnsucht“ und Nijinsky-Hommage in Baden-Baden
 
Von Kurt Witterstätter
 
Wenn der Hamburger Ballettchef John Neumeier (68) Tanzschöpfungen heraus bringt, dann stehen schöpferische Intuition und künstlerischer Ernst obenan. Für das derzeitige und noch bis 23. Oktober währende elfte Gastspiel des Hamburg-Balletts im Festspielhaus Baden-Baden erläuterte der Choreograph seine besonderen Anliegen in einer Pressekonferenz.
 
Baden-Baden. Das Ballett „Endstation Sehnsucht“, mit dem das zehntägige Hamburger Tanzgastspiel in der Kurstadt gestern begann, wird von Neumeier nicht lediglich chronologisch nach Tennessee Williams’ Novelle nacherzählt. „Ich will nicht einfach Dramen vertanzen, sondern den Eindruck vermitteln, den die Erzählung auf mich ausübt“, erläuterte Neumeier. Tennessee Williams sei einer seiner Lieblingsdichter, bekannte Neumeier. Sein Werk sei vielschichtig und von hoher Musikalität. Das mache Tennessee Williams’ Dramen für die Ballettbühne besonders geeignet.
 
Die unterschiedlichen Zeitebenen in der Tragödie von Blanche DuBois von ihrer Herkunft aus dem großen Haus „Belle Rêve“ über ihren Niedergang und ihre Tragödie bis zu ihrer Einweisung in die Irrenanstalt hat Neumeier aus der Retrospektive zusammen gerafft. Für die Traum-Erinnerungen an ihr einst glückliches Leben wählte Neumeier die russische Klaviermusik der „Vision fugitives“ von Serge Prokofieff. Den Niedergang Blanches in New Orleans unterlegte Neumeier mit den Collagen-Klängen aus der ersten Sinfonie des Russen Alfred Schnittke.
 
Die derzeit in Baden-Baden zu sehende Choreographie von „Endstation Sehnsucht“ hat Neumeier aus der Uraufführungs-Version für das Stuttgarter Ballett Marcia Haydées im Stuttgarter Schauspielhaus für größere Bühnen wie die Hamburger Staatsoper, die neue Oper von Oslo und nun auch das Festspielhaus Baden-Baden weiter entwickelt. So wurde aus dem ursprünglichen Kammerballett ein raumgreifendes Tanzstück für große Bühnenräume.
 
Die „Ballets Russes“
 
Souverän mit der Zeitmaschine umgehen möchte Neumeier auch beim zweiten Baden-Badener Gastspiel-Wochenende mit seiner Hommage für den großen Tänzer Vaslav Nijinsky und einem Rückblick auf die große Zeit der „Ballets Russes“ von Serge Diaghilew vor hundert Jahren. „Der große Um- und Aufbruch damals mit der totalen Vision aktueller Musik, Malerei, Skulptur, neuen Tanzes und neuer Literatur fasziniert mich ungemein“, bekannte Neumeier. Ihn treibt es um, zu zeigen, was der große damalige Tänzer Vaslav Nijinsky in seinem Inneren erlebt haben mag.
 
Seine Rückerinnerung an Diaghilews „Ballets Russes“ und an Nijinsky teilt Neumeier vom 21. bis 23. Oktober in drei Abschnitten mit: Im „Pavillon d’Armide“ auf Musik des russischen Spätromantikers Nikolai Tscherepnin, den Nijinsky 1907 noch in St. Petersburg tanzte, wird ein obdachloser Adliger in einem Pavillon seines Gastgebers von der im Gobelin seines Quartiers abgebildeten Armida fasziniert. Der Pavillon steht bei Neumeier bereits für das Irrenhaus-Gebäude in Kreuzlingen, in dem der verstörte Nijinsky in seinem Schweizer Exil später unterkam. Diese „Reinheit im Wahn“ erspürt Neumeier dann nach der Pause auch in seiner Hommage „Vaslaw“ auf Musik Bachs und in seiner eigenen, frühen Mädchenopfer-Choreografie aus Frankfurt auf Strawinskys 1913 von den „Ballets Russes“ in Nijinskys Einrichtung uraufgeführtem Kollektiv-Ballett „Le Sacre du printemps“ („Frühlingsopfer“). Denn für Neumeier ist Nijinsky ein Fixstern: Er besitzt in Hamburg eine Nijinsky-Kollektion mit 27.000 Objekten       
 
 
 
   
 

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