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Dienstag, 17. Juli 2018

Jürgen Schaarwächter

Philip Langridge ist tot

Very English

Jürgen Schaarwächter am 13.04.2010 um 12:14 Uhr


Nahezu unbemerkt von der musikalischen Öffentlichkeit starb am 5. März 2010 der englische Tenor Philip Gordon Langridge 70-jährig an Darmkrebs in Millington (Cheshire). Langridge wurde am 16. Dezember 1939 in Hawkhurst (Kent) geboren, besuchte die Grammar School in Maidstone und studierte an der Royal Academy of Music. Er begann seine Karriere als Orchestergeiger, wechselte dann aber zum Gesang. Sein Repertoire reichte von Monteverdi bis zur zeitgenössischen Musik und er war im Konzertsaal wie auf der Opernbühne gleichermaßen zu Hause. Ich werde nie die erste Aufnahme vergessen, die ich mit ihm hörte und in der er über alle anderen Interpreten hinausstach, selbst über Gwynne Howell und Elly Ameling - Händels „Messiah“ unter Neville Marriner. Höchste Eloquenz verbunden mit vorbildlicher Linienführung und ausgezeichneter Atemkontrolle waren Kennzeichen seines Gesangs in dieser Einspielung von 1977. Die englische Sprache kam seiner Stimme nicht selten entgegen und mit der Zeit entwickelte er sich zu einem der größten britischen Tenor-Singdarsteller seit Peter Pears. 1964 debütierte er in Glyndebourne, wo er später u.a. als Ottavio („Don Giovanni“) und Florestan („Fidelio) zu hören war, und baute seine Karriere stetig auf. Zunächst überraschte er immer wieder auch mit unbekanntem Repertoire und war etwa in Donizettis „Il borgomastro di Saardam“ und „Betly ossia La capanna svizzera“ oder Albert Roussels „Padmâvatî“ neben Gérard Souzay und Rita Gorr zu hören; auch dass man ihn auf der Besetzungsliste von Pergolesis „Adriano in Siria“ entdecken konnte, zeugt von seiner Wandelbarkeit. 1983 debütierte Langridge in Ravels „L’heure espagnole“ an Covent Garden, in André Previns Einspielung von 1981 (EMI) singt er die Teekanne, den Rechenschieber und den Frosch. Seither war er viel gefragt, debütierte 1985 als Ferrando in „Così fan tutte“ an der Met, 1987 als Schönbergs Aron bei den Salzburger Festspielen - letztere Rolle spielte er 1984 unter Georg Solti in Chicago ein (Decca). Riccardo Chailly buchte ihn besonders für Stravinsky-Partien, auf Platte festgehalten sind „Renard“ und Tom Rakewell („The Rake’s Progress“ - beides Decca). Unter Seiji Ozawa spielte Langridge an der Seite von Jessye Norman den Oedipus Rex (DVD Philips), unter Simon Rattle und Norman Del Mar sang er in Werken von Karol Szymanowski (EMI und BBC Radio Classics), unter David Atherton in Kurt Weills „Happy End“ und unter Myung-Whun Chung in Schostakovitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ (Deutsche Grammophon). Claudio Abbado besetzte ihn u.a. als Schuiski in „Boris Godunov“ (Sony), als Andres in „Wozzeck“ und in den Gurreliedern (Deutsche Grammophon). Die typische Liebe der Briten für die Musik Janáceks schlug sich in Langridges Rollenporträts des Laca in „Jenufa“ (DVD Arthaus), des Gregor in „Vec Makropoulos“ und des Zivny in „Osud“ (EMI/Chandos) nieder - für letztere Rolle wurde ihm der Laurence Olivier Award verliehen. 1993 fügte Langridge seiner Rollenliste auch den Loge („Das Rheingold“) hinzu. Eine Stimmkrise 1996 konnte er glänzend überwinden, 2001 sang er den Palestrina an Covent Garden, 2009 gleich mehrere Rollen in Bergs „Lulu“; seinen letzten Bühnenauftritt absolvierte er im Januar 2010 in New York als Hexe in „Hänsel und Gretel“ (DVD EMI). Philip Langridge fühlte sich nicht nur im Konzertsaal ebenso wohl wie auf der Bühne, sondern seine Interpretationen auch im Konzertsaal atmen stets kommunikative Intensität. Aus jungen Jahren stammt eine Aufnahme von Heinrich Schütz’ Matthäuspassion unter Roger Norrington (u.a. neben Peter Pears, Benjamin Luxon und Felicity Palmer, Decca). Langridge sang in seinerzeit selten gespielten Oratorien und Messen von Bach, Pergolesi, Mozart und Haydn, er sang unter John Eliot Gardiner in Monteverdis Marienvesper und Rameaus „Les Boréades“, unter Nikolaus Harnoncourt Basilio („Le nozze di Figaro“) und Idomeneo (Teldec/Warner) - letzterer eine Rolle, mit der er in ganz Europa Triumphe errang (DVD Arthaus), obwohl seine Stimme schon an Glanz verloren hatte. Nur ganz selten trat er zusammen mit seiner Frau Ann Murray auf, etwa in der Harnoncourt-Einspielung des „Idomeneo“ und in ein paar Liedaufnahmen. Ebenso wichtig wie Bühne und Oratorium war Philip Langridge der Liedgesang. Er trat u.a. mit Maurizio Pollini, András Schiff, John Constable, Steuart Bedford, Graham Johnson, Peter Donohoe und David Owen Norris auf, doch beschränken sich seine Einspielungen in diesem Bereich auf eine eher geringe Zahl. Weder seine CDs mit Liedern von Dvorák bzw. Liszt (beide Unicorn-Kanchana) noch seine Platte mit Liedern von Dvorák und Janácek (Forlane) haben angemessene internationale Verbreitung gefunden. In fünf Folgen der Hyperion-Schubert-Liededition wirkte Langridge mit und in jüngerer Zeit konzertierte er mit der „Winterreise“ mit David Owen Norris am Hammerflügel. Dass sich Langridge besonders für Benjamin Brittens Musik einsetzte, ist wohlbekannt, seine Interpretationen von Peter Grimes, Gustav von Aschenbach („Death in Venice“) und Captain Vere („Billy Budd“, alle Chandos, Grimes und Vere auch auf DVD Arthaus), Peter Quint („The Turn of the Screw“, Collins/Naxos), Madwoman in „Curlew River“ und Prolog in „The Turn of the Screw“ (Philips), Earl of Essex in „Gloriana“ und Macheath in Brittens Adaption der „The Beggar’s Opera“ (Argo), aber auch dem War Requiem (Chandos), Kantaten und Liedern (Collins/Naxos) sind Klassiker. Ich hatte seinerzeit das Glück, Langridge in gleich drei dieser Werke erleben zu können, als Peter Quint, Captain Vere und im War Requiem, letzteres in der Royal Albert Hall unter Mstislav Rostropovitch. Doch es wäre verfehlt, Langridge auf Britten zu reduzieren. In Colin Davis’ berühmter Einspielung von Michael Tippetts „King Priam“ (Philips/Chandos) sang er einen jugendlichen Prinz Paris, unter André Previn in einer leider zu unbekannten Einspielung in „A Child of Our Time“ den Tenorpart (Royal Philharmonic Orchestra), außerdem wirkte er in der Uraufführung der Oper „The Ice Break“ mit. Sein Repertoire englischer Musik reichte von Purcell, Händel und Arne bis zu Elgar, Holst, Finzi, Vaughan Williams, George Dyson, Frank Bridge, Constant Lambert, Roger Quilter, Lennox Berkeley, Alan Bush, Nicholas Maw, Elisabeth Lutyens, Anthony Milner, Alexander Goehr, Richard Rodney Bennett, John Tavener, Thomas Adès und Harrison Birtwistle. Fast jede dieser Produktionen ist exzeptionell, fast jede hat Referenzstatus. Sein Gerontius (Elgar) in St. Paul’s Cathedral 1997 unter Andrew Davis wurde live vom Fernsehen mitgeschnitten und ist in England Kult. Ebenso vorbildlich sind die CDs mit Liedern von Quilter, Berkeley, Vaughan Williams und Bush (Collins/Naxos, EMI, Redcliffe), vor allem aber seine Holst-Einspielungen - Lieder ebenso wie die Operneinakter „Savitri“ (Hyperion) und „At the Boar’s Head“ (EMI). Die Freundschaft mit Harrison Birtwistle begann 1986, als Langridge die Titelpartie in dessen Oper „The Mask of Orpheus“ sang; weitere Rollenporträts folgten, zuletzt Hiereus in der Oper „The Minotaur“, die 2008 in der Regie von Langridges Sohn Stephen aus der Taufe gehoben wurde. 1994 wurde Philip Langridge zum Commander of the Order of the British Empire erhoben. Seine Verdienste um die Musik sind in der Tat vielfältig, seine Verdienste um die britische Musik herausragend.


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