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Freitag, 22. Oktober 2021

Stefan Drees

Eine offene Entgegnung auf zwei Kritiken von Monika Willer aus der Netzausgabe von 'Der Westen'.

Musikkritik unter der Lupe

Stefan Drees am 01.09.2009 um 12:12 Uhr


Als an den kulturellen Entwicklungen der Ruhrgebietsstädte interessierter Kritiker und Musikwissenschaftler habe ich in letzter Zeit etwas verwundert auf den Netzseiten von 'Der Westen' die Kritiken von Frau Monika Willer zu den Konzerten der Hagener Philharmoniker (abgedruckt in der Hagener 'Westfalenpost') zur Kenntnis genommen, nämlich Expedition zu unbekannten Klangwelten (vom 24.6.2009) und Himmelsmusik (vom 26.8.2009). Erstaunt haben mich vor allem die zahlreichen Formulierungen, die deutlich erkennen lassen, dass – so kommt es zumindest beim mitdenkenden Leser an – durch das Geschriebene die in meinen Augen vorbildliche Arbeit des Generalmusikdirektors Florian Ludwig ungerechtfertigt abqualifiziert werden soll. Folgende Punkte sind mir besonders aufgefallen:

 

In moralisierendem Tonfall resümiert Frau Willer in ihrem Artikel vom 24.6.: 'Dass die Konzertkassen nicht gerade belagert sind, wenn Zeitgenössisches angesetzt wird und dass das Publikum das klassisch-romantische Repertoire liebt, hat Florian Ludwig in dieser ersten Spielzeit gelernt.' Dem ist zu entgegnen, dass es prinzipiell zu den Aufgaben eines sinfonischen Klangkörpers gehört, einen Überblick über die musikalischen Ausdrucksformen, Sprachen und Stilistiken der Vergangenheit UND der Gegenwart zu geben. Würde man eine dieser Richtungen ausklammern, ergäbe sich ein Zerrbild, das – selbst wenn es vom Großteil des Publikums gewünscht würde –, dennoch Minderheiten ausschlösse. Frau Willer plädiert also, ihre persönlichen Vorlieben in den Vordergrund schiebend, für eine einseitige Art der Programmgestaltung, die keinesfalls dem Bildungsauftrag eines Philharmonischen Orchesters entspricht. Zudem ist Frau Willer bei ihrer Argumentation offenbar nicht aufgefallen – ein Blick in das Gesamtprogramm der vergangenen Saison und ein klein wenig Kopfrechnen hätte sie darüber belehren können –, dass tatsächlich nur ein Anteil von rund drei Prozent der Gesamtdauer aller Sinfoniekonzerte mit Musik aus dem späten 20. oder frühen 21. Jahrhundert bestückt wurde. Romantik, frühes 20. Jahrhundert und Klassik sind dagegen reichlich, nämlich mit jeweils weit über 25%, vertreten gewesen. Das Programm kann also im besten Willen nicht als eine Provokation aufgefasst werden, sondern ist ganz im Gegenteil sehr ausgewogen.

 

Da – meines Wissens – in Hagen seit den Zeiten von Gerhard Markson kaum mehr neue Musik gespielt wurde, besteht in dieser Hinsicht zudem ein dringender Handlungsbedarf, dessen Ziel es sein muss, dem Publikum einen Zugang zu zeitgenössischer Musik zu öffnen. Dies wird ohne Zweifel auch durch zahlreiche Zusatzveranstaltungen unterstützt. Ich selbst habe voller Begeisterung über ein entsprechendes Kammerkonzert mit Werken des Komponisten Gordon Kampe, in der vergangenen Saison 'Komponist für Hagen', berichtet (vgl. Kritik). Mir als Außenstehendem ist es zudem völlig unbegreiflich, wie Frau Willer OHNE eine Analyse der Gründe für einen geringen Zuschauerzuspruch bei EINEM Sinfoniekonzert über eine Protestreaktion gegen die Programmatik der Reihe schreiben kann, wie sie dies in ihrem Artikel vom 26.8. getan hat. Ich zitiere: 'Dass die Stadthalle mit rund 800 Besuchern dennoch erschreckend bescheiden gefüllt war, ist sicherlich auch als Reflex auf das umstrittene letzte Sinfoniekonzert der vergangenen Spielzeit zu werten – und dennoch ein bestürzendes Alarmsignal. Die derzeitige Programmatik hat eine gravierende Abwanderung des Publikums zur Folge.' Dass es zahlreiche andere und weitaus schlüssigere Gründe für die geringeren Zuhörerzahlen geben kann, wird mit keiner Silbe erwähnt – zu denken ist etwa an den Termin des Konzerts (viele ältere Mitbürger und Konzertgänger sind gerade jetzt noch im Urlaub), an die nicht vorhandene Werbung (DIES wäre ein Punkt, der einmal thematisiert werden sollte), an die aufgrund fehlender Sponsoren ausfallenden Konzertbusse, sogar das Wetter mag eine entscheidende Rolle gespielt haben. Und an dieser Stelle wäre auch noch einmal auf den ersten Punkt zurückzukommen, da wir überall – auch bei den großen Konzerthäusern der Region – mit einer Veränderung des Publikums zu kämpfen haben: Weil man sich jahrzehntelang auf die Treue der Abokunden verlassen hat und nicht versuchte, neues Publikum mit Neuem zu gewinnen, steht man gegenwärtig vor dem Problem einer schwierigen Altersstruktur. Genau dies ist die eigentliche Herausforderung für die kulturelle Arbeit und die Programmgestaltung der Sinfoniekonzerte, ihr gilt es im Zeitalter eines immer weniger bindungswilligen Publikums zu begegnen. Und hierfür, so meine Einschätzung, erweist sich GMD Florian Ludwig als ideale Wahl, denn er zeigt, was in Hagen alles möglich ist, wenn ein entsprechendes künstlerisches Engagement dahinter steht: soviel nämlich, dass man nun – und hier denke ich nicht nur an mein eigenes Interesse – wieder von außen her auf die kleine Stadt zu blicken beginnt. Frau Willer allerdings scheint diese Wendung, zumindest legen es ihre Kritiken nahe, nicht besonders zu schätzen und lieber zu wünschen, dass das Kulturleben vor Ort in provinzieller Behaglichkeit versinkt. Und das ist schade.


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