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Dienstag, 23. September 2014

Cantus Cölln seit 20 Jahren auf der Suche nach Wahrheit

Der Traum geht weiter


Mit Cantus Cölln feiert eines der führenden Vokalensembles für deutsche und italienische Barockmusik sein zwanzigjähriges Bestehen. Miquel Cabruja traf den Leiter des Ensembles, Konrad Junghänel, und dessen Frau, die Sopranistin Johanna Koslowsky, zum Interview bei Kaffee und Keksen. Konrad Junghänel, Lautenist, Leiter von Cantus Cölln, Operndirigent und Professor für Laute und Kammermusik an der Musikhochschule in Köln, stammt aus einer durchaus ungewöhnlichen Familie. Sein Vater, ein Architekt, hatte zu einer Zeit, als Alte Musik wirklich noch etwas für Pioniere war, ein Faible für die Klänge des 14. und 15. Jahrhunderts. Mit seiner Familie stellte er ein Ensemble zusammen, in dem für den jungen Konrad die Laute gewissermaßen nur noch übrig blieb. Liebe auf den ersten Blick war das Instrument für Junghänel nicht gerade. Das hinderte ihn aber nicht daran, trotzdem ein hervorragender Solist zu werden. Dass sie inzwischen nicht mehr die Hauptrolle in seinem Leben spielt, liegt an Cantus Cölln. 1987 gründete er mit fünf Gesangsolisten, darunter seine Frau Johanna Koslowsky, das Vokalensemble für Alte Musik. Gemeinsam erweiterten sie in 20 Jahren mit ihren Konzerten und preisgekrönten Aufnahmen das Repertoire um regelrechte Kostbarkeiten. An einem Dienstagmorgen im April bin ich mit Konrad Junghänel und Johanna Koslowsky in ihrem gemütlichen Einfamilienhaus in Brühl bei Köln zu einem Interview verabredet. Ich bin ein wenig zu früh und entscheide mich, die etwas verträumte Gasse entlang zu spazieren, da geht schon die Haustür auf und Konrad Junghänel, der mit seinem blonden Pagenkopf geradewegs einem Holbein-Gemälde entsprungen sein könnte, bittet mich mit einem gewinnenden Lächeln herein. Im geräumigen und irgendwie unprätentiösen Wohnzimmer mit einer großen Regalwand voller Bücher und CDs wartet eine üppige Kaffeetafel mit Gebäck auf uns. Kaum haben wir uns niedergelassen, beginnt ein zwangloses Gespräch.

20 Jahre Cantus Cölln. Wie fühlt man sich nach all der Zeit - hat man da seine Träume verwirklicht oder bleibt noch viel zu tun?

Koslowsky: 20 Jahre mit einem Ensemble zusammenzuarbeiten, in dem man sich nicht nur gut mit den Kollegen versteht, sondern auch noch tolle Musik auf hohem Niveau machen kann - da kann man schon sagen, dass man seine Träume verwirklicht hat. Gerade als Sängerin ist diese Frage für mich besonders interessant, da ich schon Mitte vierzig bin und natürlich nicht endlos werde weitersingen können. Für meinen Mann ist die Lage anders. Er hat noch viel vor. Aber das finde ich auch großartig, und ich möchte noch einiges mitmachen. Junghänel: Ich sehe es genauso und möchte sagen: Träume verwirklicht, aber der Traum geht weiter. Wir fühlen uns weder am Ende unserer Schaffenskraft noch am Ende unseres Repertoires noch am Ende von sonst irgendetwas. Ich fühle, dass wir noch voll im Saft sind.

Sie haben das Ensemble zusammen gegründet…

Junghänel: Ja. 1987 haben wir angefangen zu proben. Wir sind das etwas anders angegangen als üblich und haben nicht gesagt: „Wir treffen uns jetzt mal zwei Tage und machen dann ein Konzert“. Wir haben uns vorgenommen, dass wir erst einmal 30 Tage zusammen proben.

Was ja bemerkenswert ist…

Junghänel: Ist es. Wir haben es allerdings schon auf ein Jahr verteilt. Es ging uns darum, erst einmal als Ensemble zusammenzuwachsen. Wir haben ja von vorneherein mit gestandenen Solisten zusammengearbeitet. Das war das eigentlich Tolle, dass sich alle diese Sänger bereiterklärt und gesagt haben: „OK, wir machen das mit.“ - wahrscheinlich auch weil sie das Gefühl hatten, da könnte etwas Langfristiges bei herauskommen. Unser erstes Konzert und die erste CD-Aufnahme erfolgte 1988, ein Jahr nach den ersten Proben. Deswegen feiern wir auch zwölf Monate lang, bevor wir mit einem großen Schütz-Abend in der Kölner Philharmonie die Feierlichkeiten abschließen. Das ist zwar ungewöhnlich, hat aber viel mit Cantus Cölln zu tun.

Welche Rolle spielen für Sie Ihre Aufnahmen?

Koslowsky: Für uns spielen Konzerte und Aufnahmen eine gleichwertige Rolle. Wir machen eigentlich immer erst die CDs und danach die Konzerte.

Sie bereiten Ihre Konzerte mit den Aufnahmen vor?

Junghänel: Wir bereiten vor allem die Veranstalter mit den Aufnahmen vor. Manchmal wünschte ich, das wäre ein wenig anders. Ich würde die CDs gern erst nach mehrmaligen Konzerten machen. Das ist aber schwierig, da unser Repertoire nicht Mainstream ist und viele wenig berühmte Komponisten abdeckt. Veranstalter müssen ja auch kommerziell denken und scheuen das Risiko, etwas Unbekanntes in ihr Konzertprogramm aufzunehmen. Wenn aber erst einmal die CDs raus sind, die Aufnahmen schön geworden sind und möglichst viele internationale Preise erhalten haben, dann ist es sehr viel leichter für die Veranstalter zu sagen: „Wir machen das!“ Was die Aufnahmen angeht, sind wir richtig traditionsliebend. Wir haben fast alle 30 am gleichen Ort eingespielt, nämlich in einer kleinen Kirche in Mandelsloh nahe Hannover. Dort wohnen wir immer in dem gleichen, kleinen - sehr bescheidenen - Hotel. Koslowsky: (lacht) Das liegt auch ein wenig daran, dass es wirklich keine anderen Hotels dort gibt. Aber mittlerweile wissen wir es auch wirklich zu schätzen. Junghänel: Wir kommen nach Hause, wenn wir da hinfahren! Jeder nimmt immer dasselbe Zimmer. Das ist vielleicht schon etwas anderes als diese Wunder-Lebensläufe. Da heißt es doch immer: „Wie kamen Sie zur Musik?“ (macht eine theatralische Geste und lacht) Da kann ich dann immer nur ganz Profanes zu entgegnen. Aber wir finden das wunderbar und stehen dazu.

Umso weniger profan ist ihr Umgang mit der Musik. Sie schränken sich ja nicht nur historisch ein, sondern nehmen neben der im Barock unvermeidlichen lateinischsprachigen Musik eigentlich nur deutsche und italienische Musik auf.

Junghänel: „... und das ist auch gut so“, um mit einem berühmten Zitat zu antworten. Bei aller Bescheidenheit was den Hotelkomfort angeht, sind wir gegenüber der Qualität dessen, was wir machen, nicht ganz so anspruchslos. Und wenn man wirklich auf ganz hohem Niveau mitmachen will, dann muss man sich Einschränkungen auferlegen. Es gibt zwar auch positive Beispiele, aber dennoch wage ich zu behaupten, dass es fast unmöglich ist, in einer Fremdsprache die gleiche Intensität zu entwickeln wie in seiner Muttersprache. Das betrifft nicht nur die Sprachmelodie oder die Aussprache von Vokalen. Es geht auch darum, dass man ein Gefühl für die Sprache hat. Koslowsky: Jede Sprache bringt ja auch eine bestimmte Musik mit sich. In der französischen Musik sind wir einfach nicht so zuhause. Wenn es jetzt hieße: „Wir machen mal eben Charpentier!“, dann müsste ich mich wirklich lange vorbereiten und es käme immer noch nicht flüssig aus mir heraus. Vielleicht liegt uns die Englische Musik etwas näher. Junghänel: Ich würde ja wahnsinnig gerne einmal Purcell machen. Aber was die Schallplatte angeht, lassen wir das, glaube ich. Im Konzert ist es etwas anderes, aber auf CD sollte man Interpretationen anstreben, die Gültigkeit behalten. Ich denke, die Zeit des Universalmusikers, wenn es die jemals gegeben haben sollte, ist wirklich vorbei. Wir haben uns als Cantus Cölln von vorneherein unseren Raum abgesteckt und gesagt: „Das wollen wir machen!“ und haben in diesen 20 Jahren auch genau das gemacht. Und bei aller Bescheidenheit, das dürfen wir auch sicher sagen, haben wir auf diesem Gebiet Weltgeltung erlangt.

Wie beantwortet Cantus Cölln also die Frage „Prima la musica“ oder „Prima le parole“?

Junghänel: Beides ist gleich wichtig.

Geht es bei Ihrem Musizieren um „Wahrheit“?

Junghänel: Dazu muss ich etwas erzählen. Wir haben ausgerechnet mit den frühen Bachkantaten ja einen unglaublich großen Erfolg gehabt. Und so haben wir die dann auch auf den Salzburger Pfingst-Festspielen geben dürfen - in unserem üblichen Cantus-Cölln-Niveau, das ja normalerweise ausreichend ist. Nur in Salzburg war das auf einmal nicht genug. Wir haben wahnsinnig schlechte Kritiken erhalten, die darin gipfelten, dass es hieß, das sei ja eine Exegese gewesen - also eine biblische Wortauslegung im Konzert. Und dazu kann ich nur eines sagen: Das möchte ich auch! Mir geht es nicht nur um schöne Klänge, auch wenn das vielleicht in Salzburg besser ankommt. Mir geht es um Inhalte. In diesem Zusammenhang sehe ich den Begriff Wahrheit und finde das ganz entscheidend.

Bei vielen Ensembles vermisst man gerade die religiöse Tiefen-Dimension der Alten Musik schmerzlich. Bei Ihnen ist das anders.

Koslowsky: Ganz bestimmt. Es ist ein merkwürdiges Phänomen. Ich bin ja Pfarrerstochter und in einem religiösen Umfeld aufgewachsen. Ich kann zwar nicht behaupten, dass Religion eine große Rolle in meinem Leben spielt, aber in dem Moment, in dem man z.B. „Jesu meine Freude“ singt, glaubt man es in diesem Augenblick auch. Es ist dann wirklich so. Und ich weiß, wie es mir manchmal geht, wenn ich mal im Gottesdienst bin und etwa einen Spruch aus dem Johannesevangelium höre, den ich schon einmal gesungen habe. Da habe ich dann das Gefühl, dass ich über die Musik den Glauben finde. Durch die Musik glaube ich dann wieder. (Zu Konrad Junghänel:) Verstehst du das? Junghänel: Sehr verstehe ich das! Und das ist ein großes Phänomen, das schon sehr alt ist und auch Martin Luther wohlbekannt war. Ich bin der Religion wohl ferner als meine Frau. Aber ich kann auch für mich sagen, dass in dem Moment, in dem ich diese Musik mache, das in mir etwas auslöst, wo ich sagen kann: „Das stimmt wirklich für mich. Das ist wirklich die Wahrheit!“

Noch im 19. Jahrhundert war ein Großteil der Musik auf den Spielplänen zeitgenössisch. Hat der heutige Erfolg der Alten Musik auch etwas damit zu tun, dass wir so wenig moderne Musik haben, die das Publikum wirklich fasziniert?

Koslowsky: Ich weiß nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Alte Musik tatsächlich diejenige ist, die den Laien vielleicht noch am ehesten berührt. Vielleicht ist es das Direkte, durch das sie angesprochen werden. Selbst wenn sie mit Wagner oder Beethoven und mit der Moderne nichts anfangen können, fühlen sie sich durch diese schlichtere Musik - das kann man doch so sagen - eher angesprochen. Junghänel: Es ist nicht aufgemotzt, kein Zuckerguss, gar nix, es ist direkter und eben wahrhaftig. Dabei gibt es aber gelegentlich durchaus Verbindungen zur zeitgenössischen Musik

Arvo Pärt?

Junghänel: Zum Beispiel. Und es gibt ein Publikum, das den Zugang zur allgemein gesagt „Klassischen Musik“ eher über die Alte Musik findet. Koslowsky: Aber ich frage mich das wirklich oft, wie es denn möglich ist, dass wir heute so viel Musik haben, die einfach nicht zugänglich ist. Also zu Händels Zeiten haben die Leute seine Musik doch wirklich geliebt! Oder hat das Publikum damals etwa genau so verstört auf Neues reagiert? Das glaube ich einfach nicht! Junghänel: Sicher nicht in der Weise. Das System hat sich zwar immer neu definiert, es gab neue Richtungen und Entwicklungen, oder der eine oder andere Komponist wurde zunächst einmal nicht als großartig angesehen. Aber es war nicht etwas vollkommen Unverständliches, das eine richtige Mauer zwischen Musik und Publikum hochgezogen hätte. Und das haben wir heute sicher nicht nur in der Musik und in der Kunst.

Mit all den Problemen, die das auf lange Sicht für unseren Kulturbetrieb mitbringen wird. Das gilt vielleicht nicht für die Alte Musik, weil es da ja noch einiges zu entdecken gibt.

Junghänel: Das sieht in 100 Jahren auch wieder anders aus.

Kann man sich dann auch nur noch darüber definieren, dass man sagt: „Wir haben jetzt mehr historische Informationen. Wir klingen jetzt noch authentischer.“?

Junghänel: In 100 Jahren sind wir, Gott sei Dank, auch andere Menschen. Koslowsky: Und dann wird man das, was wir heute machen, auch altmodisch finden. Junghänel: Und das finde ich aber auch gut. Das heißt ja, dass die Musik etwas Lebendiges ist, das etwas mit dem Heute zu tun hat, und übermorgen ist das Heute eben schon gestern.

Lassen Sie uns bei der Suche nach dem „authentischen“ Klang bleiben. Ist diese Suche in Bezug auf die menschliche Stimme nicht besonders schwierig?

Koslowsky: Heute kann man da ohnehin wieder viel mehr machen als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Da kann man auch mit Vibrato singen. Aber ich bin noch von jemandem erzogen worden, der da sehr streng war: Hermann Max, der 1977 die Rheinische Kantorei gegründet und viel mit dem WDR gemacht hat. Ich habe meinen Klang aber weniger im Quellenstudium erarbeitet. Vielmehr bin ich das einfach, es ist meine Stimme. Und so hatte ich auch nie das Gefühl, ich müsse Mozart oder spätere Musik singen. Meine Stimme ist einfach gut für die Alte Musik. Ich musste mich nie entscheiden.

Das heißt, dass es für Sie auch unabhängig von Cantus Cölln eine Zeitgrenze für Ihre Stimme gibt?

Koslowsky: Absolut. Viele würden das vielleicht als Einschränkung sehen. Aber das ist es eigentlich nicht, weil es ja so viel Musik in diesen Epochen gibt. Es gibt so viele Sachen, die ich singen kann: Monteverdi, Schütz, Bach…

...und über Bach hinaus?

Koslowsky: Nein. Ich habe ganz früher zwischen 18 und 25 auch das Mozart-Requiem gesungen, oder einmal Haydn. Aber es war eigentlich klar, dass das nichts für mich ist. Bei unseren Kollegen von Cantus Cölln ist das aber durchaus anders. Unser Bass Wolf Matthias Friedrich singt z.B. auch ganz andere Sachen. Aber da sind die Frauenstimmen, glaube ich, auch eingeschränkter. Wenn beispielsweise Cecilia Bartoli Monteverdi singt, horche ich auch nicht unbedingt auf. Ich finde Bartoli ganz toll, das meine ich nicht, aber es kann eben nicht jede Stimme alles machen. Junghänel: Ganz sicher nicht! Das ist auch ein ganz großes Problem mit den Stimmen in Opernhäusern, die vor allem in Deutschland mit festen Ensembles arbeiten. Es gibt einfach keinen Sänger, der Mozart und Wagner singen kann. Es kann meiner Meinung nach auch keinen geben. Und wenn man jetzt auch noch Alte Musik ins Opernhaus holt, weil es da ja wunderbare Musik gibt und das Repertoire erweitert werden soll, dann gibt es Probleme damit, im Ensemble Sänger zu finden, die einen Monteverdi singen können. Schon allein technisch: es sind ja keine Koloraturen oder Fiorituren bei Monteverdi - es sind diese ganz schnellen Melismen, die da zu singen sind. Das kann eine schwere Stimme gar nicht.

Apropos schwere Stimmen. Hält eine Stimme sich eigentlich länger oder kürzer jung, wenn man Alte Musik singt?

Koslowsky: Viele Sänger würden wohl behaupten, dass eine Stimme schneller kaputtgeht, wenn man ohne Vibrato singt. Aber da bin ich ehrlich gesagt wohl überfragt. Ich habe in der Tat viele Kolleginnen in der Alten Musik scheitern sehen, die vielversprechend angefangen haben. Allerdings ist das bei den anderen Kolleginnen nicht anders.

Sie selbst singen gar nicht so vibratolos wie viele Andere. Viele Sänger in der Alten Musik klingen bisweilen ja regelrecht steril.

Koslowsky: Dieses weiße Singen habe ich nie gewollt. Ich wollte eher eine Vibratokultur entwickeln. Ich glaube, dass Sängern ohnehin sehr viel Vibrato einfach passiert. Bei Aufnahmen kann ich das sehr gut sehen. Wenn ich es mir dann noch einmal anhöre, kann ich sagen: „Nein, also hier solltest Du eigentlich in der Stimme gerade bleiben, und erst zum Schluss kann dann auch gern ein Vibrato kommen.“ Es sollte eben wie eine Verzierung eingesetzt werden, wie ein Triller zum Beispiel.

Bei vielen Sängern in der Alten Musik hat man ohnehin das Gefühl, dass sie versuchen, das Vibrato durch Forcieren geradewegs zu unterdrücken.

Koslowsky: Ganz bestimmt. Viele machen die Stimme eng, halten förmlich etwas weg, so dass die Stimme nicht mehr frei klingt. Und ist bestimmt ein Kritikpunkt.

Aber man kann schon sagen, dass Sänger in der Alten Musik selten so einen Raubbau am eigenen Material betreiben wie meinetwegen im Wagner-Fach.

Junghänel: Nein! Aber das ist auch eine Ausnahme. Ich wurde tatsächlich letztens noch in einem Interview gefragt: „Sie haben jetzt Mozart gemacht, wann kommt Wagner?“ Da habe ich erst einmal gesagt „Weiß ich nicht.“ Ich sage ohnehin nie mehr nie, weil ich mir schon oft widersprochen habe. Dann hieß es aber direkt: „Mögen Sie Wagner denn überhaupt“ und darauf habe ich entgegnet: „Die Musik von Wagner ist ganz sicher nicht das Problem. Mein größtes Problem ist in der Tat die Art und Weise des Singens, die von meinem Ideal immer weiter abweicht.“ Koslowsky: Andererseits macht Harnoncourt inzwischen ja sogar Monteverdi mit großen Stimmen!

Ist es nicht ohnehin immer letztlich eine Geschmacksfrage? Es gibt ja auch viele, die sich sagen: „Ich gehe in eine Barock-Kirche und da hängen die dicken Schenkel von der Decke, und wenn ich mir dann beispielsweise Cantus Cölln anhöre, klingt das für mich gar nicht wie in einer solchen Kirche. Das ist mir zu asketisch.“

Koslowsky: Wenn ich ganz ehrlich bin, sehe ich das selbst auch ein wenig so. Also mein Singen passt meiner Meinung nach besser in eine romanische Kirche. Wenn man dann in diesen lichtdurchfluteten und überladenen Barockkirchen steht, dann ist das schon manchmal merkwürdig. Für mich klingt Barockmusik in der Tat anders, als barocke Malerei und Architektur wirkt.

Diesen Gegensatz gibt es aber schon früher. Die Gemälde von Pontormo erschlagen einen förmlich mit ihrer überspannten Leuchtkraft...

Junghänel: ...und da hat Palestrina immer noch gelebt! (lacht)

Sie sind als Ensemble ja kein basisdemokratischer Verein.

Junghänel: Nein, das wollten wir ja auch alle nicht. Koslowsky: Wir hatten alle genug Erfahrungen mit diesen schrecklichen Diskussionen. „Sollen wir hier nicht lieber leise singen?“, „Ach das wäre doch schön, wenn wir hier...“ Es ist sehr entspannend, wenn jemand vorne sagt: „Wir machen es so und so!“ Und das Ergebnis hat das Ensemble ja auch dazu gebracht zu sagen: „OK, wir vertrauen dir.“ Natürlich kann ich auch sagen, wenn ich etwas anders singen will. Darum geht es ja nicht! Junghänel: Da muss man aber jetzt auch gerechterweise gegenüber einigen Barockorchestern sagen, die basisdemokratisch organisiert sind, dass wir es etwas leichter haben. Wir sind ja ein Ensemble, das solistisch organisiert ist, und das gilt auch für die Instrumentalisten. Jeder von uns kann sowieso seine musikalische Persönlichkeit einbringen. Viel mehr, als es in einem großen Orchester möglich ist, wo es acht erste Geigen gibt. Man kann es aber auch viel banaler sagen: „Es geht um die ganze Vorbereitung.“ Koslowsky: Das ist es doch! Wir alle wollen diese Arbeit gar nicht haben. Ich sehe das ja und weiß, wie lange er da oben sitzt und über den Partituren hockt. Das geht ja Stunden um Stunden, oft tagelang. Da weiß ich ganz genau, ich gehe zur Probe und es ist alles vorbereitet.

Was bedeutet es für ein solistisches Ensemble wie Cantus Cölln, wenn sich die Zusammensetzung einmal eklatant verändert?

Junghänel: Auf jeden Fall wird Cantus Cölln weiterbestehen. Also ich kann es mir anders zumindest nicht vorstellen, und wir haben ja auch schon zwei Wechsel gehabt.

Das ist bei 20 Jahren aber auch wirklich sehr wenig.

Koslowsky: Stimmt. Bisher haben wir aber auch immer befriedigende Lösungen gefunden. Unser Tenor Wilfried Jochens ist jetzt 61. Nein! Er wird heute 61, da müssen wir später noch anrufen! (lacht) Aber er denkt natürlich inzwischen auch über das Thema nach. Wir wissen ja alle, dass das Singen endlich ist. Wenn Wilfried aber dann irgendwann einmal aussteigt, dann ist das natürlich ein Einschnitt. Auch menschlich gesehen wird das für uns ganz schwer, weil er einfach wichtig für uns ist.

Mit seiner solistischen Besetzung hat Cantus Cölln ganz stark die Musik geprägt, die sie aufgeführt und aufgenommen haben. Passte das immer auf die Musik?

Junghänel: Alles, was wir machen, hat eine Berechtigung, die einer solistischen Aufführungsweise der Zeit und dem Stück entspricht. Das ist die Voraussetzung für alles, was wir machen. Das heißt für uns aber nicht, dass es die einzige mögliche Aufführungspraxis ist.

Damals reagierte man auch auf den Raum, in dem man spielte: ein großer Raum bedeutete zweifache, dreifache Besetzung oder mehr. Ein kleiner Raum weniger, oder?

Junghänel: Die waren so pragmatisch damals. Wenn kein Geld da war, hat man es eben mit weniger Leuten gemacht. Das entspricht ja eigentlich auch sehr unserer heutigen Zeit. Wir haben ja auch alle kein Geld heute.

Mit ihrem solistischen Konzept haben Sie auch anschaulich gemacht, dass Bach aus einer langen italienisch-deutschen Tradition herauskommt.

Koslowsky: Es ist ganz ein natürlicher Weg für uns gewesen. Das stimmt.

Viele gehen diesen Weg ja eher andersherum. Nicht von Monteverdi zu Bach, sondern von Strawinsky zu Bach.

Junghänel: Wir sind eben den Weg gegangen, wie er in der Geschichte gewesen ist.

Wie rekrutieren sie als Vokalensemble Ihre Instrumentalisten?

Junghänel: Das sind vor allem Leute aus der Kammermusik, die selbst in kleinen Zellen arbeiten, und es sind immer dieselben. Koslowsky: In der Alten Musik-Szene kennt man sich ja sowieso. Da gibt es ja auch viele Freundschaften. Junghänel: Es müssen ja nicht nur hervorragende Musiker sein, es muss auch menschlich wirklich stimmen. Koslowsky: Es ist ja auch interessant in bezug auf die Frage vom Anfang: 20 Jahre Cantus Cölln. Es geht ja auch ganz einfach darum, warum man 20 Jahre zusammen ist und immer mit denselben Leuten zusammenbleibt. Es ist für uns unheimlich wichtig. Es ist ganz sicher der menschliche Aspekt.

Ein familiärer Aspekt?

Koslowsky: Ja. Wir bemühen uns für jeden Probentag ein Restaurant zu reservieren, damit man nach der Arbeit noch zusammen sein kann. Wir machen bei den Proben immer pünktlich Schluss, möglicherweise sogar etwas früher, damit wir dann alle zusammen essen und trinken können. Das bedeutet auch, dass man einmal Leute durchzieht, denen es gerade nicht so gut geht. Wenn man denkt: „Mensch, also der oder die spielt gerade nicht so wie sonst...“, da nimmt man nicht gleich den Nächsten, sondern versucht das mit zu tragen. Junghänel: Wir wissen, dass es auf allen Positionen, und das schließt Johannas Position genau so ein wie meine, auch Bessere gibt. Es gibt ja immer Bessere. Anders gesagt: Jeder von uns ist total ersetzbar. Aber wir wollen nicht einfach jemand ersetzen... Koslowsky: ...und wenn man das konsequent so handhabt, ist man irgendwann eben auch nicht mehr ersetzbar. Wenn man so intensiv zusammenarbeitet, wird man im Laufe der Zeit als Ensemble immer besser. Wenn wir zusammen ein Stück zum ersten Mal proben, dann ist sofort eine Qualität da, die man sich mit anderen Leuten erst einmal erarbeiten müsste. Junghänel: Das ist unser großes Kapital.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(06/2007)

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