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Montag, 25. Juli 2016

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Das Label NCA feiert seinen 20. Geburtstag – mit einem stolzen Blick zurück und vielen Ideen für die Zukunft

"Ich möchte nichts Geschniegeltes und Gebügeltes"


Das Label NCA hat allen Grund zum Feiern. Seit nunmehr 20 Jahren bereichert es den Tonträgermarkt mit interessanten und künstlerisch hochstehenden Produktionen – nicht selten abseits des von anderen (und größeren) Firmen oft aufgenommenen Standard-Repertoires. Doch ist NCA keineswegs ein Spezialistenlabel für Entlegenes und Ausgefallenes. Im Programm finden sich auch ein weithin beachteter Zyklus der Beethoven-Streichquartette oder eine Aufnahme von ‚Hänsel und Gretel‘. Daneben gibt es aber auch Raritäten aus dem Bereich Alter Musik. Beides – das Besondere und das Bekannte – verbindet NCA in einer Reihe der sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt, die hier erstmals auf historischen Instrumenten erklingen. Einen kleinen Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre wirft Label-Chef Klaus Feldmann im Gespräch mit klassik.com-Autor Tobias W. Pfleger, schaut aber gleichzeitig mit wachen Sinnen in die Zukunft.

Was verbirgt sich hinter dem Namen NCA – New Classical Adventure? Was hat es mit dem Abenteuer auf sich, das Sie im Namen führen?

Dahinter verbirgt sich die Absicht, dem Hörer die Möglichkeit zu bieten, Neues zu entdecken. Wir wollen uns eher weniger auf Standardliteratur konzentrieren, sondern auf wiederentdeckte Werke, ungewöhnliche Besetzungen und Interpretationen, also in mehrerer Hinsicht Grenzüberschreitendes.

Wie kam es dazu, dass Sie eine neue Plattenfirma ins Leben gerufen haben?

Wir kamen zu Wendezeiten als Musiker auf den damaligen Eigentürmer, Jürgen Jacobsen zu. Mein Bruder und ich hatten in der DDR ein hohes Renommee als Gitarrenduo und auch eine Platte bei Eterna produziert. Zu Wendezeiten waren wir auf der Suche nach neuen Partnern und stießen dann auf Umwegen auf ihn, der Interesse bekundet hatte, mit uns zu produzieren. In diesem Zusammenhang entstand die CD ‚Bach in Köthen‘. Sie wurde dann als erste CD bei NCA im Oktober 1992 veröffentlicht. Nachdem diese Produktion für mich als Produzent neben dem eigenen Spiel gut abgelaufen war und er gemerkt hatte, dass ich erstens Interesse und zweitens das Vermögen hatte und er selbst darüber hinaus Interesse bekundete, in die Produktionsschiene einzusteigen, beauftragte er mich mit der Erarbeitung eines Klassikkataloges.

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Wie ging es dann weiter?

Ich bin in die Aufbauarbeit des Labels hineingesprungen wie ins kalte Wasser, weil ich kein ausgebildeter Produzent für eine Schallplattenfirma war, sondern studierter Musiker und Komponist. Aber ich habe zehn Jahre lang als musikalischer Leiter die Geschicke eines Theaters gelenkt; insofern war ich durchaus geeignet – wie man jetzt sieht. Aber das konnte man damals noch nicht wissen. Für mich selbst war das ein totales Abenteuer. Ich hatte natürlich schon den Blick auf den Tonträgermarkt gerichtet, um herauszufinden, was die einzelnen, insbesondere kleine Labels auszeichnet, speziell in der Ausrichtung des Repertoires. Ich habe in meiner über 30 Jahre dauernden Konzertpraxis erlebt, dass es durchaus immer wieder Menschen gibt, die sich – aus meiner Sicht zu ihrem Nachteil – zu stark auf eine Musikrichtung beschränken; dadurch geht ihnen ganz viel verloren. Deshalb habe ich gesagt: Wir dürfen kein Label gründen, das sich z. B. auf Alte Musik oder Gitarrenmusik etc. konzentriert, sondern ich möchte erreichen, dass der musikinteressierte Hörer, der mehr als nur einen engen Blick hat, herausfinden kann, dass Musik eine Sprache ist, deren ‚Dialekte' über die Jahrhunderte verschieden sind, dass es aber ganz viele Entsprechungen gibt und zum Beispiel Bach gar nicht so weit entfernt ist von einem Teil der zeitgenössischen Musik.

Dieses Vorhaben hört sich in der Tat nach einem Abenteuer an …

Das Abenteuer, das wir angingen, war zweifach: erstens für mich das Wagnis, diese Aufgabe zu übernehmen und zu bewältigen; zweitens, dass wir uns von den anderen Labels insofern abheben wollten, als wir versuchten, unser Repertoire bewusst nicht zu reduzieren, obwohl wir natürlich wussten, dass das riskant war. Denn es kann nur allzu leicht passieren, dass man dann ein Sammelsurium produziert. Von einer Zeitung wurde das einmal als ‚erfrischend konzeptlos‘ bezeichnet – aber das ist es ja nun gerade nicht! Erfrischend schon, aber nicht konzeptlos. Unser Abenteuer bestand nicht nur darin, uns nicht zu spezialisieren, sondern auch in dem Anspruch, die Stammliteratur nicht zum x-ten Mal aufnehmen. Wir wollten auf die Suche nach ungewöhnlichen Ensembles, ungewöhnlichen Interpretationen, ungewöhnlichen Bearbeitungen gehen – und eben das war und ist das Abenteuer.

Wie kam die Zusammenarbeit mit ersten Künstlern zustande?

Nachdem ich den Auftrag erhalten hatte, einen Klassikkatalog ausschließlich mit Neuproduktionen aufzubauen, bin ich natürlich erst einmal in mich gegangen und habe überlegt, mit wem man arbeiten könnte. Ich habe im Umfeld von Kollegen studiert, von denen ich wusste, dass sie sich auf ihrer speziellen Schiene sehr weit vorgewagt hatten, etwa die Lautten Compagney. Ich kannte auch den Manager des Gewandhaus-Quartetts. So habe ich Partner angesprochen, die ich selbst kannte und von deren künstlerischer Leistung ich überzeugt war. Die Kollegen waren schnell überzeugt, dass das die richtige Partnerschaft für sie wäre. Die Zusammenarbeit mit dem Gewandhaus-Quartett war natürlich ein absoluter Traumfall für mich in diesem Moment. Und dann kam eines zum anderen; es sprach sich natürlich herum, dass da ein neues Label auf sich aufmerksam macht, das versuchte, anders zu arbeiten.

Was kennzeichnet Ihre Zusammenarbeit mit den Künstlern?

Ich habe von vornherein gesagt: Ich bin zwar musikinformiert, lese viel, höre viel, weiß – in aller Bescheidenheit – sicher einiges, aber ich kann nicht alles bis ins kleinste Detail kennen. Ich bin also angewiesen auf die Gemeinsamkeit in der Zusammenarbeit mit den Künstlern. Ich möchte daher, dass die Künstler ihre Herzenswünsche offenbaren und wir gemeinsam herausfinden, ob ein Programm für das Label geeignet ist. Ich bin natürlich auf der Suche nach bestimmten Projekten, die ich für das Label als geeignet betrachte oder bei denen ich das Gefühl habe, dass sie die Lücken im Repertoire des Labels füllen können, um das Bild abzurunden. Dazu kommen viele Vorschläge von den Künstlern, die wir natürlich gar nicht alle umsetzen können. Aber so kann ich sicher sein, dass das, was wir umsetzen, das Ergebnis intensiver Überlegungen und Forschungsarbeit auf aktuellstem Niveau ist. So ergab sich von Anfang an eine besondere Art der Zusammenarbeit, die davon gekennzeichnet ist, dass wir uns gegenseitig ergänzen.

Kommen die Vorschläge, welches Repertoire aufgenommen wird, zuerst einmal von den Künstlern, und Sie entscheiden, ob das machbar ist?

Nein, so eindimensional würde ich das nicht beschreiben. Ich habe die Zusammenarbeit mit bestimmten Künstlern über Jahre hinweg bewusst gepflegt. Es kamen immer wieder neue dazu, andere sind weggegangen. Heute gibt es gewissermaßen einen harten Kern von Künstlern, von denen ich weiß, dass sie von vornherein überlegen: Wie können wir unseres und das Bild des Labels abrunden? Solche Zuarbeit von den Künstlern ist enorm wichtig. Zudem spreche ich natürlich auch gezielt Künstler an, von denen ich mir etwas verspreche und versuche sie zu überzeugen, über dieses oder jenes Projekt einmal nachzudenken.

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Sie haben es sich zum Ziel gemacht, junge Künstler zu fördern. Nach welchen Kriterien wählen Sie junge Künstler aus?

Das ist ein hoch kompliziertes Thema. Ich habe als junger Künstler selbst erlebt, wie kompliziert es ist, auf diesem Markt Fuß zu fassen; ich wäre froh gewesen, wenn so jemand wie ich mich hätte fördern wollen. Kriterien festzulegen ist äußerst schwierig. Ich höre mir einfach sehr viele Konzerte von jungen Künstlern hier in Berlin an. Manchmal werde ich eingeladen, manchmal kenne ich die Dozenten. Wir haben uns auch schon an einem Wettbewerb beteiligt. Beim Schostakowitsch-Wettbewerb Rheinsberg 2007 haben wir z. B. einen Sonderpreis ausgelobt. Technische Meisterschaft ist bei jungen Künstlern heute weit verbreitet. Für mich ist aber darüber hinaus wichtig, ob der Künstler Potenzen in Aussicht stellt. Freilich kann ein junger Künstler nicht so erfahren sein wie jemand, der 20 Jahre auf der Bühne gestanden hat, aber ich muss den Eindruck gewinnen, dass er mir künstlerisch etwas zu sagen hat und dass er entwicklungsfähig ist. Natürlich spielt die technische Frage auch eine Rolle. Man muss jemanden finden, der in der Szene ebenbürtig ist, das ist keine Frage.

Haben Sie auch andere Wege auf der Suche nach förderungswürdigen Künstlern beschritten?

Ich habe versucht, mit Hochschulen Kontakt aufzunehmen und angeboten, dass sich da Kooperationen ergeben könnten. Doch die Hochschulen waren erstaunlicherweise desinteressiert oder zumindest nicht sehr kooperativ, so dass ich mich dann persönlich an Professoren und Dozenten gewandt habe. Ich nutze zudem über mein eigenes Territorium hier in Berlin hinaus sozusagen ein ‚verlängertes Ohr' durch befreundete Professoren, und auf diese Weise bin ich zum Beispiel auf die junge Gitarristin Magdalena Kaltcheva gestoßen. Sie wurde damals als ‚junge Wilde‘ angekündigt. Und so war und ist sie auch – musikalisch. Sie hatte bereits damals einen enorm hohen technischen Standard bewiesen und war aus meiner Sicht sehr entwicklungsfähig – was sich bewahrheitet hat. Andererseits hat sich leider das Trio Leandro, das mit Flöte, Bratsche und Harfe sehr ungewöhnliche Musik machte und von dem ich mir ähnliches erwartet hatte, aufgelöst. Die Musiker hatten den Eindruck, mit Musik ihr Leben nicht finanzieren zu können. Das fand ich natürlich sehr bedauerlich.

In welcher Größenordnung bewegen sich die Neuproduktionen von NCA jährlich?

Wir hatten uns festgelegt, im Durchschnitt rund zehn Produktionen pro Jahr zu machen. Das macht die Auswahl natürlich nicht leicht. Ich habe viele Angebote, auch von Künstlern, die mir entweder Projekte oder sogar bereits fertig produzierte Master zur Nutzung anbieten – so weit sind wir mittlerweile ja schon. Meine Aufgabe ist es herauszufinden, was davon das Label vor dem Hintergrund, dass ich nur eingeschränkte Möglichkeiten habe, bereichern könnte. So kann ich etwa 10 Prozent jener Angebote verwirklichen, die ich fürs Label NCA als geeignet einschätze. Ich arbeite bei der Auswahl eng mit meinem Kollegen James Lask in Hamburg zusammen, der die Klassik der Membran Media GmbH verwaltet, und hole mir im Zweifelsfall Rat bei meinen musikalischen Freunden ein. An dieser Stelle darf man nicht eitel sein, denn ich übernehme ja auch Verantwortung, wenn ich eine Produktion umsetze. Da will ich schon sicher sein, dass alles ‚Hand und Fuß‘ hat. Die Kritiklandschaft beweist, dass uns dies durchaus gelungen ist: Ich habe bislang bei mittlerweile 150 Titeln im Grunde keinen Flop produziert. Zwar gab es mal den einen oder anderen Streitpunkt, aber dass eine Produktion ernsthaft durchgefallen wäre, kann man nicht sagen.

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Gab es Leuchttürme oder Verkaufsrenner, die sich als besonders positiv erwiesen haben – vielleicht auch entgegen ursprünglicher Annahmen?

Es ist klar, dass natürlich das Gewandhaus-Quartett nicht nur einer der frühesten Repräsentanten für uns war, sondern bis in die heutigen Tage hinein schon der ‚Leuchtturm‘ ist, insbesondere mit den Beethoven-Streichquartetten. Da hat sich bewiesen, dass wir durchaus flexibel und im Interesse der Sache denken können. Eigentlich hatte ich nie beabsichtigt, einen Zyklus mit Beethoven-Streichquartetten zu produzieren; das war überhaupt nicht auf meiner Liste. Wir planten zunächst, mit dem Gewandhaus-Quartett Prokofjew, Schostakowitsch, Strawinsky aufzunehmen. Die Musiker aber deuteten an, gerne Beethoven zu produzieren, weil sie dieses Repertoire natürlich häufig spielten. Dadurch haben wir angefangen, Beethoven zu produzieren. Es kam dann ein Beethoven zum anderen, unterbrochen von einigen Mendelssohn- und Schubert-Aufnahmen. Mit der Zeit hatten wir dann aber so viele Beethoven‘sche Streichquartette beisammen, dass wir uns entschlossen, den Zyklus zu vervollständigen. Das hat dann zwar ein paar Jahre gedauert, aber es war ein Vorhaben, das gereift war, das wir als gewachsene Idee realisiert haben. Die Idee ist dann unter anderem mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik geadelt worden. Die Produktion ist für mein Empfinden wirklich außerordentlich gut gelungen, auch wenn sie Jahre gedauert hat. Schließlich haben wir dann doch versucht, der Gesamtaufnahme noch etwas Besonderes zu verleihen. Wir haben der Ausgabe eine Bonus-CD mit historischen Aufnahmen früherer Gewandhaus-Quartett-Besetzungen und Interviews mit früheren Mitgliedern des Ensembles zur Beethoven-Interpretation beigelegt. Dadurch hat auch diese Ausgabe zur besonderen Interpretation noch etwas Besonderes bekommen.

Sie haben angesprochen, dass junge Künstler manchmal bereits mit fertigen Aufnahmen auf Sie zu kommen. Sehen Sie die Tendenz in jüngster Zeit, dass Künstler Aufnahmen in Eigenregie herstellen, als negative Entwicklung?

Klar hat man heute sehr viele technische Möglichkeiten, so etwas in Eigenregie herzustellen. Noch zu Zeiten der Schallplatte wäre das nicht denkbar gewesen. Für CD-Firmen könnte das durchaus eine Gefahr darstellen, wenn es zu stark verbreitet ist. Aber das Problem ist ja nicht, eine CD aufzunehmen und herzustellen. Die größte Schwierigkeit liegt heute vielmehr im Vertrieb. Ich sehe selbst, welche außerordentlichen Anstrengungen es bedeutet, einen weltweiten Vertrieb zu gewährleisten. Da wird es mit einem Eigenvertrieb schnell zu Ende sein, wenn man als Künstler diese Aufgabe ebenso würde übernehmen wollen. Wir haben aus gutem Grund einen eigenen Firmenbereich, der sich nur um den Kontakt zu internationalen Vertrieben kümmert, und die Kollegen sind durchaus ausgelastet. Insofern fürchte ich mich vor dieser Entwicklung nicht. An sich finde ich das auch nicht schlecht. Es gibt Firmen, die den Künstlern aus meiner Sicht nicht immer gerade vorteilhafte Bedingungen bieten. Da kann man es jungen Künstlern nicht verübeln, wenn sie sagen: Das kann ich auch alleine machen. Diese Tendenz ist durchaus auch im Bereich der ‚gestandenen Künstler‘ zu beobachten.

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Wie sehen Sie allgemein die Zukunft des physischen Tonträgers? Spielt Download für Sie eine große Rolle?

Natürlich stellen wir seit Jahren innerbetrieblich Überlegungen an, was die Zukunft der CD betrifft. Durch die elektronische Verbreitung von Musik, insbesondere im Bereich Rock/Pop, gibt es natürlich eine gewisse Gefahr, dass die CD in einigen Bereichen tatsächlich einmal verschwinden könnte. Im klassischen Bereich würde ich eher meinen: nein. Ich sehe das an mir selbst. Ich möchte nicht irgendwo ein File herunterladen und dann vielleicht noch ein PDF, das ich dann halbherzig ausdrucke. Sondern ich habe Spaß daran, mir eine CD einzulegen, mir das Beiheft herauszunehmen und ein bisschen zu schmökern. Ich glaube, viele Klassik-Hörer, wollen sich das nicht nehmen lassen, zumindest sagen das meine eigenen Marktanalysen, die ich in meiner Umgebung anstelle. Hinzu kommt, dass es im Bereich der Klassik keine Chart-orientierten Titel gibt, die von der Festplatte gelöscht werden, wenn der Song aus den Charts wieder rausgefolgen ist. Ich würde meinen, der physische Tonträger wird sich, auch wenn er vielleicht dann in eher kleineren Stückzahlen produziert werden sollte, im klassischen Bereich durchaus noch erhalten.

Ist das vielleicht auch eine Generationenfrage?

Ich will das Phänomen des Downloads gar nicht unterschätzen, gerade was die junge Generation angeht. Die jungen Leute sind einfach routiniert in solchen Dingen, die machen das auf dem Fahrrad nebenher. Insofern sie überhaupt an die Klassik herangeführt werden können, erreichen wir sie wahrscheinlich nur so. Insofern müssen wir das ernst nehmen und auch anbieten. Wir sehen anhand der Verkaufszahlen, dass das nicht unspektakulär ist, auch im Klassikbereich. Aber ich denke auch an den eingefleischten Konzertbesucher. Der wird eine CD haben wollen, die er im Laden kaufen kann.

Gibt es unterschiedliche Präferenzen aus Ihrem Sortiment, was heruntergeladen und was als CD gekauft wird?

Nein, das ist keine Generationen- oder Medienfrage, das liegt einfach am musikalischen Angebot. Im letzten Jahr waren das vermehrt die Aufnahmen der Sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt mit der Wiener Akademie und Martin Haselböck, auch im Download, vielleicht auch deshalb, weil die erste Folge der Liszt-Serie den internationalen Liszt-Preis bekam. Daran erkenne ich, dass unsere programmatischen Entscheidungen durchaus richtig waren, auch wenn wir sie uns nicht leicht gemacht haben und ich mit meiner Konzeption, mosaikartig zu produzieren, durchaus ein hohes Risiko eingehe.

Eine stattliche Anzahl Ihrer Produktionen sind SACDs. Welche Kriterien sind ausschlagend für Entscheidung, welche Titel als SACD, welche als CD produziert werden?

Wir hatten eine ganz Zeit lang fast durchgängig SACDs produziert. Ich fand das gar nicht so gut, weil aus meinen Erfahrungen Orchesterproduktionen viel eher dafür prädestiniert sind als etwa eine Solo-Gitarre. Jetzt produzieren wir keine SACDs mehr, weil sich herausgestellt hat, dass dieser Markt wahnsinnig klein ist, auch wenn es eine Fangemeinde gibt, die nur hochaufgelöste Tonträger kauft. Wir haben Multichannel-Hybrid-CDs produziert, um den Hörer mit normalem CD-Player nicht außen vor zu lassen. Bei Hybrid-SACDs sind beide Fassungen – eine Stereo- und eine Surround-Version – auf einen Tonträger gepresst, was die Herstellung natürlich teurer macht. Hinzu kommt, dass die Hersteller der Player nicht mitgezogen haben. SACDs sind eher etwas für Liebhaber.

Spielt für Sie die Klangqualität eine entscheidende Rolle?

Natürlich ist die Klangqualität etwas Wichtiges, weil Hörer, die an Klangqualität ihr Kaufverhalten orientieren, nicht ignoriert werden dürfen. Ich bin aber zuerst daran interessiert, ob mich etwas musikalisch ergreift. Das Klangliche entscheiden letztlich Tonmeister und Künstler. Wir arbeiten mit einer ausgewählten Schar von Tonmeistern zusammen, von denen ich genau weiß, welche ästhetische Herangehensweise sie haben und was deren Ziel ist. Ich kann also sicher sein, dass der Tonmeister unseren Idealen entsprechend arbeitet. Ich sage auch allen, die mir einen Projektvorschlag schicken möchten: bitte keine fertig produzierte CD, weil man da nie weiß, wie diese zustande kamen. Ich möchte in diesem Stadium nichts Geschniegeltes und Gebügeltes.

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Auf Ihrer Website gibt es eine Rubrik ‚Fachhändler‘. Glauben Sie, dass in Zeiten, in denen immer mehr Bestellungen übers Internet laufen, Fachhändler noch eine Rolle spielen werden?

Na, das hoffe ich sehr! Im Grunde versuche ich Leute, die nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen, davon zu überzeugen, dass sie einen Plattenladen aufmachen. Ich denke, die Luft für Fachhändler wird dünner werden, allein dadurch, dass man im Internet bequem von zuhause aus fast alles bekommen kann, mehr noch als ein Händler anbieten kann. Aber ich wünschte mir, die Fachhändlerkultur würde nicht so sang- und klanglos verschwinden. Denn es ist ja auch einfach schön, mal eine CD in die Hand zu nehmen oder reinzuhören. Vielleicht müssen sich die Geschäfte aber auch dahin entwickeln, dass sie nicht eine reine Verkaufseinrichtung sind; vielleicht müsste man da mehr Möglichkeiten zum Hören haben oder in Musikzeitschriften blättern zu können. Vielleicht sollte aus der reinen Verkaufsfläche mehr eine Begegnungsstätte mit Musik werden. Denn die grundlegende Überlegung ist: Worin können sich Händler vom Internet unterscheiden? CDs anbieten geht im Internet einfacher. Ich glaube, die Händler sind gut beraten, wenn sie ihre Produkte fern vom Internet auf eine Weise darstellen, wie es im Internet eben nicht möglich ist.

Andererseits ist es gerade für kleinere Labels sehr gut, die Möglichkeit zu haben, übers Internet CDs zu verkaufen, weil der kleine Händler ja nicht jede CD vorrätig hat …

… na, das ist klar; das steht außer Frage. Unsere CDs kann man ja auch in allen wichtigen Internet-Stores bekommen. Das ist richtig und wichtig. Aber ich bin ganz allgemein nicht überzeugt davon, dass das irrwitzige Tempo, mit dem wir glauben leben zu müssen, wirklich gut für Körper und Seele ist. Ich würde mich eher freuen, wenn sich alles mal ein bisschen beruhigen würde. Man muss nicht immer alles gleich am nächsten Tag haben. Wenn ich eine CD kaufe, muss ich die nicht Minuten später mit einem verschwitzen Boten an der Tür haben. Insofern wäre es aus meiner Sicht besser, wenn sich das Verkaufen einiger Artikel wieder mehr vom Internet weg verlagern würde.

Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Internet im Bereich des Journalismus im Allgemeinen und der Musikkritik im Besonderen?

Dass wir auf klassik.com zugegangen sind, insbesondere wegen unseres zwanzigjährigen Jubiläums, zeigt schon, dass wir das, was Sie repräsentieren, wichtig finden und ernst nehmen. Ich glaube, der wichtigste Effekt des Internets ist das Verbreiten von Informationen. Das ist wirklich gut, weil kein Printmedium so schnell und so aktuell sein kann. Insofern begrüße ich das und unterstützte es auch, weil letztlich das Informationsangebot immer größer sein wird als ein Printmedium erfassen kann.

Bleibt die Schwierigkeit für den Nutzer, seriöse Medien von Inhalten zu unterscheiden, die, nur notdürftig als Rezension getarnt, im Grunde PR-gesteuerte Inhalte sind.

Das liegt in der Natur des Internets, das kann man nicht verhindern. Wir haben in der Vergangenheit eine Zeit lang versucht, möglichst viele Journalisten zu bemustern und alle zu informieren. Aber wir werden uns befleißigen müssen herauszufinden, wer seriös ist. Wir reduzieren jetzt unsere Medien-Partner sehr stark auf jene, von denen wir überzeugt sind, dass sie seriös und fair sind.

Sie haben anlässlich Ihres Firmenjubiläums einige NCA-Titel für das klassik.com Gewinnspiel ausgewählt. Wie kamen Sie zu dieser Auswahl an CDs?

Ich habe versucht, erst einmal unsere Neuheiten ins Gespräch zu bringen. Denn das ist das, was uns tagesaktuell auszeichnet. Und dann habe ich natürlich auch darauf geachtet, dass wir Titel dabei haben, die sicherlich nicht nur für den Spezialisten von Interesse sein können.

Welche Ideen haben Sie für (realistische) zukünftige Projekte und für schwieriger realisierbare Produktionen?

Oh, ich habe immer wahnsinnig viele Ideen! Ein Traum wäre, eine Möglichkeit zu schaffen, unsere ‚Topstars‘ von NCA – z. B. das Gewandhaus-Quartett, Martin Haselböck mit Orgel, Andrej Hoteev mit Klavier, Magdalena Kaltcheva mit Gitarre –zu fusionieren mit einem eigens für diese Besetzung komponierten Stück. Das könnte sicherlich etwas Erstaunliches bieten. Einen anderen Traum habe ich im Bereich der Neuen Musik, da ich als Komponist selber Interesse daran habe, dass zeitgenössische Musik verbreitet wird. Das ist äußerst schwierig, denn die Käuferschar ist sehr klein. Aber mein Traum wäre, neben den Streichquartetten von Beethoven und Mendelssohn auch Quartette etwa von Paul-Heinz Dittrich im Repertoire zu haben. Ob sich dieser Traum umsetzen lässt, weiß ich nicht. Solche speziellen Sachen erfordern viel Vorarbeit und besondere Partnerschaften. So etwas ist heute nicht mehr so einfach umzusetzen wie früher.

Gibt es etwas, was für Sie als Produktion überhaupt nicht infrage kommt?

Das kann man so nicht sagen. Ich habe auch in meiner Geschichte verschiedene Angebote gehabt, bei denen ich gezögert habe; da war selbst mein Wagemut erschöpft. Ich würde ganz entschieden nichts machen, was nur technische Ansprüche bedient. Leichtathletik in der Kunst finde ich nicht sehr interessant. Ich bin bereitwillig und sofort dabei, grenzüberschreitend zu arbeiten. Wir sind etwa gerade dabei, eine Lizenz vom WDR vorzubereiten mit dem Titel ‚Handel’s Delight‘. Hier sind Jazz-Arrangeure an Händel-Werke herangegangen, und damit sind wir natürlich absolut in einer stilistischen Grauzone. Aber damit habe ich überhaupt kein Problem. Insofern würde ich nichts von vornherein grundsätzlich ausschließen. Das wäre auch verkehrt, denn es ist ja mein Plan, ungewöhnliche Wege zu beschreiten.

Welche Gefühle verbinden sich beim Rückblick auf 20 Jahre NCA?

Erst einmal bin ich froh, dass es uns noch gibt, dass wir uns von Vorkommnissen innerhalb dieser 20 Jahre, die sich auf den Tonträgermarkt durchaus negativ ausgewirkt haben, nicht haben unterkriegen lassen, dass wir tapfer waren und die Probleme durchgestanden haben, auch wenn es kompliziert wurde. Ich bin auch deswegen ein klein wenig stolz darauf, dass es uns noch gibt, weil es beweist, dass wir etwas machen, was eine gewisse Wertigkeit hat. Und ich bin froh, Leute an meiner Seite zu wissen, die schätzen, was wir tun und das auch in vielerlei Hinsicht unterstützen.

Das Gespräch führte Dr. Tobias W. Pfleger.
(10/2012)

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