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Samstag, 30. August 2014

Photo: Festival of Polish Music

Krakau feiert das Polnische Musikfest 2012

"Der Welt und Polen"


Als einziges unter den Musikfesten des Landes ist das Festiwal Muzyki Polskiej ausschlielich heimischen Komponisten gewidmet. Im Laufe der vergangenen Jahre sind zahlreiche Berhmtheiten aufgetreten, darunter Midori, Ivo Pogorelich und das Kronos Quartett. Auch die reiche polnische Jazz-Szene war vertreten, so in Person Tomasz Stankos, Leszek Mozdzers und des bekanntesten Krakauer Musikers, Nigel Kennedy. Daniel Krause ist fr klassik.com nach Krakau gereist, um vom Abschluss des Festivals zu berichten.

Die kleinere Hauptstadt

Krakau ist neben Warschau eines der attraktivsten Ziele des polnischen Stdtetourismus. Whrend des goldenen Zeitalters im 16. Jahrhundert diente es Polens Knigen als Residenz. Der Glanz dieser Epoche ist bis heute sichtbar. Die prachtvolle Altstadt blieb intakt, weil die sowjetische Armee Krakau nach einem halben Jahrzehnt deutscher Herrschaft 1945 befreite, bevor es wie Warschau von den Besatzern zerstrt werden konnte. So gleicht Krakau bis heute einem kleineren Prag. Darber hinaus ist es Sitz eines strahlkrftigen Konservatoriums und respektabler Orchester sowie einer der bedeutendsten Festivalorte Polens: Unter Krakaus Kulturveranstaltungen ragen das Festival zeitgenssischer Musik Sacrum Profanum und das Barockfestival Opera rara heraus. Seit 2005 besteht das durch die Stadt Krakau und das Kultusministerium finanziell untersttzte Polnische Musikfest, Festiwal Muzyki Polskiej, 2012 fand es zum achten Mal statt.

Wider die Krise

Nichtsdestoweniger hat die europische Finanzkrise trotz gnstiger nationaler Konjunktur auch Polens Kulturinstitutionen erreicht. So ist das Musikfest 2012 weniger glamours als in frheren Jahren ausgefallen. Wurden in der Vergangenheit Weltstars wie Ivo Pogorelich, Midori oder das Kronos Quartett eingeladen, um die universelle Ausstrahlung polnischer Musik zu dokumentieren, greift man gegenwrtig auf heimische Interpreten zurck. Musikalisch muss dies kein Nachteil sein, denn Polens Konservatorien gewhrleisten eine hervorragende Ausbildung. Dass die Berliner Philharmoniker ein halbes Dutzend polnischer, darunter Krakauer Musiker beschftigen, ist kein Zufall. So kann das Festiwal Muzyki Polskiej zur Leistungsschau heimischer Ausbildungssttten geraten. Zur Programmatik des Fests gibt Mateusz Borkowski, Pressesprecher, zu bedenken, dass nicht zuletzt solche Kompositionen angesetzt werden, die auch in Polen vernachlssigt werden. So wurde 2012 die halb vergessene wildromantische Oper Roman Statkowskis, Maria, wiederaufgefhrt.

Ein Jubilar

Ein weiterer Hhepunkt war das Festkonzert zum achtzigsten Geburtstag Wojciech Kilars, der als bekanntester lebender Komponist Polen angesehen werden darf. Dies mag Kilars zugnglichem, kontemplativ minimalistischem Stil geschuldet sein, vor allem aber seinem Wirken als Filmkomponist fr Roman Polanski (Der Tod und das Mdchen, Die neun Pforten, Der Pianist), Francis Ford Coppola (Bram Stokers Dracula) und Jane Campion (Portrait of a Lady). Zu Kilars Ehren brachte Beata Bilinska am 20. Juli in der Krakauer Musikhochschule dessen Zweites Klavierkonzert zu Gehr. Das Werk thematisiert die katastrofa smolenska, den Absturz der polnischen Prsidentenmaschine beim Flughafen von Smolensk am 10. April 2010. Liegeklnge, Akkordrepetitionen, Volksliedanmutungen, Tanz- und Trauermarschrhythmen erzeugen Kilars typischen, zwischen Minimal Music, polnischem Kolorit und Hollywood schillernden Klang. Den Orchesterpart bernahm das fhrende Kammerorchester der Stadt, die Sinfonietta Cracovia. Whrend der vergangenen zwanzig Jahre hat der Klangkrper betrchtliches Ansehen erworben und zahlreiche CD-Produktionen, unter anderem mit Rudolf Buchbinder und Peter Wispelwey, vorgelegt. Unter der Leitung Krzysztof Pendereckis gediehen ein hohes Ma stilistischer Wandelbarkeit; intime Vertrautheit mit Neuer Musik und die wichtigste Tugend jedes Kammerorchesters, die Fhigkeit zuzuhren. Kilars Klavierkonzert, zuvor sein Choralvorspiel, wurden in beispielhafter Transparenz, mit Sinn fr leise wie mchtige Tne und imponierend homogenem Mischklang, ohne Hektik und aufgesetztes Kunstwollen, entfaltet. Robert Kabara fhrte das Ensemble mit sparsamen, klaren Gesten. Bilinska verstand es, den ausnehmend krftigen, klangvollen Steinway-Flgel im beinahe berakustischen Raum intelligent abzutnen. Sie stellte Ausdrucksdisziplin und Gelassenheit unter Beweis. Mit dem kongenial sekundierenden Orchester gelang es, Steigerungen erstehen zu lassen, deren Ursprung in auermenschlichen, naturhaften Gesetzmigkeiten begrndet schien. Wojciech Kilar wurde namens der Polnischen Gesellschaft fr Musik mit der Zlota Polska Muza, der Goldenen Polnischen Muse, ausgezeichnet, die fr Verdienste um das Ansehen polnischer Musik in der Welt verliehen wird. Es spricht fr die Weisheit der Veranstalter und Kilars Groherzigkeit , dass whrend der ersten Programmhlfte schwierige Werke wenig bekannter Komponisten aufgefhrt worden waren. Die Sinfonietta Cracovia musizierte Zygmunt Krauzes Aus aller Welt stammend fr 10 Streicher (1973). Krauze macht Anleihen bei Ligetis Klangflchen, mikrotonaler und Konkreter Musik. Die Intonationssicherheit der Musiker wurde aufs Hchste gefordert. Zuvor war Roman Palesters Nokturn na orkiestre smyczkowa (Nocturne fr Streichorchester) musiziert worden. Dieses ist 1947 entstanden, als Palester ins westliche Ausland, nach Frankreich, spter Deutschland, emigrierte. Stilistisch platziert es sich zwischen Atonalitt und Impressionismus. Dessen ungeachtet werden mancherlei sffige, sangbare Phrasen vernommen. In der Verbindung avantgardistischer Kompositionsweisen mit populren Elementen ist das Nokturn charakteristisch fr Polens Moderne. Sinfonietta Cracovia berzeugte mit durchsichtigem Musizieren, Homogenitt und Lust am Klang.

Kunst und Kindlichkeit

In der Aula der Universitt Krakau wurden am Folgetag Karol Szymanowskis zwanzig Rymy dzieciece (Kinderreime) op. 49 fr Sopran und Klavier aufgefhrt. Melodisch und rhythmisch sind sie nah an der gesprochen Sprache entwickelt, besonders an Intonationsmustern von Kindern. Oft scheint das Vorbild Mussorgsky durch, dessen Zyklus Detskaja (Kinderstube) das Genre des Kinder-Kunstlieds geprgt hat. Feinnervige, kleingliedrige Bildung der Themen und eine kunstvolle Verbindung frhlicher, trauriger, berschwnglicher Stimmungen verleihen dem Zyklus besonderen Reiz. Elzbieta Szmytka war als Muttersprachlerin prdestiniert, die Lieder Szymanowskis wort- und sinngetreu, mit unfehlbarer Lippen- und Zungengymnastik wiederzugeben. Unter der hohen hlzernen Decke der Aula verstand sie, ihren sicher beherrschten Sopran musterhaft zu entfalten. Szmytka beeindruckte mit mhelosem Registerwechsel, instrumentaler Stimmfhrung, bruchlosem messa di voce und gediegener Atemtechnik. Mit Leichtigkeit wechselte sie vom Parlando zu ariosen Phrasen, von halber zu voller Stimme, von rascher Attacke zum blhenden Legato. Die heiklen wie hufigen Nasale des Polnischen wurden vorbildlich gemeistert. Auch brachte Szmytka, ohne Anbiederung, Anmutungen kindlicher Naivitt zuwege. Mit Levente Kende als zurckhaltendem, aufmerksamem Begleiter gelang eine mastbliche Darstellung des schwierigen Werks. Nach der Pause wurden einige der ppig melodisen, chromatisch schillernden Lieder Mieczyslaw Karlowiczs geboten, der zu Polens begabtesten Sptromantikern zhlt. Szmytka und Kende wussten sich dem vernderten emotionalen Klima anzuverwandeln. Sie schlugen dunkle, schwelgerische Tne an und bildeten weite, sicher gegliederte Legato-Zusammenhnge. Mit Elzbieta Szmytkas Auftritt hatte es eine besondere Bewandtnis, wie Mateusz Borkowski erlutert. Dies war ihr erstes Krakauer Recital seit mehreren Jahrzehnten. Dass die im Ausland erfolgreiche, wiewohl in der Heimat wenig bekannte Sngerin lange Zeit keine Gelegenheit fand, am einstigen Studienort solistisch in Erscheinung zu treten, darf als kuriose Fgung der Geschichte gelten. Die Hrer schienen der Bedeutung des Moments bewusst. Sie spendeten Szmytka den verdienten begeisterten Beifall.

Abschluss mit Oper

Ein groer, reprsentativer Saal zhlt nicht zu den Trmpfen der Stadt, aber in wenigen Jahren wird Krakau - wie Kattowitz und Breslau - eine neue Konzerthalle erhalten. Bis dahin mssen sich die Melomanen mit einem halbmodern historisierenden Versammlungsraum der Zwischenkriegszeit (Filharmonia Krakowska) begngen, der im Inneren einem verkleinerten Nachbau des Wiener Konzerthauses hnelt. Hier fand am Abend mit Roman Statkowskis halb vergessener Oper Maria (1904) das Abschlusskonzert des Festivals statt. Statkowski, ein Schler Anton Rubinsteins, ist reich gesegnet mit koloristischen Mitteln und sptromantischem Sentiment. Mit anderen polnischen Komponisten der Teilungszeit verbindet ihn das emsige Bemhen, durch folkloristische Anklnge nationale Identitt zu beschwren. Oft wird er als Bindeglied zwischen Moniuszko, dem hochromantischen Nationalkomponisten, und Szymanowksi, dem Hauptvertreter klassischer Moderne, angesehen. Sein Dreiakter Maria grndet auf einem Versepos Antoni Malczewskis, das vom Geschick einer jungen Frau niederer Herkunft berichtet, die an Dnkel und Gier ihrer Umgebung zerbricht und auf Gehei des Schwiegervaters umgebracht wird. Ihr Gemahl, Waclaw, schwrt Rache. So sind in Maria zahlreiche Ingredienzien Schwarzer Romantik vereint, das Kolorit des Mittelalters inklusive. Die Handlung wird in den Fernen Osten des polnischen Knigreichs, die heutige Ukraine, entrckt, um ein dster exotisches Ambiente zu schaffen.

Ein Sngerfest

Den Interpreten ist es aufgegeben, durch disziplinierte Agogik und Phrasierung, Vermeidung des Extrems und saubere Handwerklichkeit zu verhindern, dass Maria zum Schauermrchen abgleitet. Im Fall des Gelingens kommen Statkowskis dankbarer Vokalstil, melodische Eingebungskraft, effektvolle Instrumentierung und rhythmische Differenziertheit zur Wirkung so am Abend des 21. Juli, der dem achten Festiwal Muzyki Polskiej einen wrdigen Abschluss schuf. Das Krakowska Orkiestra Festiwalowa, ad hoc aus Krakauer Musikern rekrutiert, bewerkstelligte unter dem Dirigat Tomasz Tokarczyks eine metiersichere Auffhrung mit gesanglichen Celli, kernigem Streicherchor und motorischem Furor. Am berzeugendsten gerieten die zahlreichen markigen Ausbrche des Tutti. Nichtsdestoweniger war es ein Abend der Snger. Das halbe Dutzend Darsteller agierte rollendeckend und auf hohem technischem Niveau. Allesamt polnische Muttersprachler, garantierten die Snger ein hohes Ma an Textverstndlichkeit. Dies gilt nicht minder fr den Krakauer Chor des Polnischen Rundfunks. Tomasz Kuk gefiel als Waclaw mit durchdringendem, sauber gefhrtem, hhensicherem Tenor. Wioletta Chodowicz erfllte die Partie der Maria mit Leidenschaft, ohne Exzessen anheimzufallen. Intonation, Sttze, Stimmfhrung, Registerwechsel und Spitzentne waren untadelig. Im brigen verfgt Wioletta Chodowicz ber darstellerische Ressourcen, die eine Bhnenkarriere unvermeidlich scheinen lassen. Lngst ist sie in Polen ein Star, ihr Rollenportrt der Maria ist beim Polnischen Rundfunk dokumentiert. Chodowicz ist eine internationale Karriere zu wnschen dem Festiwal Muzyki Polskiej Aufmerksamkeit in der musikalischen Welt, besonders in Deutschland, das, eine halbe Flugstunde von Krakau, Polen so nah und im Guten wie Bsen vielfltig verbunden ist.

Das Gespräch führte Dr. Daniel Krause.
(08/2012)

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