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Freitag, 24. Oktober 2014

Photo: Marek Vogel

Der Dirigent Alexander Liebreich ber Wahrheit, Kunst, Buddhismus und Bildung.

"Dann geschieht musikalische Wahrheit"


Alexander Liebreich leitet seit 2006 das Mnchner Kammerorchester. Die Presse apostrophiert ihn als spannendsten und interessantesten Dirigenten in der an dirigentischer Prominenz nicht armen Stadt Mnchen. Seine Markenzeichen sind stilistische Wandelbarkeit zwischen Barock und Moderne, durchdachte Programme, gesellschaftliches Engagement und Veranstaltungsformate, die Musik in musikferne Milieus tragen. Vor seinem erstmaligen Auftritt beim Bonner Beethovenfest sprach klassik.com-Autor Daniel Krause mit Liebreich ber Musik und das grere Ganze, Kunst und die spirituelle Erfahrung zwischen Mnchen, Katowice und der digitalen Welt.

Herr Liebreich, in Mnchen erhitzen sich die Gemter an der Frage, ob fr das Symphonieorchester des ffentlich-rechtlichen Senders Bayerischer Rundfunk ein neuer Konzertsaal zu errichten ist. ber die Frage, ob fr das Mnchner Kammerorchester ein Probenraum aufgetan werden kann, wird vergleichsweise wenig gesprochen obwohl dieser ntiger ist als der Konzertsaal. Gibt es ein Wahrnehmungsproblem seitens der Medien, seitens der politischen Klasse? Wird das Mnchner Kammerorchester in Mnchen unterschtzt?

Nein, das glaube ich nicht. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass auch das Mnchner Kammerorchester von einem neuen Konzertsaal profitieren knnte. Im brigen liegt mir als Mnchner und Bayer das kulturelle Leben dieser Stadt sehr am Herzen. Fr Mnchen ist es wichtig, einen guten, brauchbaren Konzertsaal zu erhalten. Nichtsdestoweniger trifft es zu, dass der fehlende Probenraum fr das MKO ein existenzielles Problem darstellt und diese Debatte besondere Dringlichkeit besitzt. Die Wahrnehmung der beiden genannten Orchester ist in der Tat unterschiedlich. Wir sind weder eine staatliche noch eine stdtische Institution, ebenso wenig dem Rundfunk verbunden, daher in hohem Mae unabhngig und frei in unseren Entscheidungen. Andererseits tritt, wenn das MKO bedroht ist, nicht automatisch ein politischer Frsprecher auf den Plan, der sich die Anliegen des Orchesters zu Eigen macht. In knstlerischer Hinsicht besteht aber kein Wahrnehmungsproblem. Die Leistungen des MKO werden auch in Mnchen angemessen gewrdigt.

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Herr Liebreich, Sie amtieren seit 2006 als Chefdirigent des Orchesters. Wie wrden Sie die klangliche und programmatische Entwicklung des Ensembles whrend der vergangenen Jahre charakterisieren?

Es liegt mir fern zu behaupten, dass MKO sei schlechterdings besser geworden. Es war immer ein sehr gutes Orchester. Ich glaube aber, durch mich ist ihm neue Beredsamkeit und physische Prsenz zugewachsen, auerdem ein gesteigertes Gefhl knstlerischer Eigenverantwortlichkeit. Mein Vorgnger Christoph Poppen ist Geiger. So konnte er nah am Instrument argumentieren, viele Details der handwerklichen Umsetzung aus eigener Kenntnis erlutern. Ich selbst bin Snger, muss daher anders vorgehen. Das kann ein Vorteil sein, weil die Musiker auf sich selbst verwiesen und gehalten sind, Verantwortung zu bernehmen. Ich jedenfalls empfinde, dass das MKO whrend der vergangenen sechs Jahre weit physischer geworden ist. Dies ist natrlich auch darauf zurckzufhren, dass neue, junge Musiker hinzugekommen sind, hufig aus Quartett-Formationen oder auch dem Mahler Chamber Orchestra. Auerdem haben wir einen exzellenten Blserstamm aufgebaut, unter anderem mit Gsten vom Symphonieorchester des BR und vom Concertgebouw Orchester. Ihr hohes Niveau spornt auch die fest angestellten Streicher zu Hchstleistungen an. So haben wir in gemeinsamer Arbeit ein neues Selbstverstndnis aufgebaut. Wir befinden uns inzwischen, was die Intensitt der Proben und unsere technischen Voraussetzungen betrifft, auf Top-Niveau. Was das Repertoire betrifft, haben wir uns verstrkt sinfonischem Repertoire, bis hin zu Beethoven-, Schubert- und Brahms-Sinfonien, zugewandt. Diese knnen kammermusikalisch dargestellt werden. Auch in dieser Hinsicht stellen wir gesteigerte Ansprche an uns selbst.

Sie haben von der physischen Seite des Musizierens gesprochen. Im Dokumentarfilm Pyongyang Crescendo, ist zu erleben, wie sie nordkoreanischen Studenten das Dirigieren beibringen. Darunter einer gewissen Frau O, die, musikalisch hochtalentiert, Schwierigkeiten hat, ihr Talent zum Ausdruck zu bringen. Frau O dirigiert das Adagietto aus Mahlers Fnfter Sinfonie, als sie ihr eine schwer beladene Reisetasche in die Linke drcken. Dadurch verndern sich Krperspannung und Ausdrucksfhigkeit erheblich. Knnten Sie andeuten, wie dies auf das musikalische Ergebnis wirkt?

Die Wirkung ist eine sehr starke. Ich mchte aber kein choreographisches oder eurhythmisches Dirigieren propagieren. Auch wer krumm und bucklig ist, kann eine enorme dirigentische Ausstrahlung entwickeln. Mich hat jedenfalls immer interessiert, was der Krper ausdrckt. Whrend meines Studiums allerdings habe ich jede Kategorisierung dirigentischer Bewegungsformen rigoros abgelehnt. Ich habe die Hochschule gewechselt, um nicht den eigenen Bewegungsablauf vor dem Spiegel studieren zu mssen. Diese choreographische Auffassung vom Dirigieren finde ich bis heute vllig verfehlt. Es geht um ein geistig-krperliches Ganzes des Ausdrucks, das, je nach Persnlichkeit, sehr unterschiedlich ausfallen kann. Weil ich mit vierzehn begonnen habe, Chor zu dirigieren, bin ich frh mit solchen Problemen vertraut geworden. Ich denke, die Arbeit mit Sngern erleichtert es, das Physische des Musizierens zu erleben und eine gewisse Klangspannung zu erzeugen. Es handelt sich um eine Wirklichkeit des Musizierens, die alle beteiligten Musiker gemeinsam herzustellen versuchen. Mit Pathos und Inspiration, mit der Heroen- und Kmpferpose einiger Dirigenten hat das nichts zu tun. Piett und Bescheidenheit wren die richtigere Haltung. Fr mich entsteht Kunst dann, wenn eine grere Wirklichkeit entsteht, die alle Ausdrucksabsichten des Einzelnen, auch des Dirigenten, bersteigt. Dann geschieht, mit Celibidache gesprochen, musikalische Wahrheit. Es handelt sich um eine sozusagen buddhistische Erfahrung. Der Einzelne wird Teil eines bergreifenden Ganzen.

Ihr Konzert beim diesjhrigen Bonner Beethoven-Fest mit Salvatore Sciarrinos Auftragswerk Lideale lucente e le pagine rubate, Gyrgy Ligetis Violinkonzert und Beethovens 7. Sinfonie steht unter dem Motto Auf der Suche nach dem schmutzigen Klang. Was hat es mit schmutzigem Klang auf sich? Wie verhalten sich Schmutz und Schnheit zueinander?

Fr mich steht Schmutz metaphorisch fr Dialektik, fr Spannung, das Element des Zweifels und Konflikts, das schon der Themendialektik im Sonatenhauptsatz Beethovens eingeschrieben ist. Ich wrde es jedenfalls ablehnen, die Metapher Schmutz exklusiv auf Neue Musik zu beziehen. Es wre ganz und gar nicht in unserem Sinn, wenn die Arbeit des MKO in zwei Hlften geteilt wrde hier der edle Beethoven, dort der schmutzige Sciarrino. Fr die Musik aller Epochen gilt, dass sie niemals blo glatt und gefllig ist, sondern Elemente der Irritation und des Konflikts enthlt. Was die klangliche Seite betrifft, setzen wir bei Beethoven allgemein gerne Naturinstrumente ein. Dies kann einen holzigen Klang zur Folge haben, wenn etwa Naturhrner stopfen oder rotzig klingen oder Pauken hell wie Trommeln sind. Dieser holzige, physische Klang ist interessanter und weniger steril als klangliche Glttung. Das Gerusch ist generell von groer Bedeutung fr die Musik. Schlielich geht es nicht um Sinustne. Erst durch Obertne und geruschhafte Anteile wird das Wunder der Musik ermglicht. Mit unverbindlichem Weichklang kann ich nichts anfangen. Wir agieren auch bei Beethoven historisch informiert, allerdings verzichten wir aus praktischen Grnden auf Darmsaiten. Was den Kammerton betrifft, so spielen wir beim MKO auf 442 Hz, es sei denn, wir haben auf die Stimmung eines Soloinstruments Rcksicht zu nehmen oder der Komponist schreibt eine abweichende Stimmung vor, was in Neuer Musik hufig vorkommt.


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Herr Liebreich, ist das Element der Spannung, des Konflikts auch fr die Zusammenstellung Ihrer Programme mageblich, beispielsweise beim Beethovenfest?

Spannung, dialektische Entwicklungen sind wesentlich innerhalb des einzelnen Musikstcks, innerhalb eines Abendprogramms, der ganzen Saison und eines ganzen Lebens. Mein Problem ist, dass ich mich sehr schnell langweile. Deshalb versuche ich, immer wieder Neues zu unternehmen. Ich versuche, Orchester und Publikum an diesen Unternehmungen teilhaben zu lassen. Dabei ist die Gegenberstellung von Alt und Neu in keiner Weise pdagogisch motiviert. Ich finde es schlichtweg nicht spannend, fnf oder sechs Urauffhrungen aus dem einzigen Grund nebeneinanderzustellen, dass es Urauffhrungen sind. Und auch die thematischen Vorgaben eines Programms mssen sofort zur Disposition gestellt werden, wenn Langeweile aufkommt. Das einzig Wichtige ist, dass gute Musik auf dem Programm steht. Wenn die Musik gut ist, wird sie berzeugen und Interesse auch fr den thematischen Rahmen wecken. Ist sie schlecht, wird auch der Rahmen hinfllig.

Mit Beginn der Saison 2012/2013 werden Sie Chefdirigent beim Nationalen Rundfunksinfonieorchester Katowice in Polen. Sie werden hufig darauf angesprochen, dass Sie seit 1945 der erste Deutsche in einer solchen Position sind, der erste wohl seit Hans Swarowsky, der, ein gebrtiger sterreicher, als Reprsentant der deutschen Besatzungsmacht bis Januar 1945 als Chefdirigent der Krakauer Philharmonie wirkte. Sie weisen allerdings darauf hin, dass diese geschichtlichen Hintergrnde fr Ihre musikalische Arbeit in Polen keine Rolle spielen. Die Nachkriegszeit scheint also vorber zu sein

Was mich betrifft, so kann ich keine Vergangenheitsbewltigung leisten. Selbstverstndlich muss Erinnerung, muss geschichtliches Bewusstsein bestehen und fr immer bestehen bleiben. Fr mich gilt dies umso mehr, als meine eigene Urgromutter in Auschwitz umgekommen ist. Fr die musikalische Arbeit in Katowice ist das jedoch ohne Belang. Von mir wird erwartet, dass ich helfe, dieses Orchester national und international zu positionieren, seine Sichtbarkeit zu gewhrleisten, Tourneen zu den Zentren des musikalischen Lebens zu unternehmen und die finanziellen Bedingungen der musikalischen Arbeit zu sichern, die in einem ehemaligen Ostblockland ganz andere sind als in Deutschland, dessen Orchester ohnehin grozgiger subventioniert werden als etwa englische oder polnische. Andererseits muss man sehen, dass gerade in Polen viel in Musik investiert wird. Katowice, Breslau und Krakau bauen neue Sle, und gerade das Rundfunkorchester in Katowice gehrt zu den besten und am besten finanzierten Orchestern im Lande. Meine wichtigste Aufgabe ist, sicherzustellen, dass die Fhigkeiten dieses Orchesters auch im Ausland zur Kenntnis genommen werden.

Wrden Sie sagen, Polen wird in Deutschland richtig wahrgenommen? Oder besteht ein anachronistisches Polenbild?

Es stimmt, das deutsche Polenbild ist anachronistisch, wie umgekehrt auch das polnische Deutschlandbild: Ich finde, Deutschland ist ein erfrischend positives Land, mit einer positiven Ausprgung von Demokratie, in der nicht alles, aber im Vergleich zu anderen Lndern sehr viel funktioniert. Das gilt im brigen auch fr Polen. Ich glaube, in Polen hat die demokratische Weltsicht tiefe Wurzeln. Auch whrend des Kalten Kriegs gab es demokratische Ideen. Das gilt nicht zuletzt fr den kulturellen Bereich. Mit dem Warschauer Herbst wurde zu kommunistischer Zeit ein Forum fr internationale Avantgardemusik geschaffen. So etwas wre in keinem anderen Ostblockland denkbar gewesen.

Herr Liebreich, Sie haben den Warschauer Herbst erwhnt. Aus deutscher Sicht ist es ganz und gar nicht selbstverstndlich, dass das grte Musikfest eines Landes zeitgenssischer Musik gewidmet ist. Findet Musik des 20. Jahrhunderts in Polen mehr Aufmerksamkeit als in Deutschland? Immerhin ist der grere Teil kanonischer Orchesterliteratur zwischen Szymanowski, Lutoslawski und Penderecki berhaupt erst im 20. Jahrhundert entstanden. Ist die polnische Neue Musik zugnglicher, eingngiger als die westeuropische Avantgarde nach Art der Darmstdter Ferienkurse?

Ich wrde westliche Neue Musik nicht pauschal mit Darmstadt gleichsetzen wollen. Dass Penderecki nicht dem Darmstdter Umfeld angehrt, ist zweifellos richtig. Das zeigt sich auch an der spirituellen, christlichen Prgung seiner Musik. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich alle seiner Werke goutiere. Entscheidend ist der Respekt vor der Lebensleistung eines Mannes, der fr sein Land ungeheuer viel bewirkt hat. Ich persnlich bin ein groer Fan Lutoslawskis. Ihn halte ich fr den grten polnischen Komponisten und ein wahres Genie, gerade in seiner Klarheit und Klassizitt. berhaupt fllt mir auf, dass in Polen und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks ein starkes Bildungsbewusstsein besteht, ein Kanon kulturellen Wissens, dem auch die Neue Musik angehrt. Nicht zufllig hat Penderecki durch zwei Jahrzehnte die Krakauer Musikakademie geleitet. In seiner Person hat die Neue Musik tief in die polnische Musik hineingewirkt. hnliches liee sich schon im 19. Jahrhundert fr die russische Gesellschaft zeigen. Denken Sie an Rubinstein oder Rimski-Korsakow. Auch zu Zeiten des Kalten Krieges hatte ich den Eindruck, dass Intellektuellen und Knstlern in den osteuropischen Gesellschaften ein anderer Status zukam als im Westen, dass eine intellektuelle Durchdringung der Gesellschaft stattfand, whrend im Westen eine geradezu verstrende Dumpfheit herrschte, die hufig und zu Unrecht Amerika zugeschrieben wurde. Allgemeinbildung spielte im Westen kaum eine Rolle, in Osteuropa wird der Bildungskanon hoch gehalten. Das finde ich toll.

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Im Geleitwort zum Saisonprogramm 2011/2012 des Mnchner Kammerorchesters, die unter dem Motto Ostwrts steht, sprechen Sie von weltanschaulich-religisen Energien osteuropischer Musik, die westlicher Musik la Darmstadt fehlen. Wie wrden Sie das Verhltnis von Religion und Musik beschreiben? Gibt es in der Musik eine Ebene religiser Erfahrung, die konfessionell nicht festgelegt ist und Atheisten offen steht?

Ich wrde es vorziehen, von Kunst, nicht Religion zu sprechen. Zentral ist die Erfahrung, dass der Einzelne sich in einer greren Wahrheit aufhlt. Diese Erfahrung knnte man allenfalls als spirituell bezeichnen. Wer von diesem greren Ganze von vornherein nichts wissen mchte, nur das empirisch Feststellbare gelten lsst, wird zu Kunst keinen Zugang finden. Das gilt fr den Musiker selbst wie fr den Hrer. Das religise Brimborium, das manchmal hinzugetan wird, wirkt auf mich eher furchteinflend und abstoend. Aber darum geht es nicht. Sowohl bei Tigran Mansurjan, einem Orthodoxen, als auch beim Katholiken Penderecki, bei Anton Bruckner wie bei Gustav Mahler geht es um die Zugehrigkeit zu einem greren Ganzen. Das gilt sogar fr Richard Wagner, dessen Auseinandersetzung mit dem Mythos hnlich begrndet sein drfte. Es ist bei alledem gleichgltig, welcher Konfession, welcher Kirche ein Komponist angehrt. Was den sogenannten Ostblock betrifft, so hat sich die spirituelle Seite der Kunst dort in der Tat besser behaupten knnen. Im Westen stand alles, was nicht erschpfend erklrt, rational aufgelst werden konnte, unter dem Verdacht des Unaufgeklrten, Rckwrtsgewandten. Damit ist die westliche, insbesondere deutsche Musik der Nachkriegszeit erheblich beschnitten worden. Wenn spirituelle Inhalte ausgedrckt werden konnten, dann allenfalls im Rihmschen Sinne, im Zeichen eines humanistischen Denkens in der Linie von Beethoven ber Thomas Mann zu Wolfgang Rihm. Erfreulicherweise hat sich das in der jngeren Vergangenheit etwas gendert. Im brigen gibt es auch im Fuball eine spirituelle Ebene, wenn etwa eine Welle durchs Stadion geht. Kurz gesagt: Erst dann, wenn eine Vision besteht, wird die Realitt spielbar.

Herr Liebreich, bitte gestatten Sie, einen letzten Gegenstand anzusprechen: das Internet und Onlinemedien. Auch das Mnchner Kammerorchester spielt CDs ein, und, wie man vermuten darf, werden auch diese in Internettauschbrsen verbreitet. Freuen Sie sich, dass Personen in den Genuss Ihres Musizierens gelangen, denen dies auf legalem Weg nicht mglich wre? Oder schmerzt es Sie, dass das Urheberrecht missachtet und dem Orchester mglicherweise wirtschaftlicher Schaden zugefgt wird?

Das Plattengeschft ist kein eintrgliches und nur mit Hilfe von Sponsoren und unbezahlten Dirigaten aufrechtzuerhalten. Wenn aus illegalen Kopien wirtschaftlicher Schaden entsteht, dann fr die Plattenfirmen. Was mich als Musiker betrifft, so decken die Einnahmen nicht im Entferntesten den Aufwand fr die Einspielung einer CD. Die Zeiten, in denen mit Schallplatten viel Geld verdient werden konnte, sind generell vorbei. Mag sein, dass es sich bei populren bis populistischen Aufnahmeprojekten anders verhlt. Wenn wir uns als Mnchner Kammerorchester entschlieen wrden, mit Anna Netrebko bei der Deutschen Grammophon Pergolesis Stabat Mater aufzunehmen, dann knnte dies auch ein kommerzieller Erfolg werden. Darber allerdings kann ich nichts sagen, denn so etwas interessiert mich nicht. Mein Anspruch ist ein anderer: Mit einer Aufnahme mchte ich musikalisch etwas vermitteln, von dem ich glaube, es ist wert, festgehalten zu werden und allgemein zugnglich zu sein. Wir haben also durchaus einige Aufnahmeprojekte, die uns am Herzen liegen. Das betrifft zum Beispiel Werke Schuberts oder das Mansurjan-Requiem, das wir selbst in Auftrag gegeben haben und einspielen mchten. Das sind allerdings nicht diejenigen Platten, die sich rasend verkaufen. Was das Internet betrifft, so erstelle ich dieser Tage meine persnliche Seite nach langem Zgern, denn fr mich gibt es eine Menge offener Fragen, was beispielsweise die Auswahl der Inhalte und Mglichkeiten zum Herunterladen betrifft. Grundstzlich bin ich der Meinung, dass das Internet eine enorme demokratische Kraft besitzt und den Zugang zu Informationen erleichtert. Auch die Kommunikation unter Knstlern wird vereinfacht, weil sie mhelos in Kontakt treten knnen, ohne den Umweg ber die Agenturen zu nehmen. Das Internet kann Menschen miteinander verbinden. Ich finde das angenehm und charmant. Die Diskussion um das Urheberrecht muss tatschlich gefhrt werden. Ich fr meinen Teil glaube, dass es in zehn Jahren keine CDs mehr geben wird, stattdessen Streams und Downloads. Dramatisch kann ich diese Entwicklung allerdings nicht finden.

Wie schtzen Sie die Qualitt des Musikjournalismus im Internet ein?

Ich schtze sie hoch ein. Durch Google Alerts informiere ich mich ber neue Inhalte im Netz. Dabei stelle ich fest, dass klassik.com groen Aufwand treibt, um auf serise, sorgfltige Weise ber das musikalische Geschehen zu informieren. Das betrifft sowohl die przise Formulierung der Texte als auch die optische Gestaltung der Seiten. Hier ist viel Liebe zum Detail sprbar. Ich finde so etwas schn. Gerade weil Onlineangebote groe Verbreitung finden, sollte man sich ber solche Fragen Gedanken machen. Im brigen ist das Internet fr mich besonders wichtig, weil ich hufig auf Reisen bin. So hre ich ber das Internet Radio, etwa den Deutschlandfunk, Bayern 4 Klassik und die Bundesligakonferenz auf Bayern 1.

Das Gespräch führte Dr. Daniel Krause.
(07/2012)

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