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Samstag, 23. Juli 2016

Photo: Emeline Pierre

Lavard Skou Larsen über die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein, das Dirigieren, Sergiu Celibidache, aggressive Vermarktung und das, was ihm bei Musik wirklich wichtig ist.

"Musik ist kein Business"


Hinter dem etwas sperrigen Namen Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein verbirgt sich ein Kammerorchester, das Musik von der Klassik bis zur Moderne auf hohem Niveau interpretiert. Der in Brasilien geborene Violinist Lavard Skou Larsen ist seit 2004 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Orchesters. Nicht immer steht er am Dirigentenpult, sondern leitet seine Musiker, so oft er kann, als Konzertmeister. Zusammen mit seinem Ensemble geht Skou Larsen regelmäßig auf Tournee und sorgt in letzter Zeit beim Label cpo für hochinteressante Einspielungen. Nach einem Konzert im Neusser Zeughaus sprach klassik.com-Autor Miquel Cabruja mit Skou Larsen über seine Karriere, das Dirigieren, Sergiu Celibidache, aggressive Vermarktung und das, was ihm bei Musik wirklich wichtig ist.

Herr Skou Larsen, ihr Name ist dänisch, Sie klingen wie ein Österreicher und geboren sind Sie in Brasilien.

Meine Wiege stand im südbrasilianischen Porto Alegre. Meine Mutter ist Brasilianerin mit deutsch-italienischen Vorfahren, mein Vater war Däne. Die ersten vier Lebensjahre verbrachte ich in meiner Heimatstadt, wo mein Vater eine Geigenschule unterhielt und dirigierte. Weil er sich musikalisch weiterbilden wollte, gingen wir schließlich nach Salzburg. So konnte er in Wien bei Hans Swarowsky Unterricht nehmen, während meine Mutter als Bratschistin unter Bernhard Paumgarnter bei der Camerata Salzburg spielte.

Klingt nicht gerade so, als hätten Sie eine wirkliche Alternative zum Musikerberuf gehabt.

Mein Vater kaufte mir die erste, kleine Geige, da war ich noch ein Embryo im Bauch meiner Mutter (lacht). Eigentlich wäre ich ja viel lieber Rennfahrer geworden. Inzwischen bin ich jedoch froh, dass es anders gekommen ist, denn als Rennfahrer müsste ich in meinem Alter wahrscheinlich langsam ans Aufhören denken. Ich habe es als Kind geliebt, mit meinem Vater Musik zu machen, denn für mich war er nicht nur ein wunderbarer Lehrer und Coach, sondern auch ein wirklicher Freund. Leider ist er mit nur 46 Jahren an einer schweren Krankheit gestorben. Ich war damals zwölf. Sein Tod war so ein Schock, dass ich die Geige ein Jahr lang nicht mehr anrühren konnte.

Wie fanden Sie nach diesem Schicksalsschlag zurück zur Musik?

Meine Mutter stellte mich vor die Wahl: Wir bleiben nur in Europa, wenn du mit dem Geigespielen wieder anfängst! So nahm ich Unterricht bei Dr. Helmut Zehetmair am Mozarteum. Ich war mit seinem Sohn Thomas und den Musikern vom Hagen Quartett in einer Klasse und spielte bei den Salzburger Musici, mit denen ich auch auf Tournee ging. Ich merkte früh, dass ich ein Talent dazu hatte, beim Musizieren die Richtung vorzugeben. Schließlich hatte ich schon unter meinem Vater als zehnjähriger Konzertmeister im Schulorchester gewirkt und stellte fest, dass man von Konzertmeistergagen ganz gut leben kann.

Copyright Melanie Stegemann

Wie konnten Sie diese Belastung mit der Schule vereinbaren?

Gar nicht! (lacht) Ich sprach deshalb mit meiner Mutter und sagte: Entweder ich gehe zur Schule oder spiele Geige. Meine Mutter war ratlos und rief meinen Großvater in Brasilien an. Der wollte nur wissen, ob ich einer der besten in der Geigenklasse sei. Da meine Mutter das bejahte, meinte er: Dann nimm ihn doch von der Schule und lass ihn Geige üben! Als ich dann mein Diplom bei Zehetmair abgeschlossen hatte, studierte ich postgraduiert bei Sándor Végh. Das war die wichtigste Zeit meiner Ausbildung und prägt mein Kunstverständnis bis heute. Vor Végh hatte ich Musik immer nur als Klangerlebnis empfunden. Durch ihn lernte ich, dass Musik etwas ist, das eine viel größere Bedeutung und Tiefe, einen religiösen Hintergrund, einen Sinn, eine Botschaft hat… Véghs Zusammenarbeit mit der Camerata Academica, sein bewusstes Artikulieren und Zelebrieren der Musik – all dass hat mich sehr geprägt.

Apropos Botschaft: Im Moment drängt sich bisweilen der Eindruck auf, dass Inhalte in der Musik weniger im Fokus stehen, als Aufführungspraxis und Notentext.

Nicht nur das. Es gibt die Pedanten, die unglaublich rumhacken, wenn man Bach mal auf einem modernen Instrument spielt, auch wenn man vielleicht hundertprozentig richtig artikuliert. Dann gibt es die anderen, die ihre Technik auf eine Art und Weise rauskehren, dass es fast schon pornografisch ist. Aber genau das wird von vielen aktuellen, berühmten Lehrern gefordert. Wir erleben Musik als Hochleistungssport, der noch dazu aggressiv vermarktet wird: Morgens geben berühmte Solisten eine Matinee in der einen Stadt, nachmittags ein Konzert in der nächsten und am Abend spielen sie dann noch an einem dritten Ort. Was soll das? Das sind doch keine Musiker. Sergiu Celibidache, der Végh sehr bewundert hat, probte mit seinen Münchner Philharmonikern, machte Konzerte bis zum Ende der Saison und fuhr dann nach Sizilien. Und da ist er dann für drei Monate auf seiner Insel gesessen und hat sich die Natur angesehen, Bücher gelesen und meditiert. Danach kam er voll mit geistiger Energie wieder zurück. Genau deswegen sind seine Konzerte auch bis heute unerreicht. Das war ein wirklicher Musiker. Musik ist etwas Transzendentes und kein Business.

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Wenn Sie von Transzendenz sprechen, aus welchen Quellen schöpfen Sie?

Ich bin generell ein spiritueller Mensch, vielleicht weil mein Vater starb, als ich noch sehr jung war. Meine Schwester ist Anthroposophin, ich lese auch gern Rudolf Steiner und bin davon überzeugt, dass die Wahrheit hinter der Illusion verborgen ist und darauf wartet, gefunden zu werden. Korrekte Noten ergeben lange noch keine gute Musik. Sie sind nur die Voraussetzung dafür. Jemand hat mal gesagt, dass man mit jedem guten Konzert, das man spielt, ein wunderschönes Bild im Himmel malt, das man nach seinem Tod anschauen kann. Daran glaube ich ganz fest. Auch wenn jemand zu Hause alleine spielt, bin ich davon überzeugt, dass immer zugehört wird. Es sind ja nicht nur Menschen anwesend, auch Verstorbene, Elementarwesen, Geister, Engel… Der Raum ist voll mit Leben, das wir normalerweise gar nicht wahrnehmen. Und jede schön gespielte Harmonie hat das Potential, den Zuhörer zu formen, in seinem Astralleib eine Saite zum Schwingen zu bringen.

Wann gründeten Sie Ihr erstes eigenes Orchester?

1991 gründete ich die Salzburg Chamber Soloists. Der entscheidende Impuls dazu ging von einem Freund, Alessandro Borgomanero, und seinem Bekannten, dem Geiger Rodolfo Bonucci, aus. Nachdem Bonucci vom Orchester der Accademia di Santa Cecilia eine Absage für eine Tournee in den USA erhalten hatte, kam er auf mich zu und fragte, ob wir die Konzerte nicht zusammen machen könnten. Das war für mich wie ein Ruf aus dem Jenseits: Mein Vater hatte in Salzburg ja ebenfalls ein Kammerorchester gegründet, das aber wegen seines frühen Todes nur ganz kurze Zeit Bestand hatte. Ich hatte den Eindruck, dass ich dort weitermachen sollte, wo er aufhören musste. Von 1996 bis 2002 war ich dann Konzertmeister und Leiter des European Union Chamber Orchestras in England. In 2011 bin ich übrigens auch zum Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt gewählt worden.

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Wie entstand der Kontakt zur Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein?

2004 kam nach einem Konzert der Salzburg Chamber Soloists in der Düsseldorfer Tonhalle der damalige Intendant der Deutschen Kammerakademie, Matthias Gawriloff, auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte, ein Projekt in Neuss zu leiten. Es gab dann einen kleinen Wettbewerb verschiedener Aspiranten, den ich gewann. Anfangs war es allerdings nicht so leicht – das ist wie bei einem Fußballtrainer, der irgendwo hingeht, ein paar Spieler mitbringt und andere auswechselt. Die anfänglichen Turbulenzen legten sich aber schnell, und jetzt genießen wir eine unglaublich harmonische Zusammenarbeit. Die Kammerakademie ist ein tolles und ausgesprochen sympathisches Orchester, das genau versteht, worauf ich hinaus will. Und mit unserem Orchestermanager Martin Jakubeit habe ich jemanden an meiner Seite, der musikalisch und organisatorisch mit mir auf einer Wellenlänge ist.

In Neuss begann auch Ihre eigentliche Karriere als Dirigent.

Zum Dirigieren hat mich Celibidache inspiriert. Ich habe zwar in Österreich hier und dort zum Taktstock gegriffen, aber richtig damit begonnen habe ich erst in Neuss. Und das geht inzwischen richtig gut. Wissen Sie, es gibt wenig echte Dirigenten. Eigentlich ist dieser Beruf noch nicht ausgereift.

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Der Beruf des Dirigenten ist ja auch noch nicht so alt…

…das stimmt. Ein Dirigent muss so vieles können, zu dem er gar nicht ausgebildet wird. Er muss Psychologe, Psychiater, Stratege, Theologe und ein Menschenkenner sein. Dem Bratschisten können Sie vielleicht etwas an den Kopf knallen, das den Geiger vollkommen aus der Fassung bringen würde. Ein Flötist ist möglicherweise so sensibel, so dass Sie ihn nur loben und allenfalls versteckt kritisieren dürfen. Man muss sich einfühlen. Genau das habe ich als Konzertmeister gelernt. Die meisten Dirigenten lernen das heute nicht mehr. Es geht doch nicht darum, dass man klar den Takt schlägt. Das ist Grundvoraussetzung, auch wenn viele Dirigenten selbst das nicht können. Was der da vorne pinselt, ist viel weniger wichtig, als dass man die Musiker dazu erzieht, aufeinander zu hören. Deswegen spiele ich auch, so oft es geht, als Konzertmeister zusammen mit meinen Orchestern.

Ihr Urteil ist sehr kritisch. Gehen Sie da überhaupt noch ins Konzert?

Äußerst selten. Nachdem ich Végh und Celibidache erlebt und gehört habe, ist das meistens sehr unbefriedigend. Bei den sogenannten normalen Orchestern und Dirigenten fällt so wahnsinnig viel unter den Tisch. Bei Konzerten von Spitzenorchestern und namhaften Dirigenten habe ich mich schon regelrecht zu Tode gelangweilt. Da höre ich mir lieber Barockensembles an.

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Welche Schwerpunkte setzten Sie bei Ihrer Arbeit mit der Kammerakademie Neuss?

Ich würde gern unsere Abos verdoppeln, und in Mönchengladbach und Viersen gibt es hervorragende Säle, in denen wir auch spielen könnten. Und natürlich fände ich es wunderbar, wenn wir stärker in Köln und Düsseldorf wahrgenommen würden. Immerhin liegt Neuss zwischen diesen Metropolen. Natürlich sind wir mit unserem Programm auch auf das Publikum angewiesen. Ich versuche die richtige Mischung zu finden und meine, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Auslastung liegt zurzeit bei 95 Prozent.

Und musikalisch?

Mein Spezialgebiet sind die Klassiker. Aber neben Werken von Haydn, Mozart oder Beethoven liebe ich französische Musik. Natürlich pflegen wir auch die Romantik und spielen immer wieder moderne, zeitgenössische und wenig bekannte Werke.

Copyright Emeline Pierre

Auch auf Ihren CDs, die Sie mit der Kammerakademie aufnehmen, konfrontieren Sie unbekannte Werke mit zugkräftigeren Repertoirestücken.

Gerade ist unsere Schostakowitsch-CD erschienen, auf der wir zum ersten Mal die Urfassung der Bühnenmusik eingespielt haben, die der Komponist 1932 zu einer Aufführung von Shakespeares Hamlet schrieb. Ein hochinteressantes Stück, das bei Stalin in Ungnade fiel und deswegen in der Schublade verschwinden musste. Diese Bühnenmusik haben wir mit Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1 sowie dem Klavierkonzert Nr. 2 kombiniert. Die Solistin ist Valentina Igoshina, eine sensationelle, junge Musikerin, die ungeheuer klar und sinnlich spielt. Ich glaube, da ist uns eine sehr aufregende Aufnahme gelungen.

Auf der vorangegangenen CD haben Sie ‚Werk für Streicher‘ von Heinrich Kaminski eingespielt, einem Komponisten, der ziemlich in Vergessenheit geraten ist.

Ich muss gestehen, ich kannte Kaminski bis vor kurzem gar nicht. Das Label cpo hatte die Idee zu der Aufnahme, und Kaminski war für mich eine große Überraschung. Er ist ein äußerst komplexer Komponist, der eine ganz eigene, postromantische Sprache gefunden hat, wie man sich das im 20. Jahrhundert gar nicht mehr hat vorstellen können. ‚Werk für Streicher’ ist ein wundervolles Stück, das noch dazu irrsinnig schwierig ist. Ich glaube nicht, dass es etwas vergleichbar Anspruchsvolles für Streichorchester gibt. Für mich ist Kaminski viel seriöser als so mancher berühmter Kollege. Mir gefällt seine Musik von der Struktur her beispielsweise viel besser als Mahler.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(05/2012)

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