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Dienstag, 2. September 2014

Photo: Emeline Pierre

Lavard Skou Larsen ber die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein, das Dirigieren, Sergiu Celibidache, aggressive Vermarktung und das, was ihm bei Musik wirklich wichtig ist.

"Musik ist kein Business"


Hinter dem etwas sperrigen Namen Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein verbirgt sich ein Kammerorchester, das Musik von der Klassik bis zur Moderne auf hohem Niveau interpretiert. Der in Brasilien geborene Violinist Lavard Skou Larsen ist seit 2004 Chefdirigent und Knstlerischer Leiter des Orchesters. Nicht immer steht er am Dirigentenpult, sondern leitet seine Musiker, so oft er kann, als Konzertmeister. Zusammen mit seinem Ensemble geht Skou Larsen regelmig auf Tournee und sorgt in letzter Zeit beim Label cpo fr hochinteressante Einspielungen. Nach einem Konzert im Neusser Zeughaus sprach klassik.com-Autor Miquel Cabruja mit Skou Larsen ber seine Karriere, das Dirigieren, Sergiu Celibidache, aggressive Vermarktung und das, was ihm bei Musik wirklich wichtig ist.

Herr Skou Larsen, ihr Name ist dnisch, Sie klingen wie ein sterreicher und geboren sind Sie in Brasilien.

Meine Wiege stand im sdbrasilianischen Porto Alegre. Meine Mutter ist Brasilianerin mit deutsch-italienischen Vorfahren, mein Vater war Dne. Die ersten vier Lebensjahre verbrachte ich in meiner Heimatstadt, wo mein Vater eine Geigenschule unterhielt und dirigierte. Weil er sich musikalisch weiterbilden wollte, gingen wir schlielich nach Salzburg. So konnte er in Wien bei Hans Swarowsky Unterricht nehmen, whrend meine Mutter als Bratschistin unter Bernhard Paumgarnter bei der Camerata Salzburg spielte.

Klingt nicht gerade so, als htten Sie eine wirkliche Alternative zum Musikerberuf gehabt.

Mein Vater kaufte mir die erste, kleine Geige, da war ich noch ein Embryo im Bauch meiner Mutter (lacht). Eigentlich wre ich ja viel lieber Rennfahrer geworden. Inzwischen bin ich jedoch froh, dass es anders gekommen ist, denn als Rennfahrer msste ich in meinem Alter wahrscheinlich langsam ans Aufhren denken. Ich habe es als Kind geliebt, mit meinem Vater Musik zu machen, denn fr mich war er nicht nur ein wunderbarer Lehrer und Coach, sondern auch ein wirklicher Freund. Leider ist er mit nur 46 Jahren an einer schweren Krankheit gestorben. Ich war damals zwlf. Sein Tod war so ein Schock, dass ich die Geige ein Jahr lang nicht mehr anrhren konnte.

Wie fanden Sie nach diesem Schicksalsschlag zurck zur Musik?

Meine Mutter stellte mich vor die Wahl: Wir bleiben nur in Europa, wenn du mit dem Geigespielen wieder anfngst! So nahm ich Unterricht bei Dr. Helmut Zehetmair am Mozarteum. Ich war mit seinem Sohn Thomas und den Musikern vom Hagen Quartett in einer Klasse und spielte bei den Salzburger Musici, mit denen ich auch auf Tournee ging. Ich merkte frh, dass ich ein Talent dazu hatte, beim Musizieren die Richtung vorzugeben. Schlielich hatte ich schon unter meinem Vater als zehnjhriger Konzertmeister im Schulorchester gewirkt und stellte fest, dass man von Konzertmeistergagen ganz gut leben kann.

Copyright Melanie Stegemann

Wie konnten Sie diese Belastung mit der Schule vereinbaren?

Gar nicht! (lacht) Ich sprach deshalb mit meiner Mutter und sagte: Entweder ich gehe zur Schule oder spiele Geige. Meine Mutter war ratlos und rief meinen Grovater in Brasilien an. Der wollte nur wissen, ob ich einer der besten in der Geigenklasse sei. Da meine Mutter das bejahte, meinte er: Dann nimm ihn doch von der Schule und lass ihn Geige ben! Als ich dann mein Diplom bei Zehetmair abgeschlossen hatte, studierte ich postgraduiert bei Sndor Vgh. Das war die wichtigste Zeit meiner Ausbildung und prgt mein Kunstverstndnis bis heute. Vor Vgh hatte ich Musik immer nur als Klangerlebnis empfunden. Durch ihn lernte ich, dass Musik etwas ist, das eine viel grere Bedeutung und Tiefe, einen religisen Hintergrund, einen Sinn, eine Botschaft hat Vghs Zusammenarbeit mit der Camerata Academica, sein bewusstes Artikulieren und Zelebrieren der Musik all dass hat mich sehr geprgt.

Apropos Botschaft: Im Moment drngt sich bisweilen der Eindruck auf, dass Inhalte in der Musik weniger im Fokus stehen, als Auffhrungspraxis und Notentext.

Nicht nur das. Es gibt die Pedanten, die unglaublich rumhacken, wenn man Bach mal auf einem modernen Instrument spielt, auch wenn man vielleicht hundertprozentig richtig artikuliert. Dann gibt es die anderen, die ihre Technik auf eine Art und Weise rauskehren, dass es fast schon pornografisch ist. Aber genau das wird von vielen aktuellen, berhmten Lehrern gefordert. Wir erleben Musik als Hochleistungssport, der noch dazu aggressiv vermarktet wird: Morgens geben berhmte Solisten eine Matinee in der einen Stadt, nachmittags ein Konzert in der nchsten und am Abend spielen sie dann noch an einem dritten Ort. Was soll das? Das sind doch keine Musiker. Sergiu Celibidache, der Vgh sehr bewundert hat, probte mit seinen Mnchner Philharmonikern, machte Konzerte bis zum Ende der Saison und fuhr dann nach Sizilien. Und da ist er dann fr drei Monate auf seiner Insel gesessen und hat sich die Natur angesehen, Bcher gelesen und meditiert. Danach kam er voll mit geistiger Energie wieder zurck. Genau deswegen sind seine Konzerte auch bis heute unerreicht. Das war ein wirklicher Musiker. Musik ist etwas Transzendentes und kein Business.

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Wenn Sie von Transzendenz sprechen, aus welchen Quellen schpfen Sie?

Ich bin generell ein spiritueller Mensch, vielleicht weil mein Vater starb, als ich noch sehr jung war. Meine Schwester ist Anthroposophin, ich lese auch gern Rudolf Steiner und bin davon berzeugt, dass die Wahrheit hinter der Illusion verborgen ist und darauf wartet, gefunden zu werden. Korrekte Noten ergeben lange noch keine gute Musik. Sie sind nur die Voraussetzung dafr. Jemand hat mal gesagt, dass man mit jedem guten Konzert, das man spielt, ein wunderschnes Bild im Himmel malt, das man nach seinem Tod anschauen kann. Daran glaube ich ganz fest. Auch wenn jemand zu Hause alleine spielt, bin ich davon berzeugt, dass immer zugehrt wird. Es sind ja nicht nur Menschen anwesend, auch Verstorbene, Elementarwesen, Geister, Engel Der Raum ist voll mit Leben, das wir normalerweise gar nicht wahrnehmen. Und jede schn gespielte Harmonie hat das Potential, den Zuhrer zu formen, in seinem Astralleib eine Saite zum Schwingen zu bringen.

Wann grndeten Sie Ihr erstes eigenes Orchester?

1991 grndete ich die Salzburg Chamber Soloists. Der entscheidende Impuls dazu ging von einem Freund, Alessandro Borgomanero, und seinem Bekannten, dem Geiger Rodolfo Bonucci, aus. Nachdem Bonucci vom Orchester der Accademia di Santa Cecilia eine Absage fr eine Tournee in den USA erhalten hatte, kam er auf mich zu und fragte, ob wir die Konzerte nicht zusammen machen knnten. Das war fr mich wie ein Ruf aus dem Jenseits: Mein Vater hatte in Salzburg ja ebenfalls ein Kammerorchester gegrndet, das aber wegen seines frhen Todes nur ganz kurze Zeit Bestand hatte. Ich hatte den Eindruck, dass ich dort weitermachen sollte, wo er aufhren musste. Von 1996 bis 2002 war ich dann Konzertmeister und Leiter des European Union Chamber Orchestras in England. In 2011 bin ich brigens auch zum Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt gewhlt worden.

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Wie entstand der Kontakt zur Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein?

2004 kam nach einem Konzert der Salzburg Chamber Soloists in der Dsseldorfer Tonhalle der damalige Intendant der Deutschen Kammerakademie, Matthias Gawriloff, auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust htte, ein Projekt in Neuss zu leiten. Es gab dann einen kleinen Wettbewerb verschiedener Aspiranten, den ich gewann. Anfangs war es allerdings nicht so leicht das ist wie bei einem Fuballtrainer, der irgendwo hingeht, ein paar Spieler mitbringt und andere auswechselt. Die anfnglichen Turbulenzen legten sich aber schnell, und jetzt genieen wir eine unglaublich harmonische Zusammenarbeit. Die Kammerakademie ist ein tolles und ausgesprochen sympathisches Orchester, das genau versteht, worauf ich hinaus will. Und mit unserem Orchestermanager Martin Jakubeit habe ich jemanden an meiner Seite, der musikalisch und organisatorisch mit mir auf einer Wellenlnge ist.

In Neuss begann auch Ihre eigentliche Karriere als Dirigent.

Zum Dirigieren hat mich Celibidache inspiriert. Ich habe zwar in sterreich hier und dort zum Taktstock gegriffen, aber richtig damit begonnen habe ich erst in Neuss. Und das geht inzwischen richtig gut. Wissen Sie, es gibt wenig echte Dirigenten. Eigentlich ist dieser Beruf noch nicht ausgereift.

Copyright Emeline Pierre

Der Beruf des Dirigenten ist ja auch noch nicht so alt

das stimmt. Ein Dirigent muss so vieles knnen, zu dem er gar nicht ausgebildet wird. Er muss Psychologe, Psychiater, Stratege, Theologe und ein Menschenkenner sein. Dem Bratschisten knnen Sie vielleicht etwas an den Kopf knallen, das den Geiger vollkommen aus der Fassung bringen wrde. Ein Fltist ist mglicherweise so sensibel, so dass Sie ihn nur loben und allenfalls versteckt kritisieren drfen. Man muss sich einfhlen. Genau das habe ich als Konzertmeister gelernt. Die meisten Dirigenten lernen das heute nicht mehr. Es geht doch nicht darum, dass man klar den Takt schlgt. Das ist Grundvoraussetzung, auch wenn viele Dirigenten selbst das nicht knnen. Was der da vorne pinselt, ist viel weniger wichtig, als dass man die Musiker dazu erzieht, aufeinander zu hren. Deswegen spiele ich auch, so oft es geht, als Konzertmeister zusammen mit meinen Orchestern.

Ihr Urteil ist sehr kritisch. Gehen Sie da berhaupt noch ins Konzert?

uerst selten. Nachdem ich Vgh und Celibidache erlebt und gehrt habe, ist das meistens sehr unbefriedigend. Bei den sogenannten normalen Orchestern und Dirigenten fllt so wahnsinnig viel unter den Tisch. Bei Konzerten von Spitzenorchestern und namhaften Dirigenten habe ich mich schon regelrecht zu Tode gelangweilt. Da hre ich mir lieber Barockensembles an.

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Welche Schwerpunkte setzten Sie bei Ihrer Arbeit mit der Kammerakademie Neuss?

Ich wrde gern unsere Abos verdoppeln, und in Mnchengladbach und Viersen gibt es hervorragende Sle, in denen wir auch spielen knnten. Und natrlich fnde ich es wunderbar, wenn wir strker in Kln und Dsseldorf wahrgenommen wrden. Immerhin liegt Neuss zwischen diesen Metropolen. Natrlich sind wir mit unserem Programm auch auf das Publikum angewiesen. Ich versuche die richtige Mischung zu finden und meine, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Auslastung liegt zurzeit bei 95 Prozent.

Und musikalisch?

Mein Spezialgebiet sind die Klassiker. Aber neben Werken von Haydn, Mozart oder Beethoven liebe ich franzsische Musik. Natrlich pflegen wir auch die Romantik und spielen immer wieder moderne, zeitgenssische und wenig bekannte Werke.

Copyright Emeline Pierre

Auch auf Ihren CDs, die Sie mit der Kammerakademie aufnehmen, konfrontieren Sie unbekannte Werke mit zugkrftigeren Repertoirestcken.

Gerade ist unsere Schostakowitsch-CD erschienen, auf der wir zum ersten Mal die Urfassung der Bhnenmusik eingespielt haben, die der Komponist 1932 zu einer Auffhrung von Shakespeares Hamlet schrieb. Ein hochinteressantes Stck, das bei Stalin in Ungnade fiel und deswegen in der Schublade verschwinden musste. Diese Bhnenmusik haben wir mit Schostakowitschs Konzert fr Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1 sowie dem Klavierkonzert Nr. 2 kombiniert. Die Solistin ist Valentina Igoshina, eine sensationelle, junge Musikerin, die ungeheuer klar und sinnlich spielt. Ich glaube, da ist uns eine sehr aufregende Aufnahme gelungen.

Auf der vorangegangenen CD haben Sie Werk fr Streicher von Heinrich Kaminski eingespielt, einem Komponisten, der ziemlich in Vergessenheit geraten ist.

Ich muss gestehen, ich kannte Kaminski bis vor kurzem gar nicht. Das Label cpo hatte die Idee zu der Aufnahme, und Kaminski war fr mich eine groe berraschung. Er ist ein uerst komplexer Komponist, der eine ganz eigene, postromantische Sprache gefunden hat, wie man sich das im 20. Jahrhundert gar nicht mehr hat vorstellen knnen. Werk fr Streicher ist ein wundervolles Stck, das noch dazu irrsinnig schwierig ist. Ich glaube nicht, dass es etwas vergleichbar Anspruchsvolles fr Streichorchester gibt. Fr mich ist Kaminski viel seriser als so mancher berhmter Kollege. Mir gefllt seine Musik von der Struktur her beispielsweise viel besser als Mahler.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(05/2012)

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