Die unsterbliche Geliebte, jene Adressatin eines der berühmtesten und faszinierendsten Schriftstücke Ludwig van Beethovens, bildet in der Beethovenliteratur ein derart wichtiges Topos, daß es
auch bei klassik.com nicht fehlen darf. Neben dem Heiligenstädter Testament ist es vor allem dieser Brief, in dem der sonst als so verhärmt und ruppig geltende Beethoven eine ganz andere Seite seiner Persönlichkeit zeigt. Warum man diesen glühenden Liebesbrief erst nach Beethovens Tod in seiner Wohnung fand, daß er also entweder von der Empfängerin
an ihn zurückgegeben worden sein muß oder daß Beethoven ihn vielleicht gar nicht abgesendet hat, ist neben der Frage der Identität der Angeschriebenen ein weiteres Mysterium, das diesen Brief umgibt und an dessen Verständnis
noch immer einige Menschen arbeiten. Wenn auch nicht mit Jahreszahl versehen, konnte man den Brief doch auf das Jahr 1812 datieren, da nur in diesem Jahr zu Beethovens Lebzeiten ein Montag auf den 6. Juli fiel, jenes Datum, welches Beethoven am ersten Postscriptum anbrachte. Außerdem schrieb er auf einem Briefpapier, das er nur im Jahre 1812 benutzte. Viele verschiedene Forscher haben eine Reihe an Frauen aus Beethovens Umfeld ausgemacht und in ihr besagte Angebetete gesehen. Erst in jüngster Zeit hat die Forschung offenbar Licht ins Dunkel gebracht. Durch den großen Beethoven-Biographen Thayer war es lange Zeit Therese von Brunswick, die man für die Empfängerin hielt. So geisterte ihr Phantom noch lange durch so manchen belletristischen Beitrag zur Beethovenliteratur. Ferner wurden vorgeschlagen ihre Schwester Josephine von Brunswick, verheiratete Gräfin Deym, Gräfin Marie Erdödy, Antonie Brentano und ihre Schwägerin Bettina sowie von Anton Schindler die Contessa Giulietta Guicciardi. Wenig aussichtsreich war die Erwähnung von Therese Malfatti oder der Sängerin Amalie Sebald.
Was sind die Belege, die für eine Identifizierung der unsterblichen Geliebten zur
Verfügung stehen? Zunächst möchte man die Zueignungen einiger Werke heranziehen, doch es
zeigt sich, daß fast alle der erwähnten Damen mit Widmungen bedacht wurden. Daß dabei die "Mondschein Sonate" op. 27, 2 an Giulietta Guicciardi fiel, bestärkte für einige ihren Anspruch auf die Unsterblichkeit. Durch Thayer war es wie erwähnt Therese von Brunswick wogegen Kasnelson deutlich ihre Schwester Josephine favorisierte. Einen vielversprechenden Zugang bietet, wie so oft, der Komponist selbst. Der Brief an die Unsterbliche Geliebte selber beinhaltet neben der Erwähnung von Wien noch andere halbwegs konkrete geographische Angaben, etwa den Ort K. Dies meint, wie die Beethovenforschung herausgefunden hat, Karlsbad. Hierhin begab sich Beethoven im Juli 1812, nachdem er zunächst in Teplitz zur Kur war. Weiterhin kann aus Tagebuchaufzeichnungen herausgelesen werden, daß er jene geheimnisvolle Frau kurz zuvor in Prag getroffen hat und nun ihre Ankunft in Karlsbad erwartete. In Beethovens Tagebüchern aus den Jahren 1812 bis 1817 findet man passende Hinweise: So ist dort die Rede von A., T. und M. Er beichtet 1817 in diesen Aufzeichnungen, vor fünf Jahren in K. die Frau seines Lebens, A., kenngelernt zu haben. Diese Frau muß am 6. Juli aus Prag kommend in Karlsbad erwartet worden sein. Wie es Solomon in detektivischer Auswertung der Kur-, Polizei- und Postkutschenlisten dieser Zeit herausgefunden hat, konzentriert sich der Kreise der Vermuteten auf nur noch vier Frauen, die Beethoven kannte und die im Juli 1812 in Karlsbad anwesend waren. Darunter war nur eine einzige der zuvor Erwähnten. Auf sie trafen schließlich auch die Namenkürzel zu.
Es enthüllt sich, daß A. und T. ein und dieselbe Person sind, nämlich Antonie von Brentano, deren Kosename in der ganzen Familie, auch von Beethoven benutzt, Toni war. M. schließlich ist ihre Tochter Maximiliane.
Damit scheint bewiesen, daß die Unsterbliche Geliebte Antonie von Brentano war. Letztlich wußte aber Beethoven selbst, daß er diese Beziehung nicht eingehen konnte. Obwohl er seine Liebe mehrfach beteuert, macht er direkt zu Beginn des Briefes deutlich, daß es ihm, abgesehen davon, daß er nicht mit einer verheirateten Frau durchbrennen konnte, allein aus
finanziellen Gründen schon nicht möglich war: "... nur vergißt du so leicht, daß ich für mich und für dich leben muß, wären wir ganz vereinigt". An anderer Stelle deutet er seine finanzielle Situation nochmals an: "..., und doch ist mein Leben in V. [Wien] so wie jetzt ein kümmerliches Leben". Um 1812 war Beethoven abhängig von dem jährlichen Salär, das ihm drei seiner Gönner zahlten, um ihn in Wien zu halten. Für den Unterhalt einer ganzen Familie konnte dies nicht reichen. Als er das erkannte, muß es wohl zu dem für ihn schrecklichen Eingeständnis gekommen sein, welches zu diesem Brief führte. Um so tragischer erscheint es uns, als Beethoven nach zwei mißglückten Heiratsanträgen zum ersten Male das Gefühl gehabt zu haben scheint, daß sich ein anderer Mensch wirklich um seinetwillen mit ihm verbinden wollte. Die Unmöglichkeit für Antonie von Brentano, Mann und Familie zu verlassen und sich in Schmach und Schande begeben zu müssen, weil sie sich als Adelige "nur" mit einem mittelosen Komponisten zusammengetan hätte, hat der grundsatztreue Beethoven, nicht zuletzt als Komponist des "Fidelio", sicher schmerzlich eingesehen. Traurige Folge ist, daß Beethoven nach 1812 keine uns bekannte Beziehung zu Frauen mehr eingegangen ist.